Zahlen, bitte! Verschollen im Pazifik: Amelia Earharts tragischer Rekordversuch
Sie waren bereits 19 Stunden in der Luft, auf der drittletzten Etappe der geplanten Weltumrundung. Am 2. Juli 1937 brach der Kontakt zur Lockheed Electra 10E ab, die die Flugpionierin Amelia Earhart steuerte. Gegen 8:43 Uhr Ortszeit funkte Earhart die letzte Positionsangabe durch (Standlinie 157°/337°). Ihr Ziel, die Howlandinsel, erreichten sie nie. Statt als erster Mensch die Erde am Äquator zu umrunden, verschwand sie nach drei Vierteln der Flugstrecke.
Auch eine der größten Suchaktionen der Luftfahrtgeschichte brachte keine Klarheit. Im Oktober 2026 ging eine Forschungsexpedition der Purdue University im US-Bundesstaat Indiana der Frage nach, ob Amelia Earhart auf dem abgelegenen Nikumaroro-Atoll notlandete. Bereits 2020 wurde auf Satellitenbildern das „Taraia-Objekt“ entdeckt.
In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.
Eine scheinbar silbrig schimmernde Struktur, die in etwa die Größe von Earharts Flugzeug hatte, lag dort in der Lagune der Insel. Das 17-köpfige Team setzte sich aus Mitgliedern von Earharts ehemaliger Universität, an der sie als Karriereberaterin für Frauen und Beraterin der Aeronautik-Abteilung gearbeitet hatte, und der gemeinnützigen Organisation Archaeological Legacy Institute (ALI) zusammen. Sie konnten jedoch kein Licht ins Dunkel um das Schicksal von Amelia Earhart bringen.
Zwar stellte sich heraus, dass es sich bei dem scheinbaren Flugzeugwrack in Wirklichkeit um ein paar angespülte Bäume handelte, sie bleiben aber dabei, dass das Nikumaroro-Atoll ein möglicher Landeort ist, an dem Earhart notlandete. Dafür gibts Indizien.
Wer war Amelia Earhart?
Sie lotete die Grenzen der Luftfahrt aus. Und sie war Vorreiterin in der Rolle der Frau. Geboren wurde sie am 24. Juli 1897 in Atchison, Kansas. Sie wuchs zumeist bei den Großeltern auf, da ihr Vater, ein deutsch-amerikanischer Jurist, unter der Alkoholkrankheit litt.
Schon als Kind zeigte sie sich als Draufgängerin: Eine Achterbahn auf der Weltausstellung faszinierte sie so sehr, dass sie 1904 aus alten Holzbrettern vom Schuppendach aus eine eigene baute. Zwar stürzte die Holzkiste mit ihr ab, wobei sich Earhart an der Lippe verletzte, aber sie zeigte früh, dass sie unerschrocken war, wenn sie etwas begeisterte. Basketball spielen, an Autos herumschrauben oder mit dem Gewehr Ratten jagen – das hatte eher etwas von Luke Skywalker als von einem adretten Mädchen, wie sie die damalige Gesellschaft erwartete, aber das war Amelia egal.
Amelia Earhart um 1928.
(Bild: Underwood and Underwood)
Die ersten aus Stoff, Holz und Fahrradteilen zusammengezimmerten Flugzeuge begeisterten die zehnjährige Amelia jedoch nicht, als sie sie erstmals auf der Iowa State Fair in Des Moines sah. Die Leidenschaft fürs Fliegen begann erst ein Jahrzehnt später, als sie und eine Freundin im Jahr 1918 auf der Canadian National Exhibition in Toronto eine Stunt-Flugshow besuchten und ein Pilot die beiden entdeckte. Zwar blieb sie am Boden, aber das kleine rote Flugzeug, das im Tiefflug an ihnen vorbeirauschte, zog sie in einen Bann zwischen Angst und Vergnügen.
Ein Rundflug weckt die Begeisterung fürs Fliegen
Neugierig geworden, besuchte Earhart mit ihrem Vater Ende Dezember 1920 eine Flugveranstaltung in Long Beach, Kalifornien. Sie buchte einen zehnminütigen Rundflug beim Piloten Frank Hawks und war hin und weg: Das wollte sie fortan selbst schaffen.
Sie arbeitete in verschiedenen Jobs und sparte ihr ganzes Geld für Flugstunden bei der Flugpionierin Neta Snook. 1921 kaufte sie ihr erstes eigenes Flugzeug: einen zweisitzigen, offenen Doppeldecker vom Typ Kinner Airster, den sie „The Canary“ taufte. Ein Jahr später stellte sie damit ihren ersten Frauenrekord auf: Sie erreichte eine Höhe von rund 4300 Metern.
Amelia Earhart vor der Lockheed Electra 10E.
(Bild: Purdue Research Foundation)
1928 wurde ihr eine große Ehre zuteil. Sie durfte als erste Frau an einer über zwanzigstündigen Nonstop-Atlantiküberquerung teilnehmen, allerdings nur als Passagierin. Das packte sie bei ihrem Ehrgeiz. Nach der Landung sagte sie: „Stultz ist die ganze Strecke alleine geflogen – zwangsläufig. Ich war nur Gepäck, wie ein Sack Kartoffeln. […] vielleicht werde ich es eines Tages alleine versuchen.“ Ein Buch über diesen Flug wurde zum Bestseller und Amelia Earhart wurde eine Ikone der Frauenbewegung. In den Jahren darauf stellte sie sieben Distanz- und Geschwindigkeitsrekorde bei den Frauen auf.
