The Jerusalem PostNetanyahu's inner circle is now almost entirely religious, cabinet secretary saysPunchPSG’s Kvaratskhelia to undergo surgery after ACL rupture – OfficialDaily MaverickTIME TO REFOCUS: SA’s URC teams face northern examination as club season ramps upBollywood HungamaEXCLUSIVE: Gulshan Devaiah DEBUNKS Wikipedia's claim that he made his debut in Salman Khan's Dil Ne Jise Apna Kahaa: “Even I have seen it and I laugh at it!”InquirerMarcos, Angara roll out Yakap health caravan in SuluSouth China Morning PostAttitudes shifting in Hong Kong’s favour as city reaps Apec benefits: Paul ChanRTL BoulevardAbdi A., verdachte dood Hajar, werd opgepakt bij pleegvader in SpierdijkZDF heuteAktuelle Pressemitteilungen des ZDFCNN بالعربيةتحليل.. من "الأسطول المظلم" إلى الديزل الروسي.. لا "حلول سحرية" لخفض أسعار الوقود بأمريكاVanguardNigeria’s 11m-tonne cold storage gap exposes food supply weakness7sur7L’horreur à Toulouse: un homme aurait tué trois membres de sa famille avant de se suiciderCapital FMSix oil tankers among 51 ships expected at Mombasa, Lamu ports
The Daily Newsstand · Free, Always
Wednesday, October 21, 2026

Regisseur Lee Chang-dong im Gespräch: „Kapital und Technik werfen uns unter die Räder“

Translate

Der koreanische Filmemacher Lee Chang-dong über Streiks und Massenentlassungen, Arbeit als einziges Lebenselixier und die Zuneigung zu seinen Figuren.

Er hat noch keinen Oscar wie Bong Joon-ho und keine US-Serien gedreht wie Park Chan-wook, doch zu den international meist beachteten Regisseuren gehört Lee Chang-dong trotzdem schon lange. „Possible Love“, der siebte Spielfilm des 72-Jährigen, wurde kürzlich in Venedig mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet und geht obendrein als Koreas Kandidat ins Oscar-Rennen. Nach seinem Kinostart ist das ruhige, feinsinnige und komplexe Gesellschafts- und Ehe-Drama bereits ab dem 6. November beim Streamingdienst Netflix zu sehen.

taz: Lee Chang-dong, Ihr neues Werk, „Possible Love“, ist dem Filmzyklus „Dekalog“ Ihres polnischen Kollegen Krzysztof Kieślowski gewidmet. Warum?

Lee Chang-dong: Ich habe Kieślowski immer gemocht, und ohne dass ich es mir sonderlich bewusst gemacht hätte, hat er mich als Filmemacher sicherlich beeinflusst. In jungen Jahren seine Filme zu sehen, war auf ästhetische Weise ein Schock für mich, der unsichtbare Spuren hinterlassen hat. Deswegen habe ich gleich zugesagt, als ich die Anfrage bekam, bei einem letztlich nun nicht verwirklichten Projekt mitzuwirken, bei dem aus jeder Episode der „Dekalog“-Reihe ein eigener Spielfilm eines anderen Regisseurs werden sollte. Die Idee zur Geschichte von „Possible Love“ hatte ich da bereits im Kopf, aber ich fand, dass sie sich mit dem letzten Gebot verbinden ließe: Du sollst nicht begehren. Denn in einem kapitalistischen Zeitalter, in dem einem das eigene Leben und der Wert der eigenen Arbeit so leicht genommen werden, kommt man um eine Frage nicht herum: Kann man da überhaupt anders, als zu begehren, was anderen gehört?

Im Interview: Lee Chang-dong

wurde 1954 in Daegu geboren. Er studierte Koreanisch und Literatur und arbeitete anschließend zunächst als Lehrer. Von 1983 wurde er als Schriftsteller bekannt und begann dann mit dem Filmemachen. Sein Spielfilm „Burning“ lief 2018 beim Filmfestival in Cannes.

taz: Die ursprüngliche Inspiration für „Possible Love“ war eine reale Massenentlassung in Korea vor über zehn Jahren, die einen großen Streik und dessen gewaltsame Niederschlagung nach sich zog. Wussten Sie damals schon, dass dies der Stoff für einen Film sein könnte? Und wirken die Ereignisse von damals in Ihrer Heimat bis heute nach?

