«Die Polizei würgt kleine Mädchen»

- Frankreichs grösster Youtube-Star Squeezie (30) stellt sich öffentlich hinter die seit Tagen landesweit protestierenden Schülerinnen und Schüler.
- Die in Luzern geborene Rapperin Theodora (22) wirft der französischen Polizei Gewalt gegen Kinder und Frauen vor.
- In Tours erblindete ein 16-Jähriger auf einem Auge, nachdem ihn ein Polizist mit einem Gummigeschoss traf.
Lucas Hauchard alias Squeezie (30) hat sich öffentlich hinter die Jugendlichen gestellt, die seit Tagen in ganz Frankreich für bessere Bedingungen an ihren Schulen protestieren. Ihre Forderungen «sind mehr als legitim», schreibt der grösste Youtube-Star des Landes auf Instagram, an seine Millionen Fans gerichtet. Er bewundere den Mut der Schülerinnen und Schüler. «Ich bin von ganzem Herzen bei euch. Passt auf euch auf und seid vorsichtig», schreibt Squeezie, der im Pariser Vorort Vitry-sur-Seine aufgewachsen ist.
Als ihn Follower auf die brennenden Gebäude und andere Ausschreitungen während der Proteste ansprechen, sagt er: «Niemand freut sich darüber, wenn eine Schule oder ein Feuerwehrauto brennt.» Jeder könne selbst entscheiden, ob er sich über solche Einzelfälle empöre oder seine Stimme «für die legitimen politischen Forderungen unserer Jugend» einsetze.
Wie wichtig ist dir bei Schülerprotesten das Verhältnis zwischen berechtigten Forderungen und Eskalation?
Sängerin Theodora prangert Gewalt an
Auch die in Luzern geborene Lili Théodora Mbangayo Mujinga alias Theodora (22) beschäftigen die Unruhen in ihrer neuen Heimat. Die Sängerin und Rapperin prangert in mehreren Instagram-Storys das Vorgehen der Polizei an und teilt Videos der Gewalt sowie Medienberichte.
«Wtf, man spricht von Schülerblockaden und man sieht Väter, die kleine Mädchen würgen? Die Polizei schlägt Kinder, Frauen, Schwarze, Maghrebiner, Araber, und ich könnte noch mehr aufzählen», schreibt Theodora bei Instagram. Sie bezieht sich dabei einerseits auf die Statistik, wonach Nichtweisse auch in Frankreich überproportional oft Opfer von Polizeigewalt werden.
Andererseits greift sie die Berichterstattung des Senders France 3 Normandie auf. Dieser berichtete über ein virales Video, das einen Polizisten zeigt, der am 29. September eine 14-jährige Gymischülerin aus Alençon in den Würgegriff nahm und davonschleifte. Später schrie sie, den Tränen nahe, einen Polizisten an, dass sie keine Luft mehr bekommen habe. «Ich bin etwas traumatisiert und denke oft daran zurück», erzählte die anonym auftretende Teenagerin später gegenüber France 3 Normandie.
Die 22-jährige Sängerin Theodora war einst Politikerin in der Bretagne. Ihre Familiengeschichte führte sie dorthin, wie sie «Numéro» vor einem Jahr erzählte. Sie schaffte es zum Mitglied des Regionalrates der Bretagne und später zur Vorsitzenden des Kulturausschusses. «Ich hatte Lust, die Welt etwas zu verändern. Schliesslich habe ich mich beruflich jedoch neu orientiert und mich aus der Politik zurückgezogen», erklärte Theodora.
Ihr Vater musste einst aus der Demokratischen Republik Kongo fliehen, weil er wegen der Aussicht auf ein Stipendium für den Diktator Mobutu kämpfte, der wiederum einst von der CIA an die Macht geputscht wurde, wie Theodora gegenüber «Numéro» erzählte.
Polizei nimmt Tausende Minderjährige fest
Seit rund einer Woche protestieren Schülerinnen und Schüler in Frankreich unter anderem gegen überfüllte Klassen, fehlende Lehrpersonen und Personalmangel an Schulen. Gleichzeitig kam es bei zahlreichen Aktionen zu Ausschreitungen, Sachbeschädigungen und Angriffen.
In Tours erblindete ein 16-Jähriger auf einem Auge, nachdem ihn ein Polizist bei einem Schulprotest mit einem Gummigeschoss traf. Die französische Polizeiinspektion IGPN untersucht mehrere Vorfälle im Zusammenhang mit den Protesten.
Allein am Montag wurden nach Angaben des französischen Justizministeriums Tausende Menschen festgenommen, ein grosser Teil davon Minderjährige. Für Dienstag sind erneut Proteste im ganzen Land angekündigt. Währenddessen meldet das französische Innenministerium 650 verletzte Einsatzkräfte. Ein Polizist in Belfort, unweit von Mulhouse, wurde am Boden getreten. Zudem meldet das Innenministerium 78 verletzte Schulmitarbeitende.
Squeezie, Theodora und andere Prominente tragen die Auseinandersetzung um die Schülerproteste nun weit über die Schulhöfe hinaus.
Dario Aeberli (dae), Jahrgang 1995, arbeitet seit Oktober 2023 als People-Redaktor bei 20 Minuten. Zuvor war er Lokaljournalist und beim «Migros-Magazin».
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