Parmelin tritt ab, die Presse jubelt – das macht stutzig

Editorial zum Bundesratsrücktritt
Parmelin tritt ab, die Presse jubelt – das macht stutzig
Pressefreiheit ist auch die Freiheit, sich zu irren. War Guy Parmelin so schlecht, wie ihn die Medien anfänglich einschätzten – oder so brillant, wie sie ihn heute sehen?
Publiziert: 00:00 Uhr
Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick
Heiligsprechungen sind verdächtig. Erst recht, wenn sie von Journalisten stammen. Die Medien heben den zurücktretenden Bundespräsidenten Guy Parmelin in die höchsten Sphären. Der «beste Krisenminister» sei er, ein «erfolgreicher Bundesrat», ein «aussergewöhnlicher Politiker». Das Süssholz wird zum Teil in denselben Redaktionen geraspelt, die bei seinem Amtsantritt 2015 noch Spott und Häme über Parmelin ausgeschüttet hatten. Ein Wirtschaftsminister, der kein Englisch kann! Ein gelernter Landwirt als Forschungsminister! Mit schelmischem Gaudi hievte der «Tages-Anzeiger» damals einen unbedarften Interviewsatz des Neugewählten – «See you later!» – in die Titelzeile.
Der Hohn wich dem Staunen. Als Bundesrat bewahrte Parmelin seine ruhige Art auch in Krisenzeiten. Bloss: Er blieb eigentlich immer ruhig. Als WBF-Vorsteher hinterlässt er einen Forschungsstandort, an dem zwar rekordmässig viele Patente angemeldet werden – von denen die Schweizer Wirtschaft aber immer weniger profitiert. Die Rahmenbedingungen für Start-ups sind in Fernost und Amerika mittlerweile deutlich attraktiver. Und auf die grosse Umwälzung durch künstliche Intelligenz, auf die Frage, ob wir mit unserem bisherigen Erfolgsrezept auch künftig richtig liegen, war von ihm erstaunlich wenig zu hören. Ein Gestaltungswille wie bei Parteikollege Albert Rösti oder Finanzvorsteherin Karin Keller-Sutter war schwer zu erkennen. Parmelin profilierte sich vor allem mit seiner Freihandelspolitik. Was für einen SVP-Mann aus dem Agrarbereich durchaus beachtlich ist.
Nach der Rücktrittsankündigung ist vor der Bundesratswahl. Punkto Nachfolge weiss die «vierte Gewalt» schon wieder mit verblüffender Selbstsicherheit Bescheid. In der Pose von Häuptling Zeigefinger wird aus den Newsrooms die Order ausgegeben: Es muss eine Frau sein!
Eine Frau hatte die SVP schon einmal aufgestellt. Im Jahr 2000 portierte die Partei die Zürcher Regierungsrätin Rita Fuhrer. Die Journalisten unterstützten lieber Fuhrers Gegenkandidaten Samuel Schmid – und überschütteten ihn mit Lob.
Die Medien wissen ziemlich genau, was ein guter Bundesrat ist. Nur scheint sich diese Definition bei Gelegenheit zu ändern.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.