Lee: Dass die Ereignisse und ihre Folgen einen Film wert wären, war mir damals schon klar. Denn es ging nicht bloß um das Problem eines einzelnen Konzerns, sondern war ein echter Wendepunkt. Da fand ein Umbruch nicht nur in der Arbeiterbewegung statt, sondern die gesamte koreanische Gesellschaft veränderte sich nachhaltig. Anfangs war ich noch nicht davon überzeugt, dass ein Spielfilm der richtige Weg sei, sich des Themas anzunehmen. Aber inzwischen hat sich die Arbeitswelt auf der ganzen Welt rasant weiter verändert. Wir leben in einer Zeit, in der die Arbeit selbst zu verschwinden scheint. Es geht nicht nur darum, dass Menschen ihre Jobs verlieren. Weil für so viele Menschen ihre gesamte Selbstidentifikation an ihrer Arbeit hängt, verlieren sie auch sich selbst. Heute mehr denn je.

taz: Wann genau reifte die Idee, dass daraus ein Film im Film wird?

Lee: Die Umsetzung als Film klärte sich für mich erst, als mir meine Ko-Autorin Oh Jung-mi vorschlug, diesen Stoff mit der Geschichte einer Regisseurin zu verknüpfen. Denn so konnte ich mir das Thema wirklich zu eigen machen.

taz: Diese aus privilegierten Verhältnissen kommende Regisseurin, die hier einen Dokumentarfilm über entlassene Arbeiter dreht und sich dabei um das Vertrauen eines betroffenen Ehepaars bemüht, sehen Sie tatsächlich als eine Art Alter Ego von Ihnen selbst?

Lee: In ihrer Identität als Filmemacherin, ihrer Haltung zum Kino und ganz allgemein an ihrem mit der Kamera geschulten Blick auf die Welt ist sie von den vier Hauptfiguren meines Films sicher diejenige, der ich mich am nächsten fühle. Wie spreche ich über die Welt, die mich umgibt? Wie nähere ich mich den Menschen an, die im Zentrum meines Films stehen? Wie viel Zurückhaltung oder Freimütigkeit kann oder muss ich walten lassen? Das sind alles Fragen, die Yeji sich stellt und die ich auch selbst kenne. Ihr Ehemann ist zynisch und wirft ihr vor, ihre vermeintliche Freundschaft mit dem anderen Ehepaar sei Method Acting, weil sie nichts mit den beiden gemeinsam hat und auch niemals haben kann. Vielleicht kann man mir das Gleiche vorwerfen: Dass ich mir Geschichten aneigne, die nicht meine eigenen sind. Aber selbst wenn die Figuren, die meine Filme bevölkern, oft weit weg sind von mir, habe ich immer den Eindruck, echte Liebe für sie zu empfinden.

Der Film

„Possible Love“. Regie: Lee Chang-dong. Mit Jeon Do-yeon, Sul Kyung-gu u.a. Südkorea/USA 2026, 164 Min.

taz: Sie drehen ja auch Spielfilme, deren Prot­ago­nis­t:In­nen Sie sich selbst ausdenken …

Lee: Trotzdem frage ich mich immer wieder, wie ich mit deren Leben, deren Schmerz umgehen soll. Wie ehrlich ist das? Wie viel Abstand muss ich halten, wie nah darf ich an sie herangehen? Das ist bis heute für mich als Regisseur die zentrale Figur. Wer kommerzielle Filme dreht, muss die Geschichten von Menschen vielleicht vor allem handwerklich gekonnt erzählen. Ich frage mich aber immer, wie groß der Abstand zwischen mir und dem Erzählten sein muss oder darf. Wie nah das Leben der Figuren meinem sein kann. Ich glaube, das prägt den Charakter meiner Filme.

taz: Das eigentliche Zentrum des Films stellt die Beziehung zweier sehr unterschiedlicher Ehepaare dar. Sehen Sie „Possible Love“ trotzdem als politischen Film?

