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Sunday, October 25, 2026

Neuer Roman von Colson Whitehead: Harlem, du Ghetto, du Mekka des Schwarzen Amerikas

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Colson Whitehead beendet mit „Cool Machine“ seine New-York-Trilogie. Die Reihe ist auch eine literarische Kulturgeschichte Harlems von 1960 bis in die 80er Jahre.

Sebastian Moll

Das Lebensgefühl einer Stadt auf wenige Worte zu verdichten, ist ein ambitioniertes Unternehmen. Doch Colson Whitehead ist kein Schriftsteller, der sich vor Herausforderungen versteckt, und so gelingt es ihm gleich mit dem zweiten Satz seines neuen Romans „Cool Machine“, den Leser jäh in seine Welt hineinzuziehen: „Die Stadt blieb in jenem Jahr ihrer Persönlichkeit treu … ein monströses Gebilde, angetrieben von angeborenem Elend, gelenkt von blankem Willen und zusammengehalten von Schneid, Wut und Bewehrungsstahl.“

Das Jahr ist 1981, die Stadt New York; das Universum, in dem sich Colson Whitehead ebenso wie seine Hauptfigur Ray Carney ein Leben lang bewegen. So beginnt der dritte Teil von Whiteheads Trilogie rund um Carney, das wie die beiden vorangegangenen ein Jahrzehnt seines Lebens und das der Stadt abbildet. Genauer genommen des Heimatstadtteils von Whitehead und Carney, Harlem, der jedoch in vielerlei Hinsicht für die ganze Stadt und teilweise auch das ganze Land steht. Jedes von Whiteheads Worten über New York könnte auch für Amerika gelten.

So schreibt er in „Cool Machine“ von den „schleimigen Träumen gieriger Männer“, die das Zentrum von New York mit immer höheren, glitzernden Hochhäusern bevölkern, um so weit weg wie möglich von den elenden Massen auf und unter der Straße zu sein“. Die 80er Jahre in Amerika sind angebrochen, die Reagan-Ära und mit ihr die Epoche des gnadenlosen Neoliberalismus und der immer extremeren Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Es ist eine düstere Vorahnung jener USA, in denen wir heute leben, und markiert den Abschluss seines dreibändigen Werkes, das zugleich als Kulturgeschichte von Harlem, New York und den USA in der Zeit zwischen 1960 und der Mitte der 80er Jahre gelesen werden kann.

Der Roman

Colson Whitehead: „Cool Machine“. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser Verlag, München 2026, 448 Seiten, 27 Euro

Whitehead arbeitet, seit er 2020 mit „Die Nickel Boys“ seinen zweiten Pulitzer-Preis gewann, an der Trilogie, die, wie er unumwunden zugibt, den Anspruch hat, an die großen Werke der afroamerikanischen Kultur wie Ralph Ellisons „Der unsichtbare Mann“ anzuknüpfen. Harlem, der Schauplatz beider Werke, nimmt in der Schwarzen Imagination einen herausragenden Platz ein. Es wird das Mekka des Schwarzen Amerikas genannt, jener Ort, an den Afroamerikaner des ganzen Landes pilgerten, weil lange Zeit nur hier eine halbwegs freie und würdevolle Existenz möglich war und deshalb eine afroamerikanische Kultur florierte wie nie und nirgendwo zuvor. Gleichzeitig blieb Harlem, wie Ellison oder auch James Baldwin beschrieben, das ewige Ghetto. Elend und Glanz, Armut und kultureller Reichtum lebten in Harlem Tür an Tür.

Sowohl der „unsichtbare Mann“ als auch Ray Carney personifizieren diesen Doppelstatus, den Harlem und seine Bewohner stellvertretend für alle Afroamerikaner in der amerikanischen Gesellschaft einnehmen. Der „unsichtbare Mann“ bleibt namens- und gesichtslos, der Mainstream der amerikanischen Gesellschaft der 50er Jahre schaut durch ihn hindurch. Ray Carney hingegen strebt nach bürgerlicher Respektabilität, schafft es jedoch nie, sein heimliches Doppelleben als Halbweltfigur abzuschütteln.

Carney wächst mit einer alleinerziehenden Mutter auf – ein Klischee Schwarzer sozialer Dysfunktion. Der Vater ist Ganove, ist mehr im Gefängnis als draußen, und wenn er auf den Straßen von Harlem unterwegs ist, dann führt er nichts Gutes im Schilde. Ray hingegen ist ein guter Schüler, studiert, heiratet Elizabeth, eine Frau aus gutem Hause, und eröffnet an der 125th Street, der Prachtstraße Harlems, ein Möbelgeschäft.

Doch die Respektabilität mag nie so ganz gelingen. Immer wieder wird Ray sich bewusst, dass er außerhalb von Harlem nichts ist. Und selbst von den vornehmeren Kreisen von Harlem, den Schwarzen Anwälten, Bankiers und Ärzten, wird er geschnitten, ganz gleich, wie gut sein Geschäft läuft.

