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Friday, October 9, 2026

Frankfurter Buchmesse: Ohne US-Agenten im Jetlag

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Gerechtigkeit spielt fürs Lesen eine Rolle, am passenden Ambiente muss man aber noch arbeiten und an der Demokratiebildung auch. Eindrücke von der Buchmesse.

Vieles ist dieses Jahr anders auf der Buchmesse, die Neuausrichtung materialisiert sich im Hallenkonzept. Die Publikumsverlage wurden insgesamt in die Erdgeschosse der Messehallen verschoben, die Wege zwischen den Ständen verbreitert, Orte für Lesungen geschaffen und für die Schlangen, die entstehen, wenn man – „Meet the author“ heißt die Veranstaltung – sich sein Buch signieren lassen und ein Selfie mit Au­to­r*in machen lassen kann. Die eher fürs Fachpublikum interessanten Stände, vor allem die der internationalen Verlagen, finden sich dafür geschlossen in den ersten Etagen wieder. Die Frankfurter Messe macht sich also endgültig bereit, eine Publikumsmesse zu werden. Erste Cosplayer, die beim Leipziger Frühjahrspendant längst das Bild prägen, wurden bereits auf dem Frankfurter Gelände gesichtet.

Teilweise konnte das Konzept aufgehen. Die Halle 3.0 funktioniert. Suhrkamp, Hanser, Klett-Cotta, Ullstein, C. H. Beck teilen sich die Gänge mit den Independent-Verlagen wie Merz, Verbrecher, Wagenbach. Die Leseinsel der unabhängigen Verlage ist gut integriert. Insgesamt kommt hier so etwas wie ein Leipzig-Feeling auf, Leseinteressierte kommen zusammen, greifen Themen und Literaturbeilagen ab, informieren sich.

Wenn das für die Frankfurter Buchmesse, die traditionell zuerst immer auch ein weltweiter Marktplatz für Publikationsrechte und andere Deals war, reicht, ist alles gut. Man kann aber bereits feststellen, dass die einst mondänen Anteile rund um die Messe aussterben. Elegante Empfänge im Frankfurter Hof, die Absacker an der Bar mit US-amerikanischen Literaturagenten im Jetlag, diese Zeiten sind vorbei. Und als am Messedonnerstag der Literaturnobelpreis für Anne Carson verkündet wurde, fiel das im Geschiebe zwischen den Verlagsständen nicht wirklich auf. Nur bei ihren deutschen Verlagen Fischer und Matthes & Seitz wurde es hektisch, Kamerateams schauten vorbei.

In der Halle 5.0, einmal über den großen Innenplatz des Messegeländes, funktionierte das neue Hallenkonzept sowieso gar nicht. Was nicht nur daran liegt, dass die Halle fensterlos, also dunkel ist und eine niedrige Decke hat. Vielmehr strahlt sie den Charme eines Billigkaufhauses aus. Die Stände von Fischer, Kiepenheuer & Witsch und Rowohlt wurden von Gimmickanbietern umrahmt, vor dem Stand von Die Zeit gähnte eine große Freifläche. Schön war das alles nicht.

Es gab auch hier gute Momente, in denen das Ambiente gar nicht so auffiel, etwa als der fast 90-jährige Wolf Biermann von seinen Tagebüchern erzählte, von denen nun eine Auswahl erscheinen wird. Seit er 17 war, habe er jeden Tag etwas aufgeschrieben, sagte er, „wie ein kleiner Stasispitzel, nur ohne Führungsoffizier und nur für mich“. Doch solche Momente konnten die auralose Halle nicht auf Dauer erwärmen.

Es wird interessant sein zu beobachten, wie sich die Frankfurter Buchmesse entwickelt. Die Leipziger Messe lebt als Publikumsmesse auch vom Mythos der Literaturstadt Leipzig, so einfach lässt sich das nicht in die Bankenstadt Frankfurt übertragen. Dass der Wille, die Literatur zu feiern und ein Teil von ihr zu sein, aber in der Branche insgesamt da ist, spürt man auch in Frankfurt auf den Partys der kleinen Verlage, auf denen wirklich etwas los ist. Es geht in dieser Branche nicht ohne direkte, analoge Kontakte, man muss sich einmal direkt in die Augen sehen, das wird in solchen Momenten klar. Die Frankfurter Messe muss allerdings noch eine Form finden, wie sich das in die Zeiten von KI und sozialen Medien für die Branche gut implementieren lässt. (Dirk Knipphals)

Erben und die Leistungsgesellschaft

Am Stand der Hamburger Edition findet sich die druckfrische Ausgabe des Mittelweg 36. „Vom Erben“ steht auf dem Titel der Zeitschrift des Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS). Das ist vielleicht auch ein Kommentar zur eigenen Situation. Denn das HIS und die Zeitschrift Mittelweg 36 werden mit dem Rückzug des Gründers und Stifters Jan Philipp Reemtsma 2028 ihre Tätigkeiten einstellen. Reemtsma hat mit seinem Erbe eine Arbeit ermöglicht, die nun aber nicht unabhängig von seiner Person fortgesetzt werden kann.

