Roman „Das tickende Herz“: In einer wunderlich verstrahlten Welt

Lutz Seiler geht in „Das tickende Herz“ kreative Wagnisse ein und lässt das Magische realistisch erscheinen. Von Berlin bis Semipalatinsk spannt sich die Handlung.
Foto: Bildgehege/imago
Nur zwei Schriftsteller haben in ihrer Karriere alle vier wichtigsten deutschen Literaturpreise gewonnen. Neben Terézia Mora hat Lutz Seiler diesen Grand Slam aus Büchnerpreis, Bachmannpreis, Buchpreis und dem Preis der Leipziger Buchmesse vorzuweisen. Nun ist mit „Das tickende Herz“ sein neuer Roman erschienen – kann er das Versprechen dieser preisgekrönten Karriere einlösen?
Der 63-Jährige knüpft in diesem Roman an Bekanntes an. Wie im Vorgänger „Stern 111“ steht der Lyriker und Maurer Carl Bischoff im Mittelpunkt. Zur Erinnerung: Carl zog unmittelbar nach der Wende aus der thüringischen Provinz in den wilden Osten des wiedervereinigten Berlins auf der Suche nach Liebe und künstlerischer Selbstverwirklichung.
Die Handlung setzt etwa zehn Jahre später wieder ein, wir befinden uns im Prenzlauer Berg kurz nach der Jahrtausendwende. Eigentlich ist alles beim Alten, Carl ist nach wie vor ein erfolgloser Lyriker mit großen romantischen Ambitionen. Allein sein Wohnsitz hat sich 100 Meter weiter nach Osten auf die andere Seite der Prenzlauer Allee verlagert.
Das Buch
Lutz Seiler: „Das tickende Herz“. Suhrkamp, Berlin 2026, 464 Seiten, 28 Euro
Dass er zwischen „Stern 111“ und „Das tickende Herz“ eine Beziehung geführt hat und aufs Land gezogen ist, spielt keine Rolle. Mit einer Trennung, die kurz vor dem Einsetzen der Handlung vollzogen wird, und der Rückkehr in die Hauptstadt stellt Seiler den bekannten Ausgangszustand wieder her. Verändert hat sich der historische Kontext; während Carl im Berlin der frühen Neunziger noch ein Stemmeisen und ein neues Schloss genügten, um eine ohnehin leerstehende Altbauwohnung zu beziehen, ist er nun auf die Gunst von Maklern angewiesen.
„Das tickende Herz“ spannt sich von West nach Ost zwischen Amsterdam, Berlin, Vilnius und Semipalatinsk auf. Vorangetrieben werden die Ereignisse von der mysteriösen Aysha, die Carl im Auftrag einer internationalen Gesellschaft für Lyrik kontaktiert. Endlich scheint jemand sein Genie entdeckt zu haben, er tritt auf internationalen Festivals auf, und – wie könnte es anders sein – verliebt sich in Aysha.
Kurz meint man hier einen klassischen Künstlerroman zu lesen: Eben noch war Carl wie auch sein Schöpfer Seiler als Maurer tätig, bevor endlich jemand auf sein literarisches Talent aufmerksam wird. Das ist aber nur ein winziger Teil dieses Romans, der schwer mit klassischen Genre-Begriffen zu fassen ist. Wenn man einmal glaubt, ihn gepackt zu haben, entwindet er sich alsbald.
Die einzelnen Stationen von Carls Reise auf dem Weg nach Osten werden mit einer solchen Ernsthaftigkeit verhandelt, dass man jedes Mal meint, Carl sei angekommen, hier wird er bleiben.
Seiler durchdringt die Phänomene literarisch, etwa, wenn Carls Tätigkeit als Maurer in dem Bild des „Kalkdaumens“ gefasst wird: „Wenn der Kalk die Haut trocken und spröde machte, schrumpften die Hände. Eine Spannung entstand, die den Daumen des Maurers wie von selbst auf den Handteller zog, erst den Daumen und dann die anderen Finger, nach und nach, die Hand schloss sich zur Faust. Ein Phänomen, das Menschen vom Bau den Kalkdaumen nannten.“
Lutz Seiler ist mehr als ein Autor der Wende. Er erschließt neue Welten. Nur bei einem Thema gehen ihm hier die Pferde durch
Auch die nächste Etappe der Entdeckung Carls auf Lyrikfestivals wird sehr ernsthaft angegangen, ein Mikrokosmos von über den Dingen schwebenden Künstlern des Wortes eröffnet, doch dann geht die Reise wieder in eine vollkommen unerwartete Richtung. Diese Unsicherheit ist meisterlich, weil sie eine Ungewissheit über den Fortgang der Handlung erzeugt, in der kein Verlass auf gängige Erzählmuster ist. In einer Welt, in der schon vieles erzählt wurde, besitzt Seiler die Gabe, grundsätzlich Neues zu schaffen.
