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Monday, October 26, 2026

Lulas bemerkenswerte Aufholjagd: Brasiliens Linke ist aus ihrer Schockstarre erwacht

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Lulas bemerkenswerte AufholjagdBrasiliens Linke ist aus ihrer Schockstarre erwacht

26.10.2026, 08:14 Uhr

imageVon Niklas Franzen, São Paulo

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Lula-Unterstützer feiern den Sieg des Amtsinhabers bei der Präsidentenwahl in Brasilien. (Foto: picture alliance/Anadolu | Fabio Teixeira)

Bei der Stichwahl um das Präsidentenamt in Brasilien setzt sich Amtsinhaber Lula überraschend gegen Herausforderer Bolsonaro durch. Nun feiert das Lula-Lager, doch sein rechter Rivale will das Ergebnis nicht hinnehmen. Eindrücke von einer historischen Wahlnacht.

Brasilien habe heute Geschichte geschrieben, sagt Ediane Maria. Sie ist 43 Jahre alt, hat eine blond gefärbte Lockenpracht und ist Politikerin der Linkspartei PSOL. Sie steht auf der Avenida Paulista, der bekanntesten Straße São Paulos. Hunderttausende haben sich hier versammelt, Fahnen schwenken, Feuerwerk kracht in der Luft. "Unser Land wird weltweit ein Beispiel setzen, wie man die extreme Rechte schlagen kann."

Maria feiert hier den Wahlsieg von Luiz Inácio Lula da Silva. Der linke Amtsinhaber lag am Sonntagabend mit 51,79 Prozent vor seinem ultrarechten Widersacher Flávio Bolsonaro, der auf 48,21 Prozent kam. Und das, obwohl Lula in der ersten Runde noch zurückgelegen hatte und auch die letzten Umfragen vor der Wahl wenig Gutes für ihn erwarten ließen. Eine solche virada - eine Wende - ist historisch. Ebenso historisch ist, dass der 80-Jährige damit zum vierten Mal das Präsidentenamt antreten wird.

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"Unser Land wird weltweit ein Beispiel setzen", sagt Ediane Maria von der Linkspartei PSOL. (Foto: Niklas Franzen)

Eine Stunde vor der Siegesfeier, im Konferenzraum eines schicken Hotels in São Paulo: Dort haben sich Funktionäre von Lulas Arbeiterpartei und Medienvertreter versammelt, um die Auszählung gemeinsam zu verfolgen. Um 22.11 Uhr tritt der frisch gewählte Präsident auf die Bühne, über der eine riesige Brasilien-Fahne prangt. Jubel, Sprechchöre, Freudentränen. Lula, seine Stimme noch heiserer als sonst, betont: Er werde Präsident aller Brasilianer sein. Und er dankt seinen vielen Unterstützern im ganzen Land.

Tatsächlich ist das Ergebnis vor allem der Sieg Hunderttausender Unterstützer, die in den letzten Wochen alles in den Wahlkampf geworfen haben. Nach dem für die Linke desolaten ersten Wahlgang war sie aus ihrer Schockstarre erwacht. In den letzten drei Wochen fanden überall im Land riesige Demonstrationen statt. Prominente drehten Solidaritäts-Videos, auf Plätzen und Straßenecken bauten Unterstützter kleine Stände auf, um Menschen von der Wahl Lulas zu überzeugen.

Gerade die Angst vor einer Amtszeit des ultrarechten Kandidaten, Sohn von Ex-Präsident Jair Bolsonaro, dürfte viele zur Wahl bewegt haben. Am Sonntag waren knapp 160 Millionen Brasilianer aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Während in der ersten Runde noch 33 Millionen den Urnen fernblieben, waren es in der Stichwahl nur noch 30 Millionen. Der Großteil dieser Wähler stimmte für Lula, wie Medienberichten zeigen.

Lulas Kampagne ist es ebenfalls gelungen, Raum im Internet zurückzuerobern. Dort hatte die Rechte bislang Oberwasser. Eine Whatsapp-Gruppe seiner Unterstützer wuchs innerhalb von nicht einmal drei Wochen auf mehr als zehn Millionen Mitglieder an. Die "Armee Lulas" flutete die sozialen Netzwerke mit Videoschnipseln, Memes und Texten, die vor einer Amtszeit Bolsonaros warnten.

Chaos am Wahlabend

Der Wahlabend war auch von Chaos geprägt. Auf Anweisung eines Richters wurde die Auszählung für zwei Stunden unterbrochen. Der Grund: In zahlreichen Städten war der öffentliche Nahverkehr eingeschränkt worden. Gerade ärmere Wähler, die häufig auf Busse angewiesen sind und tendenziell eher Lula unterstützen, könnten dadurch benachteiligt worden sein.

Die Bürgermeister, die für die Einschränkungen verantwortlich waren, stammen laut Medienberichten allesamt aus dem Bolsonaro-Lager. Ob es eine zentrale Anweisung gab, ist bislang unklar. Die Wahllokale sollten daraufhin zwei Stunden länger geöffnet bleiben, konnten jedoch keine zusätzlichen Stimmen mehr annehmen. Im Laufe des Abends erhoben schließlich beide Lager Betrugsvorwürfe. Am Ende lag Lula vorn.

Unmittelbar nach Verkündung der Wahlergebnisse kündigte Flávio Bolsonaro an, die Wahl annullieren lassen zu wollen. Auch andere rechte Politiker stimmten in diese Forderung ein. Doch ausgerechnet der Präsident des Obersten Wahlgerichts, Kassio Nunes Marques, der Bolsonaro politisch nahesteht, betonte die "absolute Sicherheit des Wahlprozesses". Zahlreiche Staats- und Regierungschefs gratulierten Lula zum Wahlsieg.

Die Bolsonaristen könnten jedoch auf anderem Wege versuchen, den Wahlprozess zu sabotieren. Bereits nach der Niederlage von Jair Bolsonaro Senior bei der Wahl 2022 versuchte sein Lager, die Macht gewaltsam an sich zu reißen, auch die Ermordung Lulas war geplant. Jair Bolsonaro Senior wurde wegen der Umsturzpläne zu 27 Jahren Haft verurteilt, die er derzeit im Hausarrest verbüßt.

"Jetzt müssen wir unsere Demokratie so entschieden verteidigen wie nie zuvor", sagt die bekannte linke Politikerin Erika Hilton ntv.de. "Dafür brauchen wir auch die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft."

Lula steht vor der Herausforderung, sich gegen einen noch konservativeres Parlament bewähren zu müssen. Die Rechten könnten auch versuchen, das Justizsystem zu ihren Gunsten umzubauen. Ebenso schauen viele Brasilianer mit Sorge gen Norden. US-Präsident Donald Trump ist ein enger Verbündeter der Bolsonaros und hatte sich mehrfach - direkt und indirekt - in den Wahlkampf eingeschaltet. So steht eines fest: In seiner letzten Amtszeit wird Lula alle Hände voll zu tun haben.

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