Stattdessen klebt die Unter- und Halbwelt an ihm wie Pech. Figuren wie sein Cousin Freddie und sein Onkel Rich, die von Raubüberfällen leben, der korrupte Cop Buzz oder Zippo, ein manischer Brandstifter, der in den 70er Jahren im Auftrag von Immobilienbesitzern deren wertlos gewordene Liegenschaften abfackelt, ziehen ihn immer wieder in die Halbwelt hinab. Durch sie bleibt Carney nach Einbruch der Dunkelheit Teil eines faszinierenden, schrägen, exzentrischen Halbwelt-Universums, das Whitehead mit Figuren bevölkert, die direkt aus einem Pynchon-Roman stammen könnten.

Carney ist das, was man in Harlem einen „Fence“ nennt, ein Zaun zwischen „Tag und Nacht, den Unguten und den Aufstrebern“, wie Whitehead die beiden Welten beschreibt. Sein Protagonist lebt in der Zone, die Whitehead als „Dorvay“ bezeichnet, einer Mischung aus „dormir und éveillé“, Schlaf- und Wachzustand. Sein Job ist es, heiße Ware zu Geld zu machen und somit in den legalen Kreislauf des Kapitalismus zu spülen.

Whitehead, der bekannt dafür ist, mit Leichtigkeit Genres wechseln zu können, wählt für die Harlem-Trilogie meisterhaft die Krimiform. Jeder Band ist in drei Episoden aufgeteilt, jede von ihnen stellt einen Raubüberfall dar, an dem Carney teilnimmt – vom Ausplündern eines Safes in Harlems elegantestem Hotel, dem legendären Teresa, zum blutigen Überfall auf eine Pokerpartie mit hohen Einsätzen bis hin zum Diebstahl der Goldmedaille von Jesse Owens vor einer Auktion im schicksten Hotel New Yorks, dem Waldorf Astoria.

Doch die Trilogie ist nicht nur rasante Räuberpistole und launige Milieuschilderung mit historischer Detailgenauigkeit. Sie ist vor allem auch eine lebendige Kultur- und Sittengeschichte von Harlem. Da sind im ersten Band die 60er Jahre, die sich noch einen Restglanz der Harlem Renaissance bewahrt haben, in denen sich mit den Rassenunruhen von 1964 jedoch bereits der Abstieg des Viertels in das von Kriminalität und Drogen geplagte Ghetto der 70er Jahre abzeichnet. Darauf folgen die 70er, in denen die Mittelschicht flieht und Harlem brennt – das schmutzige Geschäft mit dem sogenannten „heißen Abriss“ und der erblühende Drogenhandel spielen eine zentrale Rolle. Und nun im dritten und letzten Teil, die 80er Jahre.

Im letzten Teil der Trilogie hat Ray Carney es geschafft, sein nach einem Brand wieder aufgebautes Geschäft floriert. Seine Frau Elizabeth hat ihr Reisebüro, das ursprünglich nur Reisen für Schwarze durch den gefährlichen Süden der 60er organisiert hatte, auf ein allgemeines Publikum ausgebaut. Doch sie bekommt noch immer von weißen Banken keinen Kredit.

So lässt sich Ray von seinem Onkel Rich noch einmal zu einem großen Coup überreden. Dabei verlassen sie Harlem und dringen in das weiße, reiche Midtown vor, wo sich das New York und das Amerika unserer Tage abzeichnet. Die Kontrolle über die heruntergekommene Stadt ist nach dem Beinahe-Bankrott von einem Konsortium an Geschäftsleuten und Financiers übernommen worden. Die Wachstumsformel lautet fortan Sparen bei staatlichen Ausgaben und Investition in das Big Business – ganz nach der neoliberalen „Trickle Down“-Theorie, die bis heute das amerikanische Leben bestimmt. Die Wolkenkratzer werden schöner und höher, während auf der Straße und in den U-Bahn-Tunneln ein Schattenreich der Obdachlosen heranwächst, ein Pandämonium der Verwilderten, das Carney an den Box-Office-Hit jener Tage, „Escape from New York“ (Die Klapperschlange) von John Carpenter, erinnert. In „Cool Machine“ stehen sie in einer klimaktischen Szene auf wie eine Zombiearmee und verbünden sich mit den Gaunern aus Harlem.

Colson Whitehead hat einmal seinen Durchbruchsroman „Underground Railroad“ als eine Art Pflichtübung bezeichnet. „Jeder macht irgendwann eine Sklavengeschichte“, sagt er und meint damit jede afroamerikanische LiteratIN. Das Buch wurde eine der wichtigsten literarischen Stimmen der Black-Lives-Matter-Ära. Die Harlem-Trilogie stellt zusammengenommen jedoch weitaus größere Ambitionen unter Beweis. Sie ist eine der großen amerikanischen Erzählungen vom Rang von Don DeLillos „Unterwelt“, Philip Roth’ „Amerikanisches Idyll“ oder David Foster Wallace’ „Unendlicher Spaß“. Sie beschreibt die afroamerikanische Erfahrung der vergangenen 50 Jahre und zeigt dabei Profundes über den Kurs, den die amerikanische Gesellschaft genommen hat, auf. Dabei bleibt Whitehead leicht, rasant und unterhaltsam und damit fest verankert in der afroamerikanischen Tradition. Als Entertainer der amerikanischen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, war schon immer Kennzeichen und Kunst afroamerikanischer Kultur. Colson Whitehead tut dies meisterhaft.

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