«War kein Zufall, die Katastrophe zeichnete sich seit Jahren ab»

- Beim Zusammenstoss zweier Hochgeschwindigkeitszüge bei Los Yébenes in der spanischen Provinz Toledo sind mindestens 68 Personen gestorben.
- Bauingenieur Salvador García-Ayllón warnt vor einem jahrelangen Verfall des spanischen Bahnsystems.
- Menschliches Versagen darf laut dem Experten allein nicht zu einer solchen Katastrophe führen.
- Er kritisiert fehlende Investitionen, mangelhafte Planung und fordert politische Konsequenzen.
Die jüngsten Zugunglücke in Spanien werfen immer mehr Fragen auf. Wie sicher ist das spanische Schienennetz noch? Wurden Warnsignale über Jahre ignoriert? Und hätten die Katastrophen verhindert werden können?
Für Salvador García-Ayllón, Bauingenieur an der Polytechnischen Universität Cartagena, sind die Unglücke Ausdruck eines viel grösseren Problems. Gegenüber 20 Minuten erhebt er schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen des spanischen Bahnsystems.
«Diese Unfälle bestätigen die schwerwiegende Verschlechterung, die das gesamte System seit Jahren durchmacht», sagt García-Ayllón. Die Probleme seien keineswegs neu. Vielmehr hätten sich die Warnsignale über längere Zeit gehäuft.
«Menschliche Fehler muss das System auffangen»
Besonders kritisch sieht der Experte die Diskussion um mögliches menschliches Versagen. Für ihn greift diese Erklärung zu kurz: «Die Zuverlässigkeit eines Bahnsystems darf nicht davon abhängen, dass Menschen keine Fehler machen», sagt García-Ayllón.
Was führte zum Unfall?
Ein menschlicher Fehler müsse vom Sicherheitssystem aufgefangen werden können. «Genau dafür ist das System ausgelegt.» Gerade bei Hochgeschwindigkeitszügen, die mit bis zu 300 Kilometern pro Stunde unterwegs sind, seien mehrere sich ergänzende Sicherheitsmechanismen unerlässlich.
«Die Warnsignale gab es schon lange»
«Wenn ein einzelner menschlicher Fehler ausreicht, damit so etwas passiert, dann haben wir faktisch kein funktionierendes Sicherheitssystem», warnt der Bauingenieur.
Was die Unglücke konkret ausgelöst hat, müssten die technischen und gerichtlichen Untersuchungen zeigen. Für García-Ayllón steht jedoch fest, dass die Ursachen nicht ausschliesslich beim Personal gesucht werden dürften.
Der Experte beschreibt eine Entwicklung, die sich über mehrere Jahre abgezeichnet habe. Zunächst habe die Zuverlässigkeit der Fahrpläne abgenommen. Verspätungen und Unregelmässigkeiten seien häufiger geworden.
Danach hätten sich auch qualitative Probleme bemerkbar gemacht. García-Ayllón nennt insbesondere zunehmende Vibrationen in den Zügen und schwerwiegende Zwischenfälle im Bahnbetrieb. Für ihn sind das Hinweise darauf, dass das System zunehmend an Widerstandsfähigkeit verloren hat.
Experte nimmt Politik in die Pflicht
Für den Bauingenieur liegt die Verantwortung deshalb nicht nur bei den technischen Verantwortlichen. Auch das spanische Verkehrsministerium müsse sich kritischen Fragen stellen.
«Das Ministerium trägt hier eine grosse Verantwortung und wird Rechenschaft ablegen müssen», sagt er. Es gehe dabei um weit mehr als die regelmässige Wartung der Gleise. García-Ayllón fordert Investitionen in die gesamte technische Infrastruktur.
Dazu gehörten moderne Überwachungssysteme, präventive Sicherheitsmassnahmen und die Erneuerung bestehender Zugbeeinflussungssysteme wie LZB. Nur so könne gewährleistet werden, dass Probleme frühzeitig erkannt und menschliche Fehler zuverlässig abgefangen würden.
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«Der Schaden wird nur schwer zu beheben sein»
Dass es innerhalb eines Jahres zu zwei schweren Unglücken gekommen sei, bezeichnet García-Ayllón als «schrecklich». Besonders besorgniserregend sei, dass das Bahnsystem über Jahre an Widerstandsfähigkeit verloren habe. Diese Entwicklung lasse sich nicht innerhalb weniger Monate rückgängig machen.
«Wir sprechen nicht mehr nur von einem Reputationsschaden», warnt er. «Das System befindet sich in einer kritischen Situation.» Eine schnelle Lösung erwartet der Bauingenieur nicht. Die Probleme seien über viele Jahre entstanden und liesesn sich entsprechend schwer beheben.
Für García-Ayllón steht deshalb auch die politische Verantwortung im Raum. Die Verschlechterung des Systems sei nicht plötzlich eingetreten, sondern das Ergebnis einer langjährigen Entwicklung. Und: «Das Problem geht möglicherweise weit über die technische Verantwortung hinaus und erreicht die politische Ebene.»
Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten. Sie ist Stellvertretende Ressortleiterin Gesellschaft & Community.
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