Lesung Writing Black Berlin: Komplett andere Geschichten im Gepäck

Eine Berliner Veranstaltung wagte eine Bestandsaufnahme Schwarzer Gegenwartsliteratur. Dabei gelang ein zukunftszugewandter Leseabend.
Foto: Benjamin Freund
Ostberlin, gute Güte! Längst ist es bitterkalt in Deutschland. Wem es jetzt erst fröstelt, der hat aber die letzten Jahre wohl im Winterschlaf verpennt.
Wenn man sich als Schwarzer Mensch durch öffentliche Räume manövriert, weiß man nur zu gut, wie hartnäckig sich der Frost hierzulande hält. In Bahn oder Café wird man weißen Ganzkörperscans unterzogen, versucht auszubüxen oder scannt frech zurück. Vielleicht erspäht man die einzig andere Schwarze Person in der Raumecke, vielleicht nickt man ihr kurz zu. Oder man fühlt sich aufs Glatteis geführt, weiß nicht, wie man sich angemessen „Schwarz“ verhält.
In der Berliner Brotfabrik klappt am Freitagabend das laute Nachdenken über Schwarze Realitäten, individuelle Träume und kollektive Dissonanzen erstaunlich gut. Brotfabrik-Vorstand und Literaturvermittler Alexander Graeff hat zu „Writing Black Berlin“ eingeladen. Die Gastro im früheren Gasthaus am Caligariplatz summt und klirrt, aber man fühlt sich nicht bedrängt.
Kurz durch das gemütliche Treiben zum Veranstaltungssaal gehuscht, geht es los. Yama Tessa Hart, Elisa Aseva und Jenaba Samura haben auf blauen Samtsesseln Platz genommen. Die drei wandeln zwischen den Kulturformen, schreiben hier tagebuchartige Texte, dort queere Gedichte oder forschen zu Postkolonialismus, alles aus Schwarzer Perspektive.
Ein Safespace wird verboten
Moderatorin Jenaba Samura eröffnet das Gespräch mit einem Zitat der Berliner Autorin und Aktivistin May Ayim: „deutschland im herbst/ mir graut vor dem winter“. Deutschlands berühmteste afrodeutsche Dichterin hatte den Rassismus der Deutschen jahrelang in ihren Texten entlarvt und sich im August 1996 von einem Hochhaus in den Suizid gestürzt. „Sch-Einheit“ hatte sie die deutsche Wiedervereinigung genannt, daran erinnert Moderatorin Samura an diesem Abend vor dem Tag der Deutschen Einheit.
Es geht damit weiter, dass Yama Tessa Hart ihr Gedicht „Ausgeschlossen“ vorträgt. In diesem redet einem das Umfeld ein, man sei selbst schuld, ausgeschlossen zu sein. Ein Safespace wird zugleich verboten. Scheinheiligkeit. In Harts Kurzgeschichte „Über Bord“ überkommt dey die gute alte deutsche Tugend. Darin sprießen dey oder dem zwischen verschiedenen Schiffen zunächst herumschwimmenden erzählenden Ich Flügel aus dem Kopf, welche dabei helfen, die Schiffe aus der Luft als Illusionen und soziale Konstrukte zu katalogisieren.
Auf die perfiden Täuschungsmanöver der Dominanzgesellschaft, die Rassismusbetroffene als Schwarze Snowflakes herabwürdigt, macht Elisa Aseva aufmerksam. Aus „Über Stunden“ liest sie kaleidoskopartige Kurznachrichten vor und reflektiert über ihre Wohnzeit hinter dem Kotti und Schwarze Gemeinschaft. „Man kommt über gelebte Diskriminierungserfahrungen zusammen, aber hat komplett andere Geschichten im Gepäck“, sagt Aseva und erklärt, dass es Phasen gab, in denen der Literaturbetrieb sich nicht sattsehen konnte an Schwarzen Leidensgeschichten. „Super, da steckt ja alles drin“, würden Agenten und Verlage weißen Autor:innen sicher nicht entgegnen.
Erst vor ein paar Wochen hatten die Autor:innen Tupoka Ogette und Don Pablo Mulemba beim Berliner Literaturfestival Ähnliches thematisiert. Eine Sci-Fi-Story als Schwarze Person schreiben? Why not! Der weißen Dominanzgesellschaft fällt es schwer, Dualitäten auszuhalten. Immerhin greifen einige von ihnen am Ende von „Writing Black Berlin“ beim Büchertisch zu.
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