Russland führt immer offener Krieg im Osten von EU und NATO
Noch vor wenigen Monaten war der Krieg Russlands für die meisten Menschen in Europa außerhalb der Ukraine eine abstrakte Realität. Wenn gelegentlich russische Drohnen in den Luftraum von Ländern wie Polen oder Rumänien eindrangen, hörten sich auch die offiziellen Stellungnahmen merkwürdig abwiegelnd und abstrakt an. Sogar als Ende Mai 2026 eine russische Drohne in ein Hochhaus in der ostrumänischen Großstadt Galati einschlug, zögerten viele EU- und NATO-Vertreter, Russland ein absichtliches Vorgehen zu unterstellen. Allenfalls sprach man von hybrider Kriegsführung Russlands.
Seit dem Sommer 2026 hat sich die Situation deutlich, ja geradezu radikal geändert. In einigen Ländern Mittel- und Südosteuropas gibt es nahezu täglich Drohnenüberflüge oder -explosionen. Bei russischen Angriffen auf die Ukraine erleben Menschen in benachbarten Grenzregionen immer öfter Luftalarme. Immer öfter müssen Flughäfen ihren Betrieb einstellen oder Lufträume gesperrt werden. Russland bombardiert Grenzübergänge, Infrastruktur und Züge in unmittelbarer Nähe zu Grenzen ukrainischer Nachbarstaaten. Ebenfalls in stark gestiegener Zahl finden Sabotageakte statt.
Vor allem für die baltischen Staaten, Polen, die Republik Moldau und Rumänien ist der Krieg längst nicht mehr hybrid, sondern überaus real. Und immer öfter sprechen Führungspolitiker dieser Länder nun von absichtlichen Aktionen Russlands.
Beispiellose Serie von Vorfällen
Am Donnerstag (24.09.2026) zeigte sich das auf bisher beispiellose Weise. Die Republik Moldau registrierte vier Drohnenüberflüge, zwei der Drohnen explodierten auf ihrem Staatsgebiet, Trümmer einer dritten wurden ebenfalls gefunden. Der nördliche Luftraum des Landes war zeitweise gesperrt.

In Rumänien verletzten zwei Drohnen den Luftraum, eine explodierte im Norden des Landes nahe des Ortes Solca, 30 Kilometer westlich der Großstadt Suceava. Ein nahegelegener Grenzübergang zur Ukraine wurde deshalb geschlossen. Zuvor waren wegen eines russischen Angriffs in der Ukraine in der Nähe des rumänischen Donaudeltas NATO-Kampfflugzeuge aufgestiegen.
Auch in Polen wurden wegen eines russischen Großangriffs in Grenznähe zweimal NATO-Kampflugzeuge aktiviert. Zwei polnische Grenzübergänge zur Ukraine wurden wegen russischer Drohnen-Attacken evakuiert. Bereits am späten Mittwoch Abend (23.09.2026) war ein Brand in der Starlink-Bodenstation beim Dorf Wola Krobowska rund 40 Kilometer südlich von Warschau ausgebrochen. Die Station im Besitz des staatlichen Telekommunikationsunternehmens Exatel wird dazu genutzt, Internetdatenverkehr durch Polen und auch in die Ukraine zu leiten. Polens Regierung sprach anschließend von "Sabotage".
Ebenfalls am Mittwoch hatte ein russischer MI-8-Hubschrauber aus der Exklave Kaliningrad den polnischen Luftraum verletzt. Die Mi-8 der russischen Streitkräfte drang etwa 300 Meter in den polnischen Luftraum ein und verblieb dort 42 Sekunden lang, teilte das Operationskommando der polnischen Armee mit.
"Putin will Europa zermürben"
Polen Premier Donald Tusk wurde nach den Vorfällen am Donnerstag sehr deutlich. Russland perfektioniere seine "widerlichen Formen des Drucks" immer weiter, man müsse darauf vorbereitet sein, sagte Tusk in Krakau. "Putin will die Ukraine zermürben, indem er ihre Industrie- und Energieinfrastruktur zerstört, aber er will auch Europa zermürben", so Tusk. Zum Brand der Starlink-Station sagte Tusk, es werde "gezielte Brandstiftung vermutet". Bereits vor einer Woche hatte Tusk im polnischen Parlament vor Angriffen Russlands mit Drohnen oder sogar Raketen auf Unterstützer der Ukraine gewarnt.

Der polnische Vizepremier und Digitalminister Krzysztof Gawkowski wurde am Donnerstag deutlicher. "Vieles deutet darauf hin, dass der Brand in der Starlink-Station ein weiteres Element des hybriden Krieges ist", sagte er dem Fernsehsender TVP Info und sprach von "Sabotage". Der Anschlag ziele darauf, den Zugang der ukrainischen Armee zum Internet zu stören. Zwar könne man noch nicht mit Gewissheit sagen, ob hinter dem Brand Russland stünde, allerdings passe das Szenario in die "neue russische Angriffsdoktrin".
Moldau verhandelt über Luftraumschutz
Auch die moldauische Staatspräsidentin Maia Sandu reagierte am Donnerstag sehr scharf. Sie sagte, der massive russische Angriff auf die Ukraine habe "erneut die Republik Moldau erreicht". Russlands Krieg gefährde ganz Europa. Zugleich bekräftigte sie die Unterstützung ihres Landes für die Ukraine.
Der moldauische Parlamentspräsident Igor Grosu, sagte am selben Tag, dass sein Land zusammen mit Rumänien und der Ukraine über Lösungen zum Schutz des moldauischen Luftraums berate. Die Republik Moldau kann ihren Luftraum überwachen, aber hat so gut wie keine eigenen Möglichkeiten, Drohnen abzuschießen. Einzelheiten der Verhandlungen könnten aber noch nicht veröffentlicht werden, so Grosu.
Keinen Mut, das R-Wort auszusprechen?
Zurückhaltender waren die Reaktionen am Donnerstag in Rumänien. Der Verteidigungsminister Radu Miruta sagte lediglich, er halte einen diplomatischen Protest gegenüber Russland für erforderlich. Zugleich sagte er, die in Solca abgestürzte Drohne weise "neue technische Merkmale" auf - es könnte sich demnach um eine russische Drohne neueren Typs mit Strahltriebwerk handeln.

Rumäniens Staatspräsident Nicusor Dan hatte bereits am Mittwoch in New York vor der UN-Generalversammlung gesagt, man befände sich "im fünften Jahr eines illegalen, unprovozierten und ungerechtfertigten Angriffskrieges, den ein ständiges Mitglied des Sicherheitsrats in großem Umfang gegen die Ukraine führt". Als EU-Mitgliedsstaat mit der längsten Grenze zur Ukraine bekomme Rumänien die "unmittelbaren Auswirkungen dieses Krieges durch wiederholte Verletzungen unseres Luftraums zu spüren", so Dan. Der Staatspräsident bekräftigte, dass "Rumänien der Ukraine, die sich rechtmäßig verteidigt, so lange zur Seite stehen wird, wie es notwendig ist".
Einige Kommentatoren rumänischer Medien kritisierten, dass viele rumänische Politiker zu zurückhaltend auf die russischen Angriffe reagierten. "Inzwischen ist es soweit gekommen, dass wir wegen der Drohnen Schulen schließen müssen, aber die Politiker haben Angst, das Wort mit 'R' auszusprechen", schrieb der Journalist Gabriel Bejan vom Portal HotNews. Man müsse jedoch Russland explizit als Risikofaktor für Rumänien nennen, so Bejan.
Mögliche Angriffe aus dem Mittelmeer
Unterdessen könnte Russland seinen Krieg auch auf westeuropäische Staaten ausweiten. Am Donnerstag veröffentlichte die spanische Zeitung El Mundo Informationen über einen CIA-Bericht, demzufolge Russland mögliche Drohnenangriffe auf Italien, Frankreich und Spanien vorbereiten könne. Dazu könnten Handelsschiffe seiner Schattenflotte in internationalen Gewässern des Mittelmeers genutzt werden, die Drohnen transportieren.
Offizielle Bestätigungen dazu gab es bisher nicht. In Frankreich dementierte Präsident Emmanuel Macron den Bericht: Die CIA habe die französischen Dienste nicht über einen möglichen russischen Drohnenangriff informiert. Zugleich bezeichnete Macron die Möglichkeit eines russischen Angriffs auf Europa als "plausibel".

Auch aus Dänemark kamen am Donnerstag schwerwiegende Warnungen. In einer Pressekonferenz des dänischen Verteidigungsministeriums, des Militärnachrichtendienstes und des Generalstabs hieß es: Russland werde in den kommenden Monaten seinen hybriden Krieg mit "häufigeren Angriffen" gegen den Westen und die Nato intensivieren, "mit größeren Folgen für die betroffenen Länder als bisher". Der Verteidigungsminister Jeppe Bruus sagte bei der Pressekonferenz, die Situation sei derzeit "ernster als zu jedem anderen Zeitpunkt seit dem Ende des Kalten Krieges".
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