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Monday, November 2, 2026

Reisners Blick auf die Front: "Kilometerweit robben die Männer durch die Gasleitung"

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Reisners Blick auf die Front"Kilometerweit robben die Männer durch die Gasleitung"

In Kupjansk versuchen Russen wie Ukrainer, durch Gasleitungen hinter die Stellung des Gegners zu gelangen. Den Soldaten verlangt das Unvorstellbares ab, beschreibt Oberst Reisner ntv.de.

ntv.de: Herr Reisner, unter russischen Militärbloggern wird der vergangene Monat als "schwarzer Oktober" gewertet. Einige Luftangriffe der Ukraine seien sehr erfolgreich gewesen, an der Front kämen die Russen nicht voran. Wenn sich dann Kreml-Truppen in Kupjansk beschweren, sie würden dort "verheizt", ist das ein Hinweis, dass es schlecht läuft?

Markus Reisner: Solche Klagen haben wir in den vergangenen Jahren häufig gehört und auf beiden Seiten. Im Fall von Kupjansk haben sie allerdings einen konkreten Hintergrund. Dort liefern sich beide Kriegsparteien derzeit einen unterirdischen Kampf in zwei Gasleitungen, die nebeneinander von Westen nach Osten führen. Die Truppen sind oberirdisch durch den Fluss Oskil voneinander getrennt. Darum verfolgen sie unterirdisch zwei Ziele: Zum einen, den Fluss zu unterqueren, denn die Gasleitungen laufen unter dem Flussbett durch das Erdreich. Zum anderen geht es darum, so weit auf die andere Seite vorzustoßen, dass die Soldaten beim Austritt aus der Leitung im Rücken der feindlichen Truppen stehen würden und sie also von hinten angreifen könnten. Die Kämpfe in diesen Leitungen sind heftig, die eine hat einen Durchmesser von nur einem Meter, die andere von 1,20 Meter. Die Verluste sind hoch.

Wie schaffen es die Soldaten, dort überhaupt zu kämpfen? Man kann offenbar nicht einmal gerade stehen?

Nein, die Kämpfenden können nur auf Elektrokarren fahren oder am Ende gebückt vorwärtslaufen und müssen in gekrümmter Haltung eine weite Strecke zurücklegen, denn die Leitungen sind 16 bis 19 Kilometer lang. In Litauen traf ich vergangene Woche den ukrainischen stellvertretenden Kommandanten des dort eingesetzten Korps, der es mir im Detail beschrieben hat. In einigen Abschnitten verlässt die Leitung das Erdreich und kommt an die Oberfläche. An diesen oberirdischen Abschnitten ist sie zumeist stark beschädigt und es lauern Drohnen beider Seiten. Die Soldaten müssen also von einer Öffnung zur anderen sprinten, um dort wieder in die Schutz gebende Leitung hineinzukriechen.

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Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Treffen die Gegner unter Tage dann in der Mitte aufeinander?

Nicht direkt. Beide Seiten haben Barrikaden in den Rohren errichtet. Dichte Wälle aus Schutt und Steinen, die wie Korken die Leitung dicht machen und so den Gegner am Vormarsch hindern sollen. Das funktioniert auch. Die Soldaten versuchen stattdessen, vor der jeweiligen Barrikade die Außenhaut der Gasleitung zu durchschneiden.

Woraus besteht sie?

Etwa zwölf Millimeter Stahl sind zu durchtrennen. Das schaffen die Soldaten mit einem Schneidbrenner oder mit Fräsen, dann graben sie sich in einem Bogen durch das Erdreich, um hinter der Barrikade wieder auf die Leitung zu stoßen. Sie versuchen, die Leitung dort wieder aufzuschneiden und hineinzukriechen, um von dort aus weiter vorzustoßen.

Das klingt ja beinahe absurd belastend. Dazu können die Kämpfer nirgends gerade stehen? Wie ist dieser Einsatz auszuhalten?

Beide Seiten nutzen kleine, flache, elektrische Wagen, auf die sich die Kämpfer drauflegen können und die ersten neun Kilometer zurücklegen. Die restliche Strecke der Gasleitung, also immer noch fünf bis acht Kilometer, müssen die Männer kriechen oder robben. In gewissen Abständen sind Nischen in die Wand geschnitten, wo Munition, Wasser und Versorgungsgüter lagern. Auch Sammelplätze gibt es entlang der Leitungen, große Stützpunkte, wo Verwundete erstversorgt werden können und auch mal die Möglichkeit zum Ausruhen besteht. Beide Seiten haben dort unterirdisch mehrere Dutzend Soldaten im Einsatz, die sich durch Schmutz und Staub vorwärts kämpfen, ohne auch nur einmal gerade stehen zu können. Die Belastung für diese Kämpfenden ist enorm hoch, eigentlich unvorstellbar.

Haben sie ausreichend Luft zum Atmen?

Die Kupjansker Röhren sind offenbar schon seit längerem nicht mehr mit Gas befüllt gewesen und werden durch verschiedene Öffnungen mit Verbindung zur Oberfläche belüftet. Das ist dennoch prekär, denn durch die Präsenz der Soldaten verbraucht sich die Luft im Tunnel recht schnell. Bislang ist aber kein Erstickungstod gemeldet worden. Das war vor Jahren beim Tunnelkampf im Raum Kursk noch anders. Damals haben sich russische Soldaten in Gasleitungen an den ukrainischen Truppen vorbei hinter deren Stellungen geschlichen, doch die Rohre waren noch mit Gasresten befüllt. Viele russische Kämpfer sind unter Tage erstickt.

