"Chaos" mit dem DFB-Kader: Der bemerkenswerte Auftritt des Jürgen Klopp

Jürgen Klopp dreht die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf links. Der gigantische Kader ist nach der WM-Enttäuschung kaum wiederzuerkennen. Den kurzfristigen Erfolg hat er dabei gar nicht im Blick. Für die ersten Spiele akzeptiert er "Chaos".
Der große Jürgen Klopp macht sich nach einer Stunde ganz klein. Dass die deutsche Nationalmannschaft jetzt die nächsten vier Spiele gewinnen werde, das könne er natürlich nicht versprechen, aber es wäre schon schön, wenn man sieht, "dass wir gewinnen wollen". Mit Klopp übernimmt der nächste Hoffnungsträger die Leitung an Deutschlands größter Baustelle. Wieder einmal versucht jemand Großes ein neues Fundament zu gießen, auf dem das DFB-Team endlich wieder laufen soll, ohne sich ständig die Beine zu brechen.
So groß die Fußball-Nation einmal war, so sehr hat sie sich mit ihren Turnierleistungen seit fast einer Dekade verzwergt. Deutschland rumpelt im nichtssagenden Mittelmaß herum, garniert mit amtlichen Blamagen. Es waren wiederkehrende Abstürze ins Nirvana des Weltfußballs. Sie folgten immer dem gleichen Muster: Aufbruch, Entfremdung, Untergang. Es war egal, ob der Bundestrainer Joachim Löw, Hansi Flick oder Julian Nagelsmann hieß. In all den Jahren seit 2014 sind Identität und Leidenschaft verloren gegangen.
Der Kampf um die Liebe des Landes wird von den Spielern immer wieder selbst torpediert. Als es hart auf hart kam, fand sich bei dieser Selbstdemontage im Sommer 2026 im Spiel gegen Paraguay kaum einer, der einen Elfmeter schießen wollte. Nagelsmann war machtlos. Die Sehnsucht nach dem guten Vater, der auch mal den Kopf tätschelt und die Herzen berührt, war groß. Sie wurde gestillt: mit Jürgen Klopp. Und der lässt es, frisch im Amt, ordentlich krachen. Anders als bei seiner grantigen Vorstellung am 24. Juli war Klopp wieder mehr der, in den sich Fußball-Deutschland mal verliebt hatte: mitreißend, nahbar (nicht nur über seine Kappe), wortgewaltig, Sprüche klopfend.
Wer sind die denn?
Man wusste, was man bekommt: Ein Verbinder, der das "organisierte Chaos" liebt, der auf dem Platz nur Heavy Metal duldet und die Menschen hinter sich bringt. 44 Spieler holt er für seine ersten vier Länderspiele, er teilt sie in zwei Kader auf. Es sind Fußballer dabei, von den mindestens 80 der 83 Millionen deutschen Bundestrainer noch nie was gehört hat. Mika Baur etwa, oder Bambasé Conté. Der eine spielt bei Celtic Glasgow, der andere in Hoffenheim. Dass einige Personalien vorher schon geleakt worden waren, ist Klopp völlig wumpe, auch wenn er sich über das "arme" Treiben der Fußball-Whistleblower wundert.
Baur, Conté, Felix Keidel und wie sie alle heißen, werden kurzfristig sehr wahrscheinlich nicht dafür sorgen, dass der deutsche Fußball reüssiert. Aber das hat Klopp mit seiner gigantischen Nominierung auch gar nicht im Sinn. Er setzt auf einen nachhaltigeren Ansatz. Obwohl er als Bundestrainer ja nur wenig Zeit mit den Spielern hat. Klopp blickt bereits auf die Turniere und mahnt voreilige Urteile über den Weg dorthin: Jedes einzelne Spiel sei wichtig, aber "du brauchst für eine Zeit für Entwicklung und offensichtliche Schritte".
Der größte Casting der Nationalmannschaftsgeschichte soll das Beste aus dem herauskitzeln, was das Land zu bieten hat. Und das ist sehr viel. Viel mehr, als das was viele Menschen gerade fühlen. Was den Zustand des Fußballs angeht, aber auch des Landes generell. Der neue, dauerpositive Bundestrainer will beides miteinander verknüpfen. Er will Spieler, die er auffallend oft als "außergewöhnlich bezeichnet", die alles für die Mannschaft geben. Er will sich aber auch "die Fahne", zurückholen. Der Bundestrainer ist für Momente auch Kanzler mit einer feinsinnigen Spitze gegen die AfD - ohne deren Wähler zu verprellen. Klopp hält für jeden die Tür offen. Auch für Deniz Undav, Leroy Sané und die anderen prominenten Namen, die nun fehlen. Spaß machen die Absagen nicht, aber es sei eben auch so: "Mich hat keiner beschimpft am Telefon", sagte er, für niemanden sei "die Tür zu".