Lee: Das hängt davon ab, wie man den Begriff des Politischen fasst. Insofern der Film zeigt, wie leicht wirtschaftliche Probleme und ökonomische Ungleichheit einem Menschen sein Leben entreißen können, kann man ihn durchaus politisch nennen. Und natürlich erzählt der Film von Gewalt, und zwar nicht nur von Staatsgewalt, die wir etwa in den Rückblenden zeigen, mit der Niederschlagung der Arbeiterproteste. Viel brutaler kann die unsichtbare Gewalt des längst übermächtigen Kapitals sein, nicht zuletzt, wenn es – wie im Fall von Sang-woo im Film – ein sehr freundliches, menschliches Antlitz trägt. Ich hoffe, dass das Publikum dies genau so auch wahrnimmt, also das Politische im Zwischenmenschlichen erkennt.

taz: Haben Sie den Eindruck, dass sich die Konflikte und die Kluft zwischen den gesellschaftlichen Schichten in der koreanischen Gesellschaft weiter verschärfen?

Lee: Die Entwicklung der vergangenen Jahre ist so rasant wie unaufhaltsam. Inzwischen ist die Kluft so groß geworden, dass Begriffe wie Klassenkampf und Spaltung der Gesellschaft heute kaum noch Bedeutung haben. Es ist, als existierte die Macht des Kapitals nicht mehr in derselben Atmosphäre wie wir, sondern längst in der Stratosphäre. So weit ist die Schere zwischen Reich und Arm auseinandergegangen. Dazu kommt, dass sich diese übermächtige Kraft, die über das Leben gewöhnlicher Menschen entscheidet, an die technologische Revolution gekoppelt hat.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Externen Inhalt erlauben

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

taz: Können Sie bitte ein konkretes Beispiel nennen?

Lee: So wie sich Mi-ok zum wohlhabenden Sang-woo hingezogen fühlt, der sie an den von ihr bewunderten Apple-Mitbegründer Steve Jobs erinnert, begeistern sich die Menschen für diesen Bund aus Kapital und Technik. Sie hoffen, dass der unsere Probleme lösen und uns befreien kann. Dabei ist leider sehr viel wahrscheinlicher, dass wir selbst als Individuen in unserer Existenz da völlig unter die Räder kommen und gar keine Rolle mehr spielen.

taz: Wo wir gerade beim Kapital sind: Es war wohl nicht leicht, das Projekt „Possible Love“ auf die Beine zu stellen. Dabei boomt doch das koreanische Kino weltweit seit einigen Jahren, oder?

Lee: Gemessen an verschiedenen Kennzahlen ist das koreanische Kino sehr erfolgreich, und mit Filmen wie „Parasite“ sind Werke entstanden, die weltweit Aufmerksamkeit generieren und international gefeiert wurden. Doch während der Coronapandemie haben die Kinos schwer gelitten und Produktionen aus Korea feiern ihre größten Erfolge längst bei Streamingdiensten. Dadurch steckt die koreanische Filmindustrie paradoxerweise in einer neuartigen Krise, wie sie dies bisher nicht kannte. Ausgerechnet in der ersten Jahreshälfte 2025, als ich die Finanzierung für diesen Film auf die Beine stellen wollte, war die Branche wirtschaftlich so geschwächt wie nie zuvor. Eine Finanzierung wie bei meinen vorherigen Produktionen gelang mir nicht, ich fand nicht genügend Geldgeber. Also entschloss ich mich schließlich doch, das Angebot von Netflix anzunehmen, wo von Beginn an großes Interesse an dem Projekt gezeigt wurde. Und zum Glück kann ich berichten, dass man auch dort meine Unabhängigkeit und Freiheit als Filmemacher immer garantiert und respektiert hat.

View the original on taz →

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.