Die Sudan-Connection: Droht Äthiopiens Region Tigray ein Stellvertreterkrieg?
Sieben Gruppen, die sich teils gewaltsam gegen die Zentralregierung von Premier Abiy Ahmed stellen - das klingt eindeutig nach einem innenpolitischen Konflikt. Seit einer Woche kämpfen im Norden Äthiopiens drei Milizen in besagtem heterogenen Bündnis unter Führung der Tigrayischen Volksbefreiungsfront TPLF gegen die Äthiopischen Nationalen Streitkräfte (ENDF).
Doch nach Darstellung der ENDF reicht die Anti-Abiy-Koalition weit über Äthiopien hinaus: Der Oberbefehlshaber der ENDF, Feldmarschall Birhanu Jula, warf der Militärregierung des Sudan, Eritrea und Ägypten vor, die TPLF zu unterstützen.

Aus Kairo kam ein glattes Dementi. Auch Sudans Militärregierung sprach von "haltlosen" Vorwürfen, um Äthiopien seinerseits Unterstützung der sudanesischen RSF-Miliz vorzuwerfen, gegen die die sudanesische Armee seit dreieinhalb Jahren kämpft. Und Eritrea verlautbarte, Äthiopien wolle die Verantwortung für seine eigenen Konflikte auf die Nachbarstaaten abwälzen.
Innenpolitischer Konflikt von mindestens regionaler Bedeutung
Schon die Vorwürfe und Gegenvorwürfe zeigen: Es ist zu kurz gegriffen, die Entwicklungen im Norden Äthiopiens isoliert zu betrachten.
"Es ist zwar vorrangig ein innenpolitischer Konflikt, aber doch mit außenpolitischer Dimension aufgrund der vielen externen Akteure, die in diesen Konflikt direkt oder indirekt involviert sind", sagt Susanne Stollreiter, Leiterin des Äthiopien-Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung, die der deutschen sozialdemokratischen