Saudi-Arabien setzt gegen Huthis auf KI-Hilfe aus den USA
Saudi-Arabien hat angesichts der Angriffe der militanten Huthis aus dem benachbarten Jemen zahlreiche Verbündete um Hilfe gebeten. Auch die USA sollen das Königreich unterstützen. Eine direkte Militärintervention gegen die Huthis lehnte US-Präsident Donald Trump Medienberichten zufolge jedoch ab, als der saudische Machthaber Mohammed bin Salman ihn darum bat.
Die USA liefern Saudi-Arabien allerdings Geheimdienstinformationen und unterstützen das Land mit einem KI-gestützten System zur Zielerfassung. Dafür sind nach einem CNN-Bericht vom Septemberzwischen 100 und 200 US-Soldaten im Land stationiert.
Unter Berufung auf mehrere nicht namentlich genannte US-Regierungsvertreter berichtete der Sender, die Soldaten gehörten einem neu eingerichteten gemeinsamen Führungskommando an.

Sie helfen den saudischen Streitkräften dabei, "ein System zur Zielerfassung zu nutzen, mit dem Offiziere in Echtzeit sehen können, was auf dem Gefechtsfeld geschieht", so CNN.
Das eingesetzte System ähnelt den Regierungsvertretern zufolge dem sogenannten Maven Smart System, kurz MSS. Dieses hat das US-Militär bereits zur Suche nach Angriffszielen im Iran, im Irak und in Syrien genutzt.
Was ist Maven?
MSS ging aus Project Maven hervor, dem wichtigsten KI-Programm des US-Militärs, das 2017 gestartet wurde. Die KI-gestützte Plattform kann "riesige Datenströme aus Geheimdienstinformationen, Überwachung und Aufklärung zusammenführen, ordnet ein und visualisiert", wie Fachleute des Washingtoner Center for Strategic and International Studies (CSIS) in einem Beitragvom Juni erläuterten.
Die Software erkennt Muster etwa in Livebildern von Satelliten oder Drohnenkameras und markiert potenzielle Angriffsziele: mögliche Raketenwerfer, Panzer oder verdächtige Fahrzeugkolonnen.
Früher hätten Militäranalysten dafür zahlreiche Quellen einzeln auswerten müssen, schrieben die CSIS-Fachleute. Das sei schwierig gewesen, bei stundenlangen Satelliten- oder Drohnenaufnahmen nahezu unmöglich. MSS bündelt und analysiert dagegen Hunderte Quellen, markiert mögliche Ziele und berechnet, wie sie sich am besten angreifen lassen.
"Google-Earth für den Krieg"
Der Technologiekommentator und frühere Google-Produktmanager Bilawal Sidhu beschreibt MSS als eine Art "Google Earth für den Krieg".
Das System verkürzt die sogenannte "Kill Chain" erheblich – also die Zeit, die das Militär braucht, um ein Ziel zu erkennen, dessen Gefährlichkeit einzuschätzen und einen Angriff anzuordnen.
Bei den US-Angriffen auf den Iran Ende Februar ermöglichte MSS innerhalb der ersten 24 Stunden Angriffe auf mehr als 1000 Ziele. Zuvor hatten die US-Streitkräfte etwa 100 Ziele pro Tag angegriffen.

Schneller analysieren, schneller angreifen
Eine 2022 ausgehandelte informelle Waffenruhe hatte im langjährigen Krieg im Jemen bis vor Kurzem für relative Ruhe gesorgt. Die Huthi-Rebellen kontrollieren seit 2015 große Teile des Nordens und Westens.
Gebiete im Süden und Osten hielten die international anerkannte Regierung und andere Gruppen, die von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt werden. Seit Beginn ihrer jüngsten Militäroffensive im September haben die Huthis weitere Küstengebiete unter ihre Kontrolle gebracht.
Zugleich verstärkten sie ihre Angriffe auf Saudi-Arabien und trafen den wichtigsten Flughafen des Landes sowie Ölanlagen. Trotz ihrer Militäreinsätze ist es Saudi-Arabien, den USA und anderen Staaten bislang nicht gelungen, die Huthis entscheidend zu schwächen.
Das liege auch daran, dass die Huthis einen "Nullsummenansatz" verfolgten, sagte Farea al-Muslimi, Jemen-Experte der britischen Denkfabrik Chatham House, kürzlich der DW. Der Gründer der Bewegung habe die heutigen muslimischen Gesellschaften für zu "weich" gehalten und Armut und Entbehrungen als göttliche Prüfung betrachtet.
"Es ist ihnen egal, ob die Israelis den Flughafen bombardieren oder die USA ein Krankenhaus", sagte al-Muslimi. "Das kommt ihnen sogar sehr gelegen, weil sich ihre Ideologie ganz um Märtyrertum und Aufopferung dreht."
Die großen Probleme von MSS
Nutzer haben bereits auf technische Schwächen von MSS hingewiesen, die auch im Jemen zum Problem werden könnten.
Die Huthis sind äußerst mobil. Sie nutzen auf Lastwagen montierte ballistische Raketen und kleine Drohnenschwärme und operieren in unwegsamem Gelände mit Hügeln und Schluchten. Auch bei KI-gestützter Zielerfassung könnten die Kämpfer längst verschwunden sein, bevor ein Angriff möglich ist.
MSS funktioniert am besten in relativ dünn besiedelten Gebieten. Veränderungen im Wüstengelände, Staubstürme, starker Wind, Schneefall und dichte Vegetation können die Erfolgsquote jedoch senken. Gleiches gilt für gezielt platzierte Attrappen.

Die verkürzte "Kill Chain" wirft zudem eine heikle ethische Frage auf: Ein Mensch muss das vom KI-System identifizierte Ziel überprüfen und entscheiden, wie darauf zu reagieren ist.
Doch das geschieht nicht immer. Zu den Zielen, die MSS am ersten Tag des Krieges im Iran erfasste, gehörte auch eine Schule. Eine US-Rakete tötete an einer Grundschule im Süden des Landes fast 200 Menschen, überwiegend Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren.
Könnte KI die Huthis besiegen?
Auch Israel hat im Gazastreifen KI-gestützte Zielerfassung eingesetzt. Das Land verfügt wohl über die fortschrittlichste militärisch genutzte KI im Nahen Osten. Sein System Gospel, auch Habsora genannt, kommt MSS in seiner Funktionsweise am nächsten.
Wie problematisch der Einsatz solcher Systeme angesichts der hohen Zahl ziviler Opfer sein kann, haben unter anderem israelische und britische Journalisten sowie der kürzlich erschienene Dokumentarfilm "Naza" dokumentiert.
"Einerseits hat KI [in Gaza] den Überblick der Kommandeure über die Lage verbessert, die menschlichen Verluste bei der Kartierung von Tunneln verringert, Militärschläge beschleunigt und die Überlebenschancen der Soldaten erhöht", schrieben die Analysten Frederic Wehrey und Andrew Bonney für das Fachmedium War on the Rocks.
"Doch die Vorteile dieser Funktionen wurden von der steigenden Zahl getöteter Zivilisten überschattet, die Berichten zufolge darauf zurückzuführen ist, dass die Schutzvorkehrungen dieser Technologie gelockert oder abgeschafft wurden."
Die unterschätzte Miliz: Wer sind die Huthis?
Auch deshalb bezweifelt Antony Loewenstein, dass sich die Huthis mit vergleichbarer Technologie besiegen lassen. Der in Australien lebende freie Journalist hat die Auswirkungen von Israels KI-gestützter Technologie untersucht.
"Ich glaube, es gibt so gut wie keine Belege dafür, dass der Einsatz eines KI-Systems vor Ort viel verändern wird - außer eine enorme Zahl ziviler Opfer zu verursachen", sagte Loewenstein der DW. Er ist Autor des Buches "The Palestine Laboratory: How Israel Exports the Technology of Occupation Around the World". "Und ich denke, die USA und die Saudis werden feststellen, dass die Huthis ein unglaublich hohes Maß an Zerstörung hinnehmen können."
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