«Seit vier Stunden»: Hunderte Serben stehen für Wahl Schlange

- Hunderte Serbinnen und Serben warten in Zürich stundenlang vor dem Konsulat, um bei der Parlamentswahl zu wählen.
- Umfragen sehen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der Regierungspartei SNS und der Liste «Studenten gewinnen».
- Anhänger der studentischen Opposition äussern sich offen, Vucic-Unterstützer sprechen nur leise und diskret.
Die Schlange zieht sich vom serbischen Konsulat bis zur nächsten Kreuzung, biegt dann um die Ecke und reicht fast bis zum Bahnhof Enge: Unter einem scheinbar endlosen Meer aus Regenschirmen warten Hunderte Serbinnen und Serben im immer wieder einsetzenden Regen. Der Grund: In ihrem Heimatland wird an diesem Sonntag ein neues Parlament gewählt.
Umfragen deuten auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der regierenden Serbischen Fortschrittspartei (SNS) von Langzeitpräsident Aleksandar Vucic und der Liste «Studentska Lista» der neuen Studentenbewegung. Für die einen in Zürich ist die Stimmabgabe eine Pflicht, für andere vor allem eine Möglichkeit, den politischen Kurs des Landes zu verändern.
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Lena (20) und Natalia (21): «Stehen seit vier Stunden an»
Die Doppelbürgerinnen Lena (20) und Natalia (21) stehen seit sieben Uhr vor dem serbischen Konsulat. Sie wollen die Studierenden unterstützen, damit sich in Serbien «langfristig etwas ändert». Nach vier Stunden Warten rechnen sie noch immer mit einer weiteren Stunde in der Schlange. Für Natalia zeigt das ein grundlegendes Problem: «In der Schweiz haben nur zwei statt vier Wahllokale geöffnet. Das erschwert Menschen aus der Diaspora die Stimmabgabe.»
Die lange Wartezeit nehmen die beiden jungen Frauen aber in Kauf. Denn: Sie wollen sich für einen politischen Wandel einsetzen. «Die Menschen sollen in Serbien nicht mehr in Angst leben müssen. Die Politik soll transparenter über ihre Entscheidungen und Handlungen kommunizieren und die Medien wieder frei berichten können», sagt Lena zu 20 Minuten.
Wie tief die Korruption im Land sitze, zeige sich aus ihrer Sicht auch am Einsturz des Bahnhofsvordachs von Novi Sad von 2024. Zwei Jahre nach dem Unglück halte die Regierung wichtige Dokumente zur Aufarbeitung weiterhin unter Verschluss, kritisieren die beiden. Trotz ihrer Zweifel am Ablauf der Wahlen sind Lena und Natalia überzeugt: Unabhängig vom Ergebnis werde sich danach etwas spürbar verändern.
Stevan (31): «Stimmt man nicht für Vucic, verliert man den Job»
Auch Stevan steht frühmorgens vor dem serbischen Konsulat in Zürich. Bereits um 7.20 Uhr war er vor Ort – angereist aus Herisau AR. Trotz Kälte und mehr als drei Stunden Wartezeit ist für ihn klar: «Ich werde definitiv bleiben, bis ich drankomme.» Serbien müsse sich von Grund auf verändern, sagt der 31-Jährige: «Die aktuelle Korruption muss aufhören. Serbien braucht mehr Stabilität, und die Menschen müssen freier sein.»
Wie gross der Druck auf Teile der Bevölkerung sei, zeige sich auch in seinem persönlichen Umfeld. «Ich kenne eine Person, die in Serbien in einem Spital arbeitet. Um ihren Job zu behalten, muss sie bis heute Abend ein Foto ihres Wahlzettels schicken, auf dem steht, dass sie für Vucic gestimmt hat», erzählt der 31-Jährige. Für Stevan steht fest: Nur eine Niederlage von Vucics Partei könne solche Zustände verändern.
Wer Vucic unterstützt, äussert sich leise und diskret
Unterstützerinnen und Unterstützer des serbischen Präsidenten, die offen über ihre politische Haltung sprechen wollen, sind schwer zu finden. Viele äussern sich nur vage, andere möchten nicht zitiert werden. Erst in einem ruhigen, beinahe geflüsterten Gespräch erklären sich zwei Wartende bereit, gegenüber 20 Minuten über ihre Unterstützung für Vucic zu sprechen.
«Jetzt gerade herrscht in Serbien ziemlicher Frieden», sagt eine 64-jährige Wartende. Eine Prognose zum Wahlausgang wagt sie nicht, betont aber, dass sie jedes Ergebnis akzeptieren werde. Ihr Mann findet deutlichere Worte. Auf die Frage, ob sich Serbien durch das Ergebnis spürbar verändern werde, antwortet er mit einem klaren «Nein». Seine Begründung: «Das Land befindet sich mit Vucic bereits auf dem richtigen Weg.» Als Beleg nennt er die wirtschaftliche Entwicklung: «Meines Wissens nach hat sich der Durchschnittslohn im Land unter ihm verdreifacht.»
Auch seine Frau macht deutlich: «Ich möchte ebenfalls nicht, dass sich etwas verändert.» Was sie hingegen stört, seien die Vorurteile gegenüber Serbien. «Viele denken, Serbien sei ein gefährliches Land. Diese negativen Vorurteile sollen sich ändern.» Wie genau das gelingen könnte, wisse die 64-Jährige nicht. Leise, aber bestimmt fügt sie hinzu: «Der Einzige, der das verbessern kann, ist wohl Vucic.»
Mit Informationen von dpa
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Josephine Schertenleib (jos), Jahrgang 2001, arbeitet seit September 2024 für 20 Minuten und ist Teil des Regionen-Teams.
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