«Konnte nicht hinsehen»: Überlebende schildert Todesfahrt

- Bei einem Kutschenunfall im Rosegtal GR kam eine 73-jährige Frau ums Leben, zwölf weitere Personen wurden verletzt.
- Eine 67-Jährige, welche bei dem Unfall praktisch unverletzt blieb, beschreibt die Unglücksfahrt.
- Eine weitere Frau, die zuvor mit dem Kutschenunternehmen gefahren war, erhebt Vorwürfe bezüglich des Zustandes eines Pferdes.
Eine Tote und zwölf Verletzte – das ist die tragische Bilanz eines schweren Kutschenunfalls, der sich am Samstag im Rosegtal ereignet hat. Eine Reisegruppe war mit einer Pferdekutsche in Richtung Pontresina unterwegs, als der Kutscher gemäss Polizei bemerkte, dass die Bremsleistung des Gespanns ungenügend war. Er versuchte daraufhin, auf einen Ausstellplatz auszuweichen, kollidierte jedoch mit einem Baum. Mehrere Fahrgäste wurden durch den Aufprall aus dem Gespann geschleudert.
Der «Blick» konnte mit einer Frau sprechen, die ebenfalls in der Unglückskutsche, genauer gesagt im vordersten Wagen, mitfuhr. Die 67-Jährige gibt an, es gehe ihr den Umständen entsprechend gut. Sie kam mit Prellungen im Rippenbereich davon. Die Frau aus der Region Lenzburg AG ging letzten Donnerstag mit 32 weiteren Aargauerinnen und Aargauern auf eine viertägige Reise ins Engadin. Veranstalter war das Reiseunternehmen Frey, das seinen Sitz in Schlossrued AG hat.
«Plötzlich wurden wir schneller und schneller»
Die Frau habe bereits gute Erfahrungen mit dem Veranstalter gemacht, doch am Samstag kam es zum Unglück. Nach einem Mittagessen im Rosegtal ging es via Kutsche zurück. An den Rössern habe es plötzlich drei statt wie zuvor einen Wagen gehabt, was ihr aufgefallen sei. «Plötzlich wurden wir schneller und schneller, der Kutscher konnte nicht mehr richtig bremsen», so die Frau zum «Blick». Die Rösser hätten immer weitergezogen, während die «Brr»-Rufe des Kutschers und das Ziehen an der Leine nichts bewirkt hätten.
Dann sei ein Pferd gestolpert, worauf das Gespann in einen Baum geflogen sei. «Es ging alles so schnell, es konnte nicht mal jemand schreien», sagt die Frau. Später sollte sie erfahren, dass die verstorbene 73-Jährige direkt hinter ihr ganz rechts gesessen hatte. «Ich konnte nicht hinsehen, wollte auch nicht», beschreibt sie den Moment, als alle schnell ausgestiegen waren, ausser der Verstorbenen.
Vorwürfe gegenüber Unternehmen
Christina Lerch war nur zwei Tage vor dem Kutschenunglück ebenfalls Passagierin und kritisiert gegenüber dem Regionalsender Tele M1 das Unternehmen. Sie habe den Kutscher mit der Beobachtung konfrontiert, dass eines der eingespannten Pferde lahme. Dies sei als «nicht möglich» bezeichnet worden. «Was verstehen Sie von Pferden?», habe der Kutscher gefragt.
Doch damit nicht genug: An einem Vorderhuf habe sogar das Hufeisen gefehlt. Ob das betreffende Pferd auch bei der Unglücksfahrt im Einsatz war, ist nicht bekannt. Ein Kutscher erklärt gegenüber Tele M1, dass ein Pferd mit fehlendem Huf leichter ausrutschen kann. Auch dürfe es nicht passieren, dass man zwei Wagen zusammenhängt und dass die Bremsen nicht einwandfrei sind. Zwei verschiedene Bremssysteme seien vorgeschrieben.
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Das betroffene Kutschenunternehmen hat sich zum Unfall bisher nicht geäussert. Die Anwältin der Angehörigen verlangt eine umfassende und transparente Aufklärung der Unfallursache. Die Bündner Staatsanwaltschaft hat ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung eröffnet. Der Aargauer Reiseveranstalter hat indes aus Respekt die Kutschenfahrten aus seinem Programm genommen.
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Reto Bollmann (bre), Jahrgang 1991, verstärkt seit Ende 2021 als Redaktor den Newsdesk von 20 Minuten. Eine Vorliebe hat er für politische, wissenschaftliche und geschichtliche Themen.
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