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Klopp denkt nicht mal an Morgen
Sogar Oliver Baumann darf noch hoffen. Wobei die Hoffnungen vermutlich nicht über das theoretische Minimum hinauswachsen. Denn die Torhüternation Deutschland ist wieder eine blühende Landschaft, nach einer gefühlten Dürre im Schatten von Manuel Neuer. Es gehe, sagt Klopp, bei der Berücksichtigung der Spieler nur um Leistung. Er habe selbst derzeit keine Ahnung, wer von den nun ausgewählten Fußballern in zwei Jahren bei der nächsten Europameisterschaft dabei sein werde. Aber das interessiert ihn im Moment auch nicht. Klopp brennt im Hier und Jetzt. Er hat sich nicht einmal Gedanken darüber gemacht, wer im zweiten Kader, der die Nations-League-Spiele gegen Griechenland (Rückspiel) und Serbien bestreitet, Kapitän ist. "Irgendjemand wird die Binde schon tragen", sagt er. Als Vertreter von Joshua Kimmich, der nur bei Teil eins dabei sein wird.
Die Bauarbeiten an der neuen Nationalmannschaft beginnen am Montag, wenn das Team in neuer Konstellation zusammenkommt. Dabei muss auch Klopp seine Rolle neu lernen. Er coacht nicht mehr einen Klub, sondern eine Nationalmannschaft. Dass seine Vorgänger daran scheiterten - wobei er in der Bewertung kurz und unabsichtlich Nagelsmann vergaß (#Noch-Bundstrainer-Gate), interessiert ihn nicht. "Der Job ist anders, aber das ist jetzt auch völlig egal. Mein ganzes Leben hat mich auf diesen Job vorbereitet. Mannschaften haben sich immer entwickelt", sagt Klopp. Tatsächlich sind in dem Chaos Muster alter Stationen zu erkennen. Auch auf seiner letzten Deutschland-Station bei Borussia Dortmund testete er unzählige Spieler, nicht alle prägten dann den Deutschen Meister von 2011 und 2012. Manche, wie der Serbe Milos Jojic, verschwanden schnell wieder von der Bühne.
Eine Revolution auf dem Spielfeld wird es vorerst nicht geben. "Wir werden alles versuchen, um eine neue Herangehensweise so schnell wie möglich sichtbar machen. Ich erwarte sofort mehr, weil mehr geht immer. Es muss lebendig sein, das ist der Anfang", sagt Klopp. Fußballerische Qualität werde erst dann sichtbar, wenn eine Mannschaft Stabilität im Defensivverhalten habe. "Das ist alles, was du brauchst. Wenn du nur an die Offensive denkst, dann wird dich die Defensive killen. Daran werden wir zügig arbeiten." Das Spiel nach vorne überlässt er (vorerst) der Kreativität der Einzelnen. Den nächsten Turnier-"Tod" will er mit "organisiertem Chaos" verhindern. Das habe bei ihm immer funktioniert.

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Conté lacht sich am Telefon kaputt
Das Fundament soll mit Bedacht gegossen und das neue Haus mit Leidenschaft aufgebaut werden. "Es bedeutet ihnen allen unglaublich viel, für die Nationalmannschaft zu spielen. Wir haben gemeinsam beschlossen, das wieder sichtbar zu machen", sagt Klopp. Vor allem bei seinen Debütanten spürt er das Feuer, das in ihm selbst lichterloh brennt. Bambasé Conté habe sich am Telefon vor Freude und Fassungslosigkeit zwei Minuten kaputt gelacht. Das gefällt Klopp.
Zur Benchmark für die neue Mentalität im DFB-Team erhebt der Bundestrainer den SC Freiburg und dessen vier Nominierte Philipp Treu, Yannick Engelhardt, Max Rosenfelder und Derry Scherhant. "Mentalität kann man nicht kaufen, aber entwickeln. Die Freiburger haben Mentalität. Das hat auch damit zu tun, wo sie herkommen. Ich freue mich darauf, die Jungs kennenzulernen und mit der Zeit zusammenzuwachsen."
Sportlich plant Klopp ein Jobsharing-Modell. Die Zusammenstellung der Aufgebote soll aber keine Indizien für eine "A- oder B-Mannschaft" liefern. Wobei sie es das wohl ungewollt trotzdem tut. Die neue alte Nummer eins Marc-André Ter Stegen, die genesenen Nico Schlotterbeck, Serge Gnabry, Lennart Karl und Jamal Musiala sowie Kimmich und Kai Havertz bestreiten die Duelle mit den Niederlanden in Amsterdam am 24. September und drei Tage darauf gegen Griechenland in Augsburg. Nach dem ersten Doppelpack reist ein Großteil der Spieler ab, neue kommen hinzu. Kader zwei um die formsuchenden Florian Wirtz und Nick Woltemade.

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"Wenn die Achse stabil ist, kann man drum herum ein bisschen spinnen und Jugend dazumischen", sagt Klopp und erklärt seine Idee hinter der gigantischen 44er-Auswahl. "Wir sehen was in den Jungs, wir sehen ganz viel Potenzial. Es ist uns ganz viel Talent ins Auge gesprungen. Wer kann in zwei Jahren eine Stütze sein? Wir haben nicht geguckt, was haben wir nicht, sondern was haben wir. Ich bin happy."
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