Bundestreffen der Jungen Union: Die neue Macht der halb so Wilden

Zwischen Kanzlercasting und wiederentdeckter Angst vor Links sucht die Junge Union nach der Zukunft ihrer „neuen“ Mitte. Rot-Grün-Rot in Berlin soll geächtet werden.
Foto: Christoph Reichwein/dpa
Ihr neues Selbstbewusstsein untermauern sie mit wummerndem Bass. Flackernde Scheinwerfer, düstere Wände: Kurz erinnert es an einen Technoclub. Aber das ist schnell vorbei, als die Menge beginnt, im Takt zu klatschen. Es ist Deutschlandtag der Jungen Union in Bonn. Das jährliche Treffen des Parteinachwuchses von CDU und CSU. Die jungen Wilden sind in diesem Jahr ein bisschen weniger jung und ein bisschen weniger wild. Sie wollen jetzt „auf Augenhöhe“ mitbestimmen und mit einer „neuen Mitte“ der Union aus der Krise helfen.
Das Selbstverständnis der JU hat sich seit dem letzten Jahr gewandelt. Die Parteijugend hatte lange das erste Rentenpaket der Bundesregierung wegen der Kosten für spätere Generationen kritisiert. Beim Deutschlandtag 2025 lag sie mit ihrem einstigen Hoffnungsträger Friedrich Merz beim Thema Rente über Kreuz.
Mittlerweile mischen aber viele JU-Kritiker aus dem vergangenen Jahr selbst vorn in der Bundespolitik mit – die geplante Rentenreform sehen sie als ihre Errungenschaft. Die JU drängte deshalb an diesem Wochenende auf ein Bekenntnis des Kanzlers. Er solle die Vorschläge der Rentenkommission umsetzen und insbesondere die sogenannte Rente mit 63 abschaffen. Der Parteinachwuchs verlangte aber abgesehen davon vor allem eines: neue Visionen.
Merz, Söder, Wüst und das Nachwuchsumgarnen
Wohl um den Druck auf Merz zu erhöhen, luden sie deshalb nicht nur den Kanzler, sondern auch mögliche Alternativkandidaten ein. Neben Merz sprachen der NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder auf der Bühne der JU. Gleich zu Beginn stellte der JU-Bundesvorsitzende Johannes Winkel zwar klar: „Das hier ist kein Kanzlercasting.“ Der Eindruck bleibt trotzdem.
Merz selbst gab sich bemüht. Nach dem emotionalen letzten Deutschlandtag wollte er in seiner Rede am Samstag die Gräben zur JU offenkundig überbrücken und versicherte, die Vorschläge der Rentenkommission „jetzt umsetzen“ zu wollen. Er teile die Erwartung, dass ein Gesetzentwurf noch bis Jahresende vom Kabinett beschlossen und vom Bundestag beraten werde. Betont oft sprach er von „wir“ und „uns“ und signalisierte damit, dass auch er die Junge Union auf Augenhöhe sieht.
Auch Wüst und Söder forderten, dass die Rente als Ganzes umgesetzt werden soll, und lobten die Junge Union. Sie sei das „Powerhouse“ der Partei, sagte Söder. „Ihr treibt uns an“, sagte Wüst.
Dabei teilte Johannes Winkel ordentlich gegen die Mutterpartei und ihre Politik aus. „Die CDU macht Politik, als ob wir noch im Jahr 2010 wären“, bemängelte Winkel, er beklagte die „Resignation“ in der Partei. Winkel versuchte, die CDU grundsätzlich auf „neue“ Themen einzuschwören, auf eine „neue“ Debattenkultur und eine „Neu“-Definition der Mitte. Der Fokus solle auf junge Familien gelegt, diese müssten gezielt unterstützt werden. Alle anderen Subventionen wolle er streichen.
Der Umgang mit der AfD
Dem Wunsch nach dem Zukunftsbild kamen allerdings weder Merz noch Wüst oder Söder so wirklich nach. Merz versuchte sich an einer Vision für das Jahr 2040. Wüst forderte, „normale Leute“ müssten sich ein „normales Leben“ leisten können. Söder sprach viel über Innovationen und Hightech, verlor sich zwischenzeitlich in Schwärmereien für die bayerische Luft- und Raumfahrttechnik. Das von Winkel gesetzte Thema Familien griffen die Redner wenn dann nur auf Nachfrage auf. Der Applaus für neue Mitte-Ideen blieb bei allen drei Kandidaten verhalten.
Auch bei einem anderen Thema hielt sich der Applaus bisweilen in Grenzen. Von der AfD setzten sich alle Redner scharf ab. Die aktuellen Entwicklungen in Sachsen-Anhalt benannte aber erst Markus Söder konkret: Wer in Sachsen-Anhalt für die AfD stimmt, der solle die CDU verlassen. Dort hatte der Landtag den AfD-Politiker Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten gewählt, ziemlich sicher auch mit Stimmen aus der CDU.
Im Gegensatz zu Merz und Wüst wies Söder auch darauf hin, dass er nicht nur in der Außenpolitik keine Schnittmengen zwischen CDU und AfD sehe, sondern etwa auch beim Umgang mit Menschen mit Behinderung. So will die AfD Inklusionsschulen abschaffen. Söder sagte dazu, nicht ganz dudenkonform: „Das C in CDU steht nicht für Kommerz, sondern für christlich.“
Die Frage nach dem Umgang mit einer immer stärker werdenden AfD scheint allerdings innerhalb der JU umstritten: Ein Delegierter sagte, die AfD sei grässlich, ja. „Aber irgendwann müssen wir angesichts der Umfragen mit denen reden und bei einigen Themen gibt es durchaus Überschneidungen.“
Auch die bisherige JU-Schatzmeisterin und Bundesvorständin Clara von Nathusius hatte die Brandmauer zuvor für gescheitert erklärt. Nathusius trat beim Deutschlandtag gleichwohl unerwartet ab: Während ihrer Amtszeit wurden Fördermittel abgerufen, die nicht von den Beschlüssen des Bundesvorstandes gedeckt waren. Die JU musste 350.000 Euro samt Zinsen an das Familienministerium zurückzahlen und einen Kredit bei der Union aufnehmen.
Drohung an die SPD wegen Verhandlungen in Berlin
Balsam für die geplagte Seele junger Konservativer war hingegen die Auseinandersetzung der Redner mit der Linkspartei. Wer die politische Mitte stärken wolle, dürfe nicht mit der Berliner Linken koalieren, die Antisemitismus wieder gesellschaftsfähig mache, sagte Merz und donnerte mehrmals in Richtung Grüne und SPD: „Hört auf damit.“ Die etwa 300 jungen Männer und Frauen im Saal quittierten dies mit Johlen und Klatschen.
Als Reaktion auf die am Samstag abgeschlossenen rot-grün-roten Sondierungsgespräche in Berlin verabschiedete die JU am Sonntagmorgen einen Beschluss: Eine Koalition aus SPD und Grünen mit der Linkspartei solle politisch geächtet werden, die Berliner Landesregierung solle von allen Informationen des Verfassungsschutzes und des Bundeskriminalamtes ausgeschlossen werden. Zudem forderten sie ein sofortiges Verbot von Vergesellschaftungen sowie ein Gremium beim Bund, um Rechtsbrüche im Roten Rathaus von Berlin zu dokumentieren.
Wenn die SPD in Berlin eine Koalition eingehe, „dann müssen wir uns überlegen, was das für die Koalition heißt und ob wir mit diesen Leuten noch zusammenarbeiten“, drohte Winkel bereits zuvor. Was das bedeutet, ließ er offen – Neuwahlen oder doch eine unionsgeführte Minderheitsregierung? Merz seinerseits hatte sich für die Koalition mit der SPD und gegen das „Gerede von einer Minderheitsregierung“ ausgesprochen. „Das gefährdet nicht nur die Zukunft unseres Landes, sondern auch die Existenz unserer Partei.“
Winkel stärkte Merz dann auch demonstrativ den Rücken. „Vertrauen, das verloren gegangen ist, kann man bestimmt nicht zurückgewinnen, indem man wegläuft.“ Es komme jetzt darauf an, Entscheidungen zu treffen. Ideen für eine neue Mitte sucht die JU vielleicht sowieso woanders. Hört man sich unter den Delegierten um, dann glaubt kaum jemand, dass Merz noch einmal antritt. Er habe ja sein Ziel erreicht und sei jetzt Kanzler, meinte einer. So ganz scheinen aber weder Wüst noch Söder diese Lücken füllen zu können.
Deutschlandtag der Jungen Union Systematische Leerstellen
Kommentar von Anna Lehmann
Die Junge Union fieberte dem Auftritt des Kanzlers entgegen. Klar wurde, welche Themen sowohl Merz als auch die jungen Konservativen ausklammern.
Der CDU-Chef beim Parteinachwuchs „Herr Merz, wann bitten Sie um Ihre Entlassung?“
Der Kanzler und die Junge Union versuchen sich wieder anzunähern. Das klappt bedingt. Aber auch der mögliche Konkurrent überzeugt nicht ganz.
Von Anna Lehmann und Jana Laborenz
Möglicher Nachfolger für Friedrich Merz Wüst of Change
Der Deutschlandtag der JU gilt als Bühne für Kanzlerambitionen. Auch Hendrik Wüst hat dort gesprochen. 2027 könnte er NRW weiterregieren. Und dann Berlin?
Von Anna Lehmann und Andreas Wyputta
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