1932 alleinige Überquerung des Atlantiks
1932 machte sie ihre Ankündigung wahr, den Atlantik allein zu überqueren: In einer Lockheed Vega 5B startete sie am 20. Mai ihren Flug von Neufundland nonstop nach Paris. Zwar musste sie wegen schlechten Wetters und technischer Probleme in Nordirland notlanden, aber prinzipiell hatte sie es geschafft. Sie war nicht nur die erste Frau, die alleine den Atlantik bezwang, sie war auch der erste Mensch überhaupt, der ihn zweimal überflog.
Ihr größtes Abenteuer plante sie für 1937. Sie wollte, als erster Mensch überhaupt, am Äquator die Erde umrunden. Die Lockheed Electra 10E finanzierte die Purdue Research Foundation; Earhart sollte das Flugzeug nach dem Flug an die Universität zurückgeben. Earhart ließ das Flugzeug umfangreich umbauen, um es mit mehreren Zusatztanks langstreckentauglich zu machen.
Ein erster Versuch scheiterte im März 1937 aufgrund eines Startunfalls. Weil sich die Reparatur hinzog, lief die Freistellung ihres Navigators Harry Manning bei seiner Reederei aus; zudem war Earhart mit ihm unzufrieden. Er schied aus. Der zweite Flug startete am 1. Juni 1937 in Miami, mit an Bord: Navigator Fred Noonan. Als sie am 2. Juli in Lae (Neuguinea) startete, hatte sie bereits Station in Brasilien, Westafrika, Kalkutta und Rangun gemacht und insgesamt 35.000 Kilometer zurückgelegt.
Verschollen auf der drittletzten Etappe
Auf der Howlandinsel sollte sie nachtanken und Vorräte laden, um dann über Hawaii nach insgesamt etwa 47.000 Kilometern wieder in Oakland zu landen. Nach 19 Stunden Flug traten jedoch Probleme auf. Die USCGC Itasca, die sie per Funkpeilung zu der kleinen Pazifikinsel lotsen sollte, empfing zwar Funksprüche des Flugzeugs, aber die Antworten kamen bei Earhart nicht an. Am 2. Juli 1937 brach dann der Kontakt ab. Das Flugzeug kam nie am Ziel an.
Auch eine gewaltige Suchaktion mit 66 Flugzeugen und neun Schiffen, die rund 680.000 Quadratkilometer absuchten, führte nicht zum Erfolg: Am 18. Juli 1937 wurde die Suche eingestellt. Amelia Earhart wurde am 5. Januar 1939 für tot erklärt.
Über Jahrzehnte blieb das Verschwinden ein Mysterium und Verschwörungsmythen schossen ins Kraut: Mal soll Earhart von japanischen Truppen gefangen genommen worden sein, mal soll sie unter einem anderen Namen untergetaucht sein. 2024 glaubte ein Immobilieninvestor auf Sonaraufnahmen im Pazifik das Wrack entdeckt zu haben – eine Unterwassermission stellte jedoch fest, dass es sich nur um eine markante Felsformation handelte.
Suchmission im Jahr 2026
Als sich im Jahr 2026 ein Team ihrer Universität aufmachte, das Taraia-Objekt zu untersuchen, gab es Indizien, die eine Notlandung dort plausibel erscheinen ließen. Die Funkpeilung der letzten Funksprüche, die verschiedene Stationen aufnahmen, zeigte in die Region. Außerdem wurden auf der Nikumaroro-Insel 1940 Knochen gefunden, die ein britischer Arzt jedoch als männliche Knochen abtat.
Eine Analyse von 2018 aufgrund von Fotos und Aufzeichnungen kam jedoch zu dem Schluss, dass es sich um die Gebeine einer Frau handelte, die in etwa die Größe von Amelia Earhart hatte. Des Weiteren wurden auf der unbewohnten Insel ein Frauenschuh, eine Puderdose, ein Tiegel Sommersprossencreme und ein Medizinfläschchen aus den 1930ern entdeckt. Zudem existiert ein Foto der Insel aus der Zeit, das mit dem Bevington-Objekt möglicherweise ein Fahrwerkrad des Flugzeugs von Amelia Earhart zeigt.
Das Taraia-Objekt in einer Satellitenaufnahme. Das war Startpunkt für die jüngste Forschungsmission.
(Bild: Google Maps)
Alles Gründe, die die Universität und die Organisation bewogen, dem Objekt auf dem Satellitenbild nachzugehen, das 2020 entdeckt wurde. Als das Expeditionsteam am 13. Oktober 2026 an Land ging, mussten sich die Wissenschaftler durch ein dichtes Gestrüpp kämpfen, da die Lagune vom Meer aus nicht direkt erreichbar ist. Nach zwei Tagen, an denen das Team wegen schlechten Wetters nicht weiterarbeiten konnte, wurde der Ort genauer untersucht. Statt des Wracks wurden nur ein paar Bäume gefunden, deren metallisch glänzende Oberfläche auf eine anhaftende Karbonatkruste aus Korallensand zurückging. Sie fanden immerhin ein etwa 76 Zentimeter langes Stahlrohr in der Lagune und weitere Artefakte, die noch geprüft werden.
Zwar war die Mission ein Rückschlag für die Suche, und der Pazifik behält sein Geheimnis vorerst für sich – dennoch sind die Forscherinnen und Forscher überzeugt, dass die Insel ein Schlüssel zum Rätsel um das Verschwinden der Flugpionierin Amelia Earhart ist.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.