Im Vorwort der Mittelweg-36-Ausgabe „Vom Erben“ spricht Historiker Jürgen Dinkel von den Problemen „der wachsenden sozialen Ungleichheit durch die Weitergabe großer Vermögenswerte“. Eine Debatte, wie sie sich in der Politik um eine angemessene Besteuerung vererbter Vermögenswerte wiederfindet. Damit sind nicht nur Gerechtigkeitsfragen angesprochen, so Dinkel, „sondern angesichts zunehmend zahlreicher werdender großer Erbschaften auch die Frage, inwiefern entsprechende Transfers mit dem Selbstverständnis einer Leistungsgesellschaft in Einklang zu bringen sind“. Fragen, die für eine demokratische Gesellschaft und deren solidarischen Zusammenhalt von elementarer Bedeutung sind.

Fragen der sozialen Gerechtigkeit stehen naturgemäß auch im Fokus einer jeden Buchmesse. In Frankfurt steht Branchen bedingt allerdings die systematische Enteignung geistigen Eigentums durch KI und Techkonzerne im Mittelpunkt der Diskussion. Auf die Plünderung geistigen Eigentums und die Aushebelung des Urheberrechts finden Politik und Gesetzgeber seit Jahren kaum Antworten. Absichtserklärungen wie sie EU-Kommissar Glenn Micallef oder der deutsche Staatsminister Wolfram Weimer zum Auftakt der Messe von sich gaben, können die weitgehende Tatenlosigkeit im Copyright-Sektor jedoch nicht kaschieren. Die immateriellen Vermögenswerte der Urheber gehen dahin, zu vererben gibt es so demnächst wohl eher wenig.

Aber die Frankfurter Buchmesse wäre nicht die Frankfurter Buchmesse, sofern man dort nicht auch all jene träfe, die sich den eher unangenehmen weltpolitischen Trends entgegenstellten. Bei vielen Verlagsanlässen am 7. 10. erinnern die Gastgeber daran, was vor drei Jahren mit dem Überfall auf Israel geschah. Und humanistische Politiker und Autoren wie Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour versichern am Stand der Ukraine der bedrängten Nation auf der Messe ihre Solidarität. Russland zerstört gezielt das kulturelle Erbe der Ukraine – Bibliotheken, Museen, Theater, zuletzt die Akademie der Wissenschaften in Kiew. 2026 sind laut ukrainischem PEN 13 Millionen Bücher bei russischen Angriffen verbrannt. Und dennoch: In Frankfurt wird am Samstag auch Artem Tschech lesen, Schriftsteller auf Fronturlaub. Er präsentiert dann sein neues Buch, erschienen bei Klett-Cotta, „Musik für einen Soldaten“. (Andreas Fanizadeh)

Sachsen-Anhalt und die Folgen

Dass die politischen Realitäten den Messe-Talk in den Gängen und auf den Podien bestimmen, ist nichts Neues. Neu ist im Jahr 2026, dass es weniger um ferne Krisenherde als vielmehr um den Demokratieverfall vor der eigenen Haustür geht. Es sind die Tage, nachdem in Sachsen-Anhalt Tobias Rausch und Hans-Thomas Tillschneider zum Landtagspräsidenten und -Vizepräsidenten gewählt worden waren, nachdem die AfD sich dort breitbeinig in der Mitte des Landtags präsentiert hatte und eine Siegmund-Regierung wahrscheinlicher wurde.

„Ich denke heute an meine jüdischen Freundinnen und Freunde in Sachsen-Anhalt sowie an die migrantischen und an die queeren Menschen dort“, sagt Manja Präkels am Mittwochabend bei einer Veranstaltung im Frankfurter Kunstverein. Die aus Brandenburg stammende Schriftstellerin („Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“) weist darauf hin, wie fatal und unsolidarisch es sei, davon zu sprechen, dass es ja nur um ein kleines Bundesland mit wenigen Ein­woh­ne­r:in­nen gehe. Wenn keine Trendumkehr gelinge, sehe man dort ohnehin auch die Zukunft Frankfurts, die Zukunft Deutschlands. Präkels, die Bildungsarbeit in Schulen leistet und kürzlich das Bundesverdienstkreuz erhielt, schildert, wie die rechten Schü­le­r:in­nen auch in den Klassenzimmern Auftrieb bekämen, wie es an Empathie fehle und welche soziale Kälte dort zum Teil herrsche.

Beim Panel „Rechts liest mit: Neurechte Literaturpolitik – und wie wir ihr begegnen können“ geht es am Mittwoch um rechte Akteure im Bildungssektor und der Literaturbranche. „Das Feld der Literatur ist für die Neue Rechte interessanter geworden“, erklärt Autor Clemens Böckmann, der eine Tagung zu diesem Thema plant. Das zeige sich zum Beispiel an der Buchmesse „Seitenwechsel“, die die Rechten in Halle/Saale ins Leben gerufen haben, aber auch an Podcast und YouTube-Formaten, in denen auch unverdächtige Bücher „von rechts“ gelesen werden.

Als typische Beispiele dafür dürfen der rechten Literatur-Podcast „Lesen und Lästern“ von Ellen Kositza und Emilietta Beall sowie die (weiteren) literarischen Inhalte auf dem von Götz Kubitschek und Co. betriebenen Kanal Schnellroda gelten. Zudem seien neuen Verlage und neue Vertriebsstrukturen entstanden, so Böckmann.

Rechtsruck in Bibliotheken

Vor allem staatliche Literatureinrichtungen und Bibliotheken bekommen den Rechtsruck zu spüren. Ein besorgniserregendes Beispiel nannte Arne Upmeier, Ethikbeauftragter des Deutschen Bibliotheksverbands. Die Stadtbücherei Münster wollte ein putinfreundliches und ein verschwörungsideologisches Buch im Sortiment haben, um alle Wirklichkeiten abzubilden, versah beide Bücher jedoch mit einem Warnhinweis, es handele sich um ein „Werk mit umstrittenem Inhalt (…).„ Einer der Autoren, Gerhard Wisnewski, klagte gegen diese Einordnung und bekam in zweiter Instanz Recht. „Es gab einen Aufschrei unter Bibliothekaren“, sagt Upmeier, der Fall sei viel zu wenig aufgegriffen worden.

Oft wird in solchen Fällen mit einer Neutralitätspflicht staatlicher Institutionen argumentiert, die es so gar nicht gibt. Solche Urteile dürften dafür sorgen, dass dieses Argument immer wieder falsch vorgebracht wird. Die Au­to­r:in und Ver­an­stal­tungs­ku­ra­to­r:in Miedya Mahmod fragt bei dem Panel das eigene, demokratische Lager selbstkritisch: „Wo versagen wir gerade?“ Es müsse gelingen, Infrastrukturen aufzubauen, um positive soziale Utopien zu verhandeln.

„Was jetzt zählt: Gegen den alltäglichen Rechtsextremismus“ heißt das neue Buch des Literaturwissenschaftlers und Slawisten Wolf Iro. Bei der Buchvorstellung am Mittwoch in Halle 3 spricht er davon, jene AfD-Wähler:innen erreichen zu wollen, die gegen ihre objektiven Interessen wählen: „Wir müssen sie besser verstehen, um sie besser ansprechen zu können“, erklärt er. Er rechne jetzt mit einer Entfesselung des Kulturkampfes, den die AfD vorantreiben wird, mit dem Angriff auf die Öffentlich-Rechtlichen, mit dem Umbau der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen-Anhalt. Eine seiner Antworten: Es brauche noch viel breitere Bündnisse, zum Beispiel seien bei der Initiative „Verlage gegen rechts“ vor allem die Indie-Verlage vertreten, die Konzernverlage hielten sich zurück – womöglich, um für ein breites politisches Spektrum offen zu bleiben.

Die politische Wirklichkeit überlagert alles

Auch Shida Bazyar, Trägerin des diesjährigen Deutschen Buchpreises, spricht bei verschiedenen Talks über Sachsen-Anhalt und die Folgen. Sie wolle sich ja einfach freuen und die Messe genießen, aber die politische Wirklichkeit überlagere ihren Erfolg sagte sie. Ihr Buch, „Die Lücken“, handelt vom Aufstieg der Nazis in dem kleinen pfälzischen Ort Hermeskeil (im Buch Heimesbach). Es sei auch erfreulich, was dort erinnerungspolitisch geschehe, so gebe es nun einen Audiowalk zur NS-Geschichte, viele Ein­woh­ne­r:in­nen begännen sich zu interessieren.

Aber: „Über die Vergangenheit sprechen wir sehr viel. Hingegen viel weniger darüber, was das mit der Gegenwart zu tun hat“, so Bazyar. Und weiter: „Wir sprechen von der AfD, als sei es eine abstrakte Masse, die man irgendwie aufhalten muss, und nicht so, als wären das ja die ganz normalen Menschen.“ Defizitär sei zum Beispiel die Bildungsarbeit – und das Demokratieverständnis vieler beschränke sich darauf, alle vier Jahre wählen zu gehen. „Es ist auch merkwürdig, dass wir an Schulen kein Fach haben, das Demokratiebildung heißt“, sagte sie. In Sachsen-Anhalt wird das wohl so schnell nicht kommen. (Jens Uthoff)

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