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Wednesday, October 28, 2026

Eritrea im Konflikt mit Äthiopien: „Die eritreische Opposition ist tief gespalten“

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Eritrea und Äthiopien stehen sich wieder als Kriegsgegner gegenüber. Exiljournalist Zekarias Kebraeb über die Folgen für die eritreische Gesellschaft.

taz: Herr Kebraeb, im Oktober sind eritreische Truppen in das Nachbarland Äthiopien eingezogen, um die Rebellen in der dortigen Provinz Tigray gegen die äthiopische Zentralregierung zu unterstützen. Sie beobachten diesen Konflikt von Deutschland aus. Was wissen Sie darüber?

Zekarias Kebraeb: Der Konflikt begann im September als ein neuer äthiopischer Bürgerkrieg. Die Tigray-Milizen flüchteten vor der militärischen Übermacht der Zentralregierung dicht an und über die eritreische Grenze. Äthiopien schloss daraufhin am 1. Oktober die eritreische Botschaft und wies Diplomaten aus. Eritrea reagierte mit dem gleichen Schritt. Bilder internationaler Medien zeigten eritreische Truppen auf Mannschaftswagen in der äthiopischen Provinz Tigray. Äthiopien bekämpfte sie mit Drohnen. Da das eritreische Militär nur für den Bodenkampf ausgebildet ist, zog es sich schnell hinter die Landesgrenze zurück.

Im Interview: Zekarias Kebraeb

Zekarias Kebraeb lebt seit 2005 als politischer Flüchtling aus Eritrea in Nürnberg. Der 41jährige Buchautor und Journalist betreibt von Deutschland aus das eritreische Exilmedium Mestyat Betna (Spiegel Eritreas).

taz: Was wissen Sie über Tote und Verletzte unter eritreischen Soldaten, die ja wie Sklaven in den Krieg gezwungen wurden?

Kebraeb: Leider nichts. Da Eritrea offiziell bestreitet, in Äthiopien überhaupt militärisch aktiv gewesen zu sein, spricht die Regierung natürlich nicht darüber.

taz: Im Krieg von 2020 bis 2022 hatte Eritrea noch Äthiopiens Zentralregierung gegen die aufständische TPLF in Tigray unterstützt. Wie kommt es, dass Eritrea nun die Seiten gewechselt hat?

Kebraeb: Eritrea wollte die Tigray-Milizen militärisch besiegen, aber Äthiopien hat 2022 Frieden mit ihnen geschlossen. Darüber war Eritrea verärgert, die Beziehungen zwischen beiden Staaten verschlechterten sich. 2023 hat der äthiopische Premier im Parlament einen Zugang seines Landes zum Meer gefordert und damit die Unabhängigkeit Eritreas, das zwischen Äthiopien und dem Roten Meer liegt, infrage gestellt. Das führte dazu, dass sich Eritrea mit den Gegnern der äthiopischen Regierung verbündete.

taz: Die Regierung in Eritrea behauptet, äthiopisches Militär sei in Eritrea einmarschiert. Haben Sie Informationen, ob das stimmt?

Kebraeb: Äthiopien hat im Oktober einige kleine Grenzorte eingenommen, beispielsweise die lange umkämpfte Kleinstadt Badme. Die ganz große Sorge ist, dass Äthiopien in das gesamte Land einmarschiert. Der US-Außenminister hat bislang auf Äthiopien eingewirkt, das nicht zu tun.

taz: Würde Äthiopien Eritrea erobert, wäre Eritrea die brutale Diktatur los – wäre das nicht zu begrüßen?

Kebraeb: Darüber ist die eritreische Opposition tief gespalten. Wenn ich von Opposition spreche, meine ich die in der Diaspora, denn in der Militärdiktatur Eritrea selbst wäre eine Opposition undenkbar. Einige Oppositionelle sehen Äthiopien in der Tat als Verbündete, um die brutale Diktatur in Eritrea zu stürzen. Andere sehen darin eine Aufgabe der eritreischen Souveränität, was sie ablehnen.

taz: Gibt es eine Mobilmachung in Eritrea für einen neuen Krieg?

Kebraeb: Ja. Die Bevölkerung Eritreas ist teilweise lebenslang für den Nationaldienst zwangsverpflichtet. Das kann Militärdienst heißen oder auch Zwangsarbeit im zivilen Bereich. Meine Quellen sagen, dass etliche zivile Zwangsarbeiter gerade ins Militär versetzt werden. Aber auch in der Diaspora macht das Regime mobil.

taz: Was heißt das?

Kebraeb: International veranstalten regimenahe Organisationen Versammlungen oder Eritrea-Festivals. Dort sammeln sie Geld für den Krieg. In Deutschland gab es bisher in Wuppertal so eine Versammlung, für Mannheim ist eine angekündigt. Die Diaspora-Eritreer sind die wichtigste Finanzquelle des international isolierten Regimes. Auch einige Oppositionelle beteiligen sich, sie sehen diese Versammlungen als notwendig zur Verteidigung der eritreischen Souveränität, weil das Regime angesichts der Kriegsgefahr an ihre nationalen Gefühle appelliert.

taz: Durch den Tigray-Konflikt und den Krieg in Sudan sind eritreischen Flüchtlingen die Fluchtwege aus dem Land versperrt. Wohin kann man noch vor dem Zwangsdienst und einem möglichen Krieg fliehen?

Kebraeb: Das ist schwierig. Nach Äthiopien gibt es noch Wege, aber dort ist das Leben für Eritreer nicht mehr sicher. Viele fliehen nach Uganda. Die Hauptstadt Kampala, in der ich schon war, erscheint wie eine eritreische Großstadt mit vielen eritreischen Geschäften. Dort verhält sich die Bevölkerung einzigartig solidarisch gegenüber Flüchtlingen, aber dennoch sind viele Eritreer verzweifelt bis hin zum Selbstmord. Dann spielt die Fluchtroute über Belarus und Polen eine Rolle. Leider gibt es dort viele Tote. Ich musste selbst in Polen in einer Leichenhalle einen Verwandten identifizieren, der beim Grenzübertritt erfroren war. Die Zivilgesellschaft in Europa sollte da hinschauen.

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