Bislang hat aber noch keine Seite das Ziel erreicht, am Gegner vorbeizukommen und seine Stellungen dann rückwärtig angreifen zu können?

Nein. Günstig wäre das für beide Seiten auch, weil man ja automatisch unter dem Oskil hindurchschlüpfen würde. Die aufwendige Überquerung des Flusses könnten sich die Truppen also sparen. Aber Russen und Ukrainer sind sehr auf der Hut, um einen Vorstoß des Gegners durch die Leitung zu verhindern. Sie wissen auch jeweils, wo sich der Gegner im Erdreich befindet. Immerhin gelingt es häufiger, entlang der Strecke die Leitung nach oben zu öffnen und mit den Streitkräften von dort aus den Gegner anzugreifen. Aber die Gesamtlage bleibt extrem belastend und verlustreich.

Den "schwarzen Oktober" beziehen die russischen Blogger nicht nur auf die Situation an der Front, sondern auch auf den Luftkampf. In den vergangenen Tagen hat die Ukraine mehrere Raffinerien angegriffen, dazu ein Chemiewerk und eine Fabrik, die eine Komponente für die Panzerung von Fahrzeugen herstellt. Stimmen Sie den Bloggern zu? Geht die Initiative in der Luft langsam auf die Ukraine über?

Gerade in der jüngsten Zeit hat die Ukraine mit Luftangriffen spektakuläre Bilder produziert und den Russen schmerzhafte Verluste beigebracht. Trotzdem würde ich das Gesamtbild differenzierter betrachten, denn auch die Ukraine leidet ja unter massiven Angriffen. In den letzten Monaten wurden mehr als 400 ukrainische Tankstellen zerstört. Im Ostteil des Landes gibt es Regionen, in denen über Hunderte Kilometer keine Tankstelle mehr funktioniert. Von 1000 Lokomotiven hat die Ukraine über 400 verloren. Russland hat allein in den letzten 48 Stunden mit bis zu 1400 weitreichenden Geran-Drohnen über das ganze Land verteilt attackiert . Die Angriffe der Ukraine haben hingegen etwas nachgelassen, weil die Starlink-Nutzung eingeschränkt war. Das hat sich bemerkbar gemacht.

Dann sehen Sie also - anders als manche russische Stimme - das Momentum in der Luft nicht bei der Ukraine?

In den vergangenen Monaten ist es der Ukraine zum Teil gelungen, die Initiative zu gewinnen, dieses Momentum ist aber vorbei und gerade versuchen die Russen massiv, die Ukraine zu treffen. Kiew hat weiterhin zu wenig Munition für Fliegerabwehrwaffen, und die Zusage der USA, 500 Lenkflugkörper zu liefern, hilft nicht, denn die Lieferung streckt sich über mehrere Jahre. Im kommenden Winter hilft das nicht, da wird die Ukraine fast ohne Schutz sein. Der russische Präsident Wladimir Putin ist überzeugt, dass er die Ukrainer durch die Langstreckenangriffe mit ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen im Laufe des Winters zur Kapitulation zwingen kann. Entscheidend wird die Witterung in den kommenden Monaten sein. Wie hart wird der Winter?

Für die russisch besetzte Stadt Oleschky hatten sich die ukrainische und die russische Seite auf einen zeitlich begrenzten Waffenstillstand geeinigt. Macht der Hoffnung, dass auch eine Einigung auf eine größere Waffenruhe möglich wäre? Gerade mit Blick auf den Winter?

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hofft auf ein für November geplantes Treffen zwischen der Ukraine, Russland und den USA. Für ihn ist entscheidend, dass es in der Diplomatie vorwärts geht, auf allen Kanälen. Von russischer und amerikanischer Seite gibt es Aussagen, die hoffen lassen, dass dieses Treffen wirklich stattfinden könnte. Schlussendlich bleibt die Frage: Meint Putin diese Verhandlungsbereitschaft wirklich ehrlich? Oder dient ein solcher Prozess den Russen vor allem dazu, um Zeit zu gewinnen und mit massiven Angriffen Fakten zu schaffen? Ich tippe auf letzteres.

Auch während in Oleschky die Waffen schwiegen, wurden Fakten geschaffen.

Ja, das ist üblich. Eine Waffenruhe nutzen Kriegsparteien, um sich zu konsolidieren. In diesem Fall werfen beide Seiten dem jeweiligen Gegner vor, den Waffenstillstand genutzt zu haben, um einen größeren Angriff vorzubereiten. Das russische Narrativ behauptet, die Ukrainer wollten über den Dnipro übersetzen und hätten dafür nun die Weichen gestellt. Die Ukrainer werfen den Russen vor, sie wollten ihrerseits Richtung Norden über den Fluss kommen. Die Russen haben Personal und Material herangeschafft und umgruppiert und mit Netzen über den Straßen ihre Versorgungswege gegen Drohnen abgesichert. Das ist durch Videos belegt. Ob das Ziel eine größere Operation wäre, ist noch nicht vorhersehbar. Aber in der Tat: Ein Waffenstillstand bedeutet nicht, dass alles stillsteht. In einer solchen Phase rotieren Truppen, werden Stellungen befestigt, Nachschubwege gesichert. Das muss man mit einpreisen.

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