Die Jäger der Geisternetze
Herrenlose Fischernetze sind eine tödliche Falle für Meerestiere und belasten die Ozeane mit Plastik. Speziell ausgebildete Taucher bergen sie aus der Nordsee – oft unter schwierigen Bedingungen.
23.09.2026 | 5:00 minSechzehn Taucher bereiten sich im Hafen von Bensersiel in Ostfriesland auf ihren Einsatz vor. Sie sind "Tec Diver", technische Taucher, speziell ausgebildet für schwierige Tauchgänge und auf der Suche nach Geisternetzen. Herrenlose Netze, die im Meer umher treiben und eine Gefahr für die Umwelt darstellen. Für die Taucher eine Herausforderung:
"Man muss als Team gut zusammenarbeiten, besonders bei der schlechten Sicht", erklärt Einsatzleiter Derk Remmers. "Wir tauchen hier mit Nitrox, das ist ein Mischgas mit erhöhtem Sauerstoffanteil, für eine kürzere Aufstiegsphase, um nicht bei Stopps möglicherweise weggetrieben zu werden."
Ziel: Das Wrack der "Tanar"
1959 kollidierte ein 140 Meter langer türkischer Frachter im Nebel mit einem anderen Schiff und sank. Seitdem liegen die Trümmer des Schiffs in etwa 20 Metern Tiefe. "Das Schiff ist schon vor langer Zeit gesprengt worden, damit es kein Hindernis für die Schifffahrt darstellt", erklärt Kai Wallasch von Ghost Diving Germany. "Wir fahren meist an bekannte Wrackpositionen, denn an diesen Hindernissen verfangen sich die Netze dann auch immer". Seine Kollegin Natalie Gielen ergänzt:
Gerade hier in der Nordsee haben wir natürlich durch die beiden Weltkriege viele Wracks. Wir können nahezu sicher sein, dass wir dort bei Netzen fündig werden.
Natalie Gielen, Ghost Diving Germany
Zwischen Langeoog und Baltrum geht es raus auf die offene See. Der Begleitkutter, auf dem die gefundenen Geisternetze zum Hafen zurück gebracht werden, startet zuerst. Er braucht gegen das auflaufende Wasser gut zwei Stunden bis zur Wrackstelle. Die Taucher folgen auf PS-starken Schlauchbooten.
Der gestrandete Wal Timmy hat mit ihnen zu kämpfen: Teile von Fischernetzen. Tonnenweise liegen sie auf dem Meeresgrund und werden zu tödlichen Fallen. Eine Taucherin berichtet bei ZDFheute live.
27.04.2026 | 12:43 minKaum Sicht und nur eine Stunde Zeit
Der Tauchgang erfolgt bei höchstem Wasserstand, dem Übergang von auflaufendem zu ablaufendem Wasser. Für knapp eine Stunde herrscht dann die geringste Strömung und die Taucher können unter Wasser arbeiten.
"Wir haben hier ganz feines Sediment im Wasser, das macht die Sicht so schlecht. Man sieht so einen Meter weit, und wenn die Taucher die Netze zerschneiden und Sediment aufsteigt, noch weniger. Man kann nur noch tasten", erklärt Projektleiter Remmers die Herausforderung unter Wasser.
Unsere Meere versinken im Plastikmüll. Was tun?
01.04.2022 | 24:16 minDie Taucher arbeiten zu zweit. Abgeschnittene Netzreste steigen an Hebesäcken hoch und werden per Schlauchboot zum Kutter gebracht. "Bei Netzen gibt es wahnsinnig viele unterschiedliche Formen, Farben und Variationen", erzählt Natalie Gielen.
Wir wissen noch nicht einmal, wo die Netze herkommen. Die treiben einfach hierher, über Jahre, Jahrzehnte zum Teil.
Natalie Gielen, Ghost Diving Germany
Geisternetze: Ein weltweites Problem
"Die Netze sind konstruiert, um Fische zu fangen. Das machen die auch weiter, wenn sie nicht mehr am Schiff befestigt sind", beschreibt Derk Remmers die häufig tödliche Falle für Fische, Vögel, Robben, Schweinswale und andere Meeresbewohner.
Das ist schlecht für die Umwelt und aus den Netzen wird Mikroplastik.
Derk Remmers, Ghost Diving Germany
In den letzten Jahren hat Ghost Diving Germany in mehreren Aktionen Geisternetze aus der Nordsee geholt. Die Gesamtmenge beträgt dabei rund 1,8 Tonnen.
Verloren und illegal entsorgte Geisternetze treiben durch die Ozeane und stellen eine tödliche Gefahr für die Meeresbewohner dar. Sie zu bergen ist eine Mammutaufgabe
20.02.2023 | 1:58 minWie viele Geisternetze es insgesamt in der Nordsee gibt, weiß niemand. Wissenschaftler haben festgestellt, dass die Verlustrate in der Fischerei insgesamt groß ist: Weltweit gehen rund zwei Prozent aller Ausrüstungsgegenstände durch Stürme, Strömung oder Hindernisse im Wasser verloren, so eine Studie von 2022, die in "Science Advances" veröffentlich wurde. "Es ist nicht sinnlos, was wir hier machen", betont Taucherin Natalie Gielen, "auch wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist".
Wichtig ist, dass das Zeug raus kommt und dass wir durch solche Aktionen zeigen können, was hier unten alles liegt und das Wattenmeer wirklich bedroht.
Natalie Gielen, Taucherin
Für den Schutz der Meere engagieren sich Menschen weltweit - in Projekten, die manchmal klein anfangen, aber Großes bewirken.
19.07.2025 | 43:51 minUpcycling macht aus Alt Neues
Gemeinsam mit einem Partnerunternehmen versucht Ghost Diving Germany möglichst viel Material zu recyceln. Dabei ist vor allem Nylon interessant. "Ich habe beim Rausziehen Stücke gesehen, die wären geeignet zum Upcycling. Da kann man Armbänder draus machen oder Hundeleinen und so weiter", meint Kai Wallasch. Was dann übrigbleibt, wird thermisch verwertet.
Geisternetze belasten die Meere weltweit. In Spanien machen Start-ups daraus Möbel, Surfbretter und Deko.
02.07.2026 | 2:15 minIm vierten Jahr sind die Taucher jetzt im Wattenmeer aktiv. 2021 hatte sich das deutsche Chapter der internationalen Organisation gegründet. Alle Taucher sind ehrenamtlich dabei, nutzen ihren Urlaub für diese Aktionen, die trotz allem nicht günstig sind: Rund 5.000 Euro kostet allein dieser Einsatz mit zwei Schlauchbooten und dem Kutter. Ohne Sponsoren wäre sie nicht möglich, die Mission der Jäger der Geisternetze.
Katharina Weisgerber ist ZDF-Redakteurin und Reporterin im ZDF-Landesstudio Bremen.
Über dieses Thema berichtete das ZDF in der Sendung "Volle Kanne" am 23.09.2026 ab 09:05 Uhr.
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