Wie die Ukraine ihre Züge vor russischen Drohnen schützt
Russland verstärkt seine Angriffe auf die Eisenbahn in der Ukraine. Zuletzt nahmen vor allem Drohnenangriffe auf Lokomotiven und Bahnhöfe im ganzen Land zu. Allein in den ersten acht Monaten des Jahres 2026 wurden über 1600 Attacken auf Züge und Bahninfrastruktur gemeldet, sagt Oleh Holowaschtschenko von der staatlichen Eisenbahngesellschaft Ukrsalisnyzja der DW.
Am 16. September wurde der Zug Kyjiw-Mykolajiw von einer Drohne getroffen. Einen Tag zuvor war in der Region Wolhynien nahe der polnischen Grenze eine Lokomotive attackiert worden. Und am Morgen des 13. September traf eine russische Drohne die Lokomotive eines Personenzugs am Grenzübergang Jahodyn, nur zwei Kilometer von der Grenze zu Polen entfernt. Die Drohne war zuvor von der ukrainischen Bahnüberwachung entdeckt worden. Der betroffene Zug wurde rund 15 Minuten vor dem Einschlag evakuiert; niemand wurde verletzt. Ein weiterer Zug, in dem sich der ehemalige CIA-Direktor David Petraeus befand, stand zu diesem Zeitpunkt ebenfalls am Bahnhof.
Kurz davor hatte dort ein Zug gehalten, in dem sich Sicherheitsberater mehrerer EU-Länder sowie ehemalige europäische Staats- und Regierungschefs befanden, darunter der britische Ex-Premierminister Boris Johnson. Die ukrainische Eisenbahn hält es für möglich, dass der diplomatische Zug das eigentliche Ziel der Drohne war. Der Zug war jedoch wegen einer Fahrplanänderung früher als vorgesehen abgefahren.
Hunderte Lokomotiven beschädigt oder zerstört
Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine hat Russland dort mehr als 500 Lokomotiven beschädigt oder zerstört. Mehr als die Hälfte davon entfällt allein auf das Jahr 2026, wie der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha im sozialen Netzwerk X mitteilt. Er spricht von "Putins Terror", der darauf abziele, die ukrainische Logistik zu destabilisieren.
Der Minister fordert die internationalen Partner auf, die Sanktionen gegen Moskau weiter zu verschärfen und Kyjiw finanziell dabei zu helfen, schnell Lokomotiven für die in der Ukraine übliche Spurweite von 1520 Millimetern zu beschaffen. "Die ukrainische Eisenbahn hält das Land in Bewegung. Sie sorgt für die schnelle Evakuierung von Zivilisten aus den Gebieten an der Front, transportiert lebenswichtige Güter und gewährleistet den Transport von Getreide und anderen wichtigen Gütern im ganzen Land", betont Sybiha.

Russland greife gezielt Lokomotiven an, da sie aus technischer Sicht ein ideales Ziel seien, sagt der ehemalige amtierende Minister für Transportwesen und Kommunikation, Wasyl Schewtschenko. "Das Wärmebild einer Lokomotive ist sehr groß und man kann es kaum verfehlen. Die Folgen eines Treffers sind verheerend, denn 50 Kilogramm Sprengstoff in einer Diesellok führen zur Detonation mehrerer Tonnen Kraftstoff und zur vollständigen Zerstörung der Maschine. Ein Treffer in einer Elektrolok löst einen Brand aus, der eine ganze Strecke lahmlegt. Daher wird dort angegriffen, wo der Ausfall eines einzigen Zuges den Bahnverkehr zum Erliegen bringt", erläutert der Verkehrsexperte im DW-Gespräch.
Suche nach Ersatz-Lokomotiven
Lokomotiven könnten aber nicht sofort gekauft werden, sondern müssten bestellt werden. Das könne Jahre dauern, so Schewtschenko. Nach Angaben der ukrainischen Eisenbahngesellschaft laufen derzeit Gespräche mit internationalen Partnern über die Beschaffung von Lokomotiven. Ein Vertrag mit dem französischen Unternehmen Alstom ist bereits unterschrieben. Die neuen Lokomotiven sollen ab nächstem Jahr geliefert werden. Ukrsalisnyzja prüft zudem die Möglichkeit, Lokomotiven von ausländischen Eisenbahngesellschaften zu beziehen, die eine Spurweite von 1520 Millimetern nutzen.
