Brennende Barrikaden in Frankreich: Der wütende Frust der jungen Generation

An Schulen in ganz Frankreich protestieren Schüler gegen Lehrermangel und marode Infrastruktur. Die Regierung vermutet die Linke als Drahtzieher.
Foto: Lafargue Raphael/abaca press/imago
In rund 1.200 von insgesamt 3.700 Lycées (Schulen der Oberstufe und der Mittelstufe) in Frankreich streiken derzeit Schüler und Schülerinnen gegen Missstände vor Ort und machen dem Unmut ihrer Generation Luft. Vor den Schultoren sind Barrikaden aus Mülltonnen errichtet, um den Unterricht und den normalen Schulbetrieb zu stören. Vielerorts wurden diese Barrikaden und Möbelstücke in Brand gesteckt. In manchen Fällen wurden die Schüler von Eltern und Lehrern unterstützt.
Die Ordnungskräfte gingen teilweise mit unverhältnismäßiger Gewalt gegen die Protestierenden vor. Vor dem Lycée Blaise Cendrar im nördlichen Pariser Vorort Sevran versuchten in dieser Woche vier Polizisten der Pferdeeinheit eine friedliche Versammlung von Schülern, Eltern und Lehrern zu räumen. Diese Szenen sorgten für schockierte Reaktionen und spornten die Bewegung eher noch an.
Von Paris ausgehend, schwappten die Proteste in den vergangenen Tagen mit hohem Tempo auf Marseille, Straßburg, Toulouse, Rouen, Nantes, Montpellier und andere Städte in ganz Frankreich über. Häufig waren vor allem die Mittelschulen in den Außenquartieren betroffen, wo der Mangel an Lehrpersonal und desolate hygienische Zustände besonders krass sein sollen. Seit Mitte der Woche schlossen sich auch Studierende an 30 Universitäten den protestierenden Schülern an. Wegen der beginnenden Mobilisierung wurde der Campus in Nanterre, im Westen von Paris, am Freitag schon mal geschlossen. In dieser Universität hatte die historische Rebellion vom Mai 1968 ihren Anfang genommen.
Welche Rolle spielt die LFI?
Die Regierung macht für die gewaltsamen Zusammenstöße sogenannte „Casseurs“ (Randalierer) verantwortlich und vermutet hinter dieser spontanen Jugendbewegung politische Drahtzieher der „Ultralinken“, namentlich die Linkspartei La France insoumise (LFI). Diese rief öffentlich zur aktiven Solidarität mit den Schülerprotesten auf und verurteilte die „polizeiliche Repression“. LFI hatte auch die Eltern der demonstrierenden Jugendlichen aufgefordert, notfalls bei Polizeiaktionen die Schüler zu schützen, was im Gegenzug von der Regierung als Anstiftung zu Gewalt und Widerstand gegen die Ordnungskräfte ausgelegt wird.
Am Freitagmorgen waren laut Behörden noch 400 Mittelschulen geschlossen. Dem Innenministerium zufolge wurden in den vergangenen drei Tagen bei den Protesten 40 Schuldirektoren tätlich attackiert. In Marseille sei ein Schulleiter mit Benzin übergossen worden. In Nantes hatten Unbekannte die Fassade der Mittelschule Nelson Mandela in Brand gesteckt, dabei brannte die Eingangshalle völlig aus. Auch in zwei Pariser Schulen richteten Brände beträchtlichen Schaden an. In Marseille wurde ein Bus der öffentlichen Verkehrsbetriebe verbrannt. Mehr als 2.000 Jugendliche wurden vorübergehend festgenommen.
Der französische Justizminister Gérald Darmanin fordert, dass die Eltern der minderjährigen Randalierer für den Sachschaden aufkommen. Er befürchtet zudem, dass der Schülerstreik zu einer generellen Revolte von Jugendlichen aus den Vorstädten wie 2005 ausartet. Aber auch Darmanin räumt ein, die Unzufriedenheit der Jugendlichen sei „legitim“. Er habe „Verständnis für die Studierenden und Jugendlichen, die zu Recht besorgt über ihre Zukunft“ seien.
Frust, Frust, Frust
Bei den Protesten geht es vor allem um konkrete Probleme: fehlende Lehrer, feuchte oder undichte Wände oder fehlendes Klopapier und unbenutzbare Toiletten. Hinzu kommen Forderungen, die nicht mit Personal oder Geld kurzfristig aufgefangen werden können. Umstritten ist beispielsweise „Parcoursup“, ein Selektionsverfahren für Mittelschulabgänger für den Zugang zum Studium, aber auch die Benachteiligung der Jugendlichen in den Vorstädten. In die von Darmanin genannte Zukunftsangst und den von Umfragen bestätigten Pessimismus dieser Generation mischen sich derzeit in einer „Konvergenz der Bewegungen“ Wut über eine ungenügende Klimapolitik oder die LGBT+-Bewegung oder die Solidarität mit Palästina, erklärt Soziologe Paolo Stuppia in der Libération.
Hintergrund des Konflikts ist auch die aktuelle Debatte über den Staatshaushalt der Regierung. Durch eine hohe Verschuldung sieht sich die Regierung in fast allen Bereichen zu Einsparungen gezwungen. So werden die ohnehin vergleichsweise schlecht bezahlten Lehrer wie alle Beamten im kommenden Jahr keinen Teuerungsausgleich bekommen. Für das Bildungswesen steht weniger Geld zur Verbesserung der schlechten Unterrichtsbedingungen zur Verfügung. Auf die Regierung ist es daher schwierig, auf die unmittelbaren Forderungen der Schüler einzugehen.
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