Zugleich verliert er sich dabei nicht in postmodernen Spielereien, die Handlung besitzt einen Kern, der im Verlauf des Romans freigelegt wird. Carl wird in Wirklichkeit gar nicht wegen seines lyrischen Talents entdeckt (keines seiner Gedichte ist im Roman zu lesen), sondern wegen seiner Erfahrung mit radioaktiver Strahlung; als Kind ist er Opfer eines Unfalls im Uranbergbau der DDR geworden.
Aysha wiederum ist Schamanin einer nomadischen „Sippe“, die auf dem atomaren Testgelände der UdSSR im heute kasachischen Semipalatinsk siedelt und mit den Spätfolgen der Verseuchung kämpft. Von Carl erhoffen sie sich Expertise über die Linderung ihrer Schmerzen.
Verbunden werden diese scheinbar losen Enden von magischen Motiven. Carl bekommt bei der ersten Begegnung mit Schamanin Aysha eine Knospe in die Hand eingepflanzt. Bis zum Endpunkt seiner Reise in Semipalatinsk wird sie erblühen. Diese schamanischen Fähigkeiten erscheinen nicht als Hokuspokus. In der Welt des „tickenden Herz“ sind sie eine plausible Wirkung radioaktiver Verstrahlung. Seilers einzigartige Form lässt das Magische realistisch erscheinen.
Allein in der Verhandlung der romantischen Beziehung gehen Seiler die Gäule durch. Wie schon in den Vorgängerromanen sind Männer verträumte Schwärmer, die auf der Suche nach Liebe nur auf unergründliche, nymphenhafte Sexwesen treffen. Im Buchpreisgewinner „Kruso“ taucht so ein Wesen plötzlich im Bett des Protagonisten auf, in „Stern 111“ trifft der junge Carl auf seinen Schulschwarm, der sich ihm in Nullkommanix zum Akt hingibt.
Seiler und der nun um zehn Jahre gealterte Carl sind sich in „Das tickende Herz“ treu geblieben. Die kasachische Schamanin erscheint ungeheuer begehrenswert, Carl verfällt ihr im ersten Augenblick, nur bleibt sie aus ihm unverständlichen Gründen vollkommen unempfänglich für seine Liebe. Okay, sie schlafen miteinander, aber dieses weibliche Wesen erscheint solch irdischen Interessen enthoben, ihr Innenleben bleibt ein Rätsel.
Diese Fetischisierung irritiert, weil sie im Vergleich zur großen Originalität Seilers merkwürdig platt ist. Alles an diesem Buch ist neu, nur dieses Verhältnis zu Frauen ist ein alter Schuh.
Bei dem kreativen Wagnis, das sein neuer Roman darstellt, kann man ihm das verzeihen. Formal wie inhaltlich ist die Balance zwischen Innovation und Verständlichkeit fein austariert. Es ist dieses Verhältnis von künstlerischer Ambition und Zugänglichkeit, das Seiler so preiswürdig macht.
Seine Romane werden sowohl von der Literaturkritik als auch vom großen Publikum mit Genuss verzehrt. Mit „Das tickende Herz“ beweist Seiler zudem seine Vielseitigkeit. Nach seinen ersten beiden Romanen hätte man ihn vielleicht ausschließlich als Wendeautor betiteln können, hier beweist er, dass er vollkommen neue Welten erschließen kann.
Dokus „Hiddensee“ und „Salz und Wasser“ Ostseestrand und Südpolgletscher
Mit „Hiddensee“ von Annekatrin Hendel sowie „Salz und Wasser“ von Ines Reinisch kommen gleich zwei Dokumentarfilme mit maritimen Themen in die Kinos.
Von Wilfried Hippen
Hiddensee Die Mentalität der Insel
Essay von Gerhard Fitzthum
Die Zeit steht still, die Natur ist unberührt, die Touristen benehmen sich und es gibt wenig AfD. Eine Ode an Hiddensee.
Neuer DDR-Roman von Karsten Krampitz Freiheit mit Behinderung
Karsten Krampitz erzählt von einer Freiheit, die in der DDR in einer Nische möglich war. „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ heißt der Roman.
Von Fokke Joel
10 Ausgaben für 10 Euro Die Wochenzeitung mit taz-Blick
Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört. Jetzt zehn Wochen lang kennenlernen.
- Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört
- Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
- Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion
- Mit Zukunftsteil zu Klima, Wissen & Utopien
- Mit Regionalteil „Stadtland“ für alles Wichtige zwischen Dorf und Metropole
10 Wochen für nur 10 Euro
wochentaz ausprobieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.