Um einen Stillstand des Bahnverkehrs zu verhindern, repariert die ukrainische Eisenbahn parallel ihre Züge in eigenen Werkstätten. "Während früher für uns Kosteneinsparungen, Komfort für das Lokpersonal und ein ansprechendes äußeres Erscheinungsbild im Vordergrund standen, haben sich die Prioritäten heute geändert. Das Wichtigste ist, dass die Lokomotive technisch einwandfrei und für den Transport von Fahrgästen und Gütern einsatzbereit ist", sagt Oleh Holowaschtschenko. Er berichtet von Versuchen, Lokomotiven und Waggons zusätzlich zu panzern. Doch den Fuhrpark auf diese Weise vor Waffen zu schützen, die Russland gegen Personenzüge und Lokomotiven einsetze, sei schwierig.
Ausweichrouten und bessere Flugabwehr
Am 15. September hielt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Sitzung des Oberkommandos ab, die dem Schutz kritischer Infrastruktur und der Logistik gewidmet war. Ihm zufolge wurde der Bedarf der Eisenbahn analysiert. Zudem sei beschlossen worden, Verträge zur Herstellung von Schutzsystemen zu genehmigen, mehr Ausrüstung für die elektronische Kriegsführung zu beschaffen, den Einsatz mobiler Feuergruppen und der Flugabwehr neu zu organisieren sowie Ausweichrouten für die Logistik in den Frontgebieten einzurichten. Das Finanzministerium wurde beauftragt, hierfür Mittel bereitzustellen. "Es wird zusätzliche Verträge für Systeme geben, die den Schutz der Eisenbahn, der Grenzübergänge und anderer Objekte von Ukrsalisnyzja verstärken", versicherte Selenskyj.

Auch die ukrainische Eisenbahngesellschaft selbst suche nach Antworten auf die neuen Herausforderungen, betont Oleh Holowaschtschenko. So solle eine frühzeitige Erkennung von Bedrohungen für mehr Sicherheit sorgen. Dafür sei ein Überwachungszentrum eingerichtet worden, in dem Experten gemeinsam mit Militärs in Echtzeit die Bewegungen von Drohnen und Zügen abgleichen - nicht nur in Gebieten nahe der Front, sondern landesweit.
Große Sorgen vor dem Winter
Das Auftauchen strahlgetriebener Shahed-Drohnen, die deutlich schneller fliegen als herkömmliche Modelle, verkürzt die Reaktionszeit erheblich. "Früher haben wir Züge erst später angehalten, um sie zu evakuieren. Jetzt gibt es mehr vorsorgliche Stopps. Aber generell versuchen wir, nicht in Gebiete zu fahren, wo eine potenzielle Gefahr besteht", so Holowaschtschenko.
In Gebieten mit besonders hohem Risiko, in denen die Eisenbahn den Zugverkehr einschränkt, werden Busse eingesetzt. Das Konzept "Zug plus Bus" soll in Zusammenarbeit mit den Militärverwaltungen ausgeweitet werden. Zusätzlich werden die Fahrgäste darüber informiert, wie sie sich im Alarmfall verhalten sollen. Es wird ihnen nun empfohlen, sich weiter vom Bahnhof zu entfernen als bisher. Die schwierigste Frage ist aber, wohin genau die Menschen evakuiert werden können. Die Überwachungszentren verfügen laut Holowaschtschenko über Karten mit allen Schutzräumen entlang von Zugstrecken. Die Fahrdienstleiter versuchen, Züge dort anzuhalten, wo sich ein Schutzraum in der Nähe befindet. Das gelingt jedoch nicht immer. Zudem werden Zugbegleiter insbesondere psychologisch geschult, um den Fahrgästen in solchen Momenten zu helfen.
Aktuell bereitet sich Ukrsalisnyzja auf den Winter vor. Die Eisenbahngesellschaft arbeitet mit Stiftungen und Geldgebern zusammen, um die Beheizung der Züge sicherzustellen. Durch die sinkenden Temperaturen werden die Evakuierungen noch schwieriger. "Das ist keine leichte Aufgabe. Wir besorgen Decken, Regenjacken und Ausrüstung, damit die Zugbegleiter die Fahrgäste zumindest mit dem Nötigsten versorgen können, falls ihr Zug beispielsweise wegen eines Schneesturms auf freiem Feld stehen bleibt", sagt Holowaschtschenko.
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