Gestörte Trinkkultur: Warum wir uns betrinken
Alkohol schmeckt den meisten Menschen anfangs nicht besonders. Entscheidend ist seine Wirkung: Schon kleine Mengen Alkohol dämpfen unser Großhirn und lockern seinen "Kontrollgriff" auf die anderen Gehirn-Areale. Unsere inneren Regeln und Verpflichtungen geraten in den Hintergrund - wir handeln freier, spontaner und emotionaler. Weniger an den langfristigen Konsequenzen unseres Tuns orientiert, genießen wir den Augenblick.
In der Wissens-Kolumne von NANO und Terra X auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpertinnen und Gastexperten jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
Zusätzlich verändert Alkohol unsere Wahrnehmung: Wir erleben unsere Mitmenschen als attraktiver, was der Kontaktanbahnung dient. Gemeinsamer Konsum verringert zudem im Sinne einer Verbrüderung soziale Ungleichheiten. Bei größeren Mengen Alkohol lassen sich gar unangenehme Gefühle wie Angst, Trauer oder Verzweiflung, aber auch Schmerzen mindern.
Durch die Dämpfung unseres Großhirns wird es mit steigender Trinkmenge immer schwerer, dem Weitertrinken Einhalt zu gebieten: Unfälle, Stürze oder aggressive Ausfälle werden im Rausch nur eingeschränkt wahrgenommen und später oft nicht mehr eindeutig erinnert.
Alkohol gehört beim Feiern oft dazu. Doch zwischen Genuss und Kontrollverlust liegt ein schmaler Grat. Leon Windscheid fragt, warum wir trinken, obwohl wir wissen, dass es schädlich ist.
17.08.2026 | 43:29 minDas Belohnungszentrum will immer mehr
Entscheidend ist dabei, dass Alkohol unmittelbar auf das Belohnungszentrum in unserem Gehirn wirkt. Positive Alkoholerfahrungen werden dabei mit Situationen und sozialen Kontexten verknüpft und erzeugen die Erwartung: "Je mehr, desto besser."
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In ähnlichen Situationen meldet sich das Belohnungssystem künftig automatisch mit dem Impuls, Alkohol zu konsumieren. Jede Beschränkung des Alkoholkonsums erleben wir dann als gegen unser natürliches Bedürfnis gerichtet.
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13.01.2025 | 26:59 minWir leben in einer gestörten Trinkkultur
Gesellschaften haben schon immer versucht, alkoholbedingte Risiken zu begrenzen. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch: Gesetze, Altersgrenzen oder Promillevorschriften wirken nur dann nachhaltig, wenn sie von kulturellen Normen begleitet werden, deren Einhaltung wir uns auch innerlich verpflichtet fühlen.
Ländern um den Mittelmeerraum ist das relativ gut gelungen: Hier ist der Rausch eindeutig als peinliche Schwäche - auch unter Jugendlichen - verpönt. Einsames Trinken insbesondere von Spirituosen außerhalb von Mahlzeiten gilt als asozial. Deutschland ist dagegen als gestörte Trinkkultur zu bezeichnen, weil hier keine hilfreichen Normen im Umgang mit Alkohol bestehen.
Alkoholabhängigkeit ist stark stigmatisiert
Rund 80 Prozent der erwachsenen Bevölkerung trinkt Alkohol, davon ein erheblicher Teil in einer körperlich schädlichen Menge. In vielen Situationen gehört Alkohol dazu, sodass Nichttrinkende als abweichend auffallen. Hinsichtlich der Trinkmenge gilt: "Trinke so viel wie Dein Nachbar", was dazu führt, dass Vieltrinkende mit Vieltrinkenden trinken und das Gefühl haben, alles richtig zu machen.
Da gleichzeitig das Bild der Alkoholabhängigkeit stark stigmatisiert ist, gilt der Grundsatz, dass man sich in den Konsum von anderen nicht einmischen soll. So werden Betroffene mit riskantem Alkoholkonsum nicht rechtzeitig durch ihr Umfeld angesprochen. Die Folge ist, dass hierzulande niemand kulturell vermittelt bekommt, wie man "richtig", also risikoarm, trinkt.
Vlada war in der Sucht gefangen. Sie hat es geschafft, sich zu befreien. Heute lebt sie nüchtern und macht Betroffenen Mut.
01.07.2023 | 16:54 minAlkohol und Rapmusik - eine schädliche Kooperation
Hinzu kommt der industrielle Vertrieb des Rauschmittels: Ganze drei multinationale Konzerne produzieren weltweit über 70 Prozent des Alkohols. Sie verdrängen systematisch lokale, anlassbezogene und kulturell eingebundene Konsumformen. Überall ist eine Vielzahl von Alkoholprodukten zu einem vergleichsweise geringen Preis vorhanden.
Die Alkoholindustrie umgeht dabei geschickt alle Werbeeinschränkungen, indem sie sich auf das Internet und das Produktplacement verlegt hat. Außerdem sponsert sie in großem Stil die Rapmusik, in der der Alkoholexzess gepriesen wird. Die positive Wirkungserwartung wird dadurch zusätzlich mit einem Markenimage von Sozialprestige, Freiheit, Zugehörigkeit und sexueller Enthemmung aufgeladen.
Carolin war alkoholsüchtig, wie ihre Mutter - bis ihr der Entzug gelingt. Doch ist Alkoholsucht genetisch veranlagt?
21.07.2025 | 27:10 minAlkohol verbannen? Nein, aber …
Bislang ist es keiner Gesellschaft gelungen, den Alkohol vollkommen zu verbannen. Stattdessen sollte eine wirkungsvolle Alkoholprävention die positive Wirkung von Alkohol sehr wohl anerkennen, um auf dieser Grundlage Menschen zu einem möglichst risikoarmen Konsum zu befähigen.
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Bewährt hat sich dabei ein Mix aus eher repressiver Prävention - wie die Anhebung der Alkoholsteuer, die Verringerung der Zugänglichkeit und Werbung sowie Alkoholverbote im Straßenverkehr und am Arbeitsplatz - und andererseits der kompetenzerweiternden Vermittlung von Trinkkultur, also eines in risikoarme Rituale eingebundenen, seltenen Alkoholkonsums im Jugend- und frühen Erwachsenalter. Vollkommen sinnlos scheint es dagegen, einfach die Altersgrenzen für Alkoholkonsum weiter anzuheben, um dann die Betroffenen ab einem bestimmten Alter unvorbereitet trinken zu lassen.
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16.08.2024 | 24:27 min... ist Professor für Klinische Psychologie an der Medizinischen Hochschule Brandenburg. Er ist seit über 40 Jahren in der Behandlung von Abhängigkeitskranken und ihren Angehörigen tätig. Als Autor beschäftigt er sich in seinen Büchern und wissenschaftlichen Studien mit dem Thema Sucht. Seine Arbeitsgruppe forscht über computerbasierte Möglichkeiten der Rückfallprävention in der Suchtbehandlung.
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