Zum 90. Geburtstag – Das Publikum tobte – und Steve Reich schrieb Musikgeschichte

Als Steve Reichs «Four Organs» 1973 in der Carnegie Hall erklang, buhte und trampelte ein Abo-Publikum, das eigentlich Brahms erwartet hatte. Dirigent Michael Tilson Thomas musste den Takt gegen den Lärm brüllen.
Reich sei «kreidebleich» gewesen, erinnerte er sich später. Tilson Thomas habe nur gesagt: «Das ist Geschichte.» Reich begriff erst später, dass der Eklat seiner Karriere eher genützt als geschadet hatte.
Vom Plattenspieler nach Ghana
Geprägt wurde Reich als Teenager von Bach, Strawinsky und Charlie Parker. An der Juilliard hörte er zum ersten Mal serielle Musik, am Mills College in Kalifornien prägte ihn sein Lehrer Luciano Berio – doch Reich blieb dem Puls treu: «Ich fühle mich mehr Perotin als Bach verpflichtet», sagt er.
Mehr kann ein Komponist nicht verlangen.
Aus gegeneinander verschobenen Tonbandschleifen entwickelte er das Prinzip des «Phasing». Eine Reise zu den Ewe-Trommlern in Ghana wurde zum nächsten Schlüsselerlebnis: Sie mündete in «Drumming» – für den Schlagzeuger Christoph Sietzen bis heute «in seiner Radikalität so einzigartig und gleichzeitig so bewegend».
Der Puls, der Bowie überzeugte
Mit «Music for 18 Musicians» verliess Reich den Kunstgalerie-Kontext seiner Anfänge. Der Ensemble-Modern-Perkussionist Rainer Römer erinnert sich an seine erste Begegnung mit dem Stück als Student: «Ich war völlig erstaunt. Das klang nach Elektronik – dabei sind das alles akustische Instrumente, die im Gesamtklang so etwas erzeugen.»
Die 1978 erschienene Aufnahme verkaufte sich mit 100'000 Exemplaren ausserordentlich gut – für Experimentalmusik ein beachtlicher Erfolg. David Bowie hörte das Stück in einem New Yorker Rockclub, Jonny Greenwood von Radiohead liess sich später von Reich inspirieren.
Zurück zu den heiligen Texten
Mitte der 1970er-Jahre entdeckte Reich, wie er sagte, sein «religiöses Gen» und wandte sich seinem jüdischen Erbe zu. Mit «Tehillim», einer Vertonung hebräischer Psalmen, und «The Desert Music» nach Gedichten von William Carlos Williams fand er zu einer Musik, die Text und Puls verschmilzt, ohne sentimental zu werden.
In «The Cave» liess er Israelis, Palästinenser und Amerikaner erzählen, wer Abraham für sie sei. Schon zuvor hatte er in «Different Trains» Stimmen von Holocaust-Überlebenden musikalisch verarbeitet. Auf die Frage, ob Kunst Krisen verhindern könne, verweist er nüchtern auf Picassos «Guernica»: Das habe weder Kriege noch Anschläge verhindert.
Autorität und Liebe
Heute wird Steve Reich, wie er selbst sagt, «von Gruppen gespielt, von denen ich noch nie im Leben gehört habe» – von Ensembles aus Japan oder Riga und von einer Generation, die sich selbstverständlich zwischen Mozart, Bartók und Radiohead bewegt. Dass seine Musik von Musikern gespielt wird, die mit Klassik und Rock zugleich aufgewachsen sind, hätte vor 50 Jahren kaum jemand erwartet.
Für Reich liegt darin eine «befriedigende Eleganz»: Ausgerechnet jene Musik, die einst das Konzertpublikum gegen ihn aufbrachte, ist heute Teil einer Welt, in der die Grenzen zwischen den musikalischen Sprachen durchlässig geworden sind. Wenn diese Musik funktioniert, sagt Reich, spürt man «sowohl Autorität als auch Liebe. Mehr kann ein Komponist nicht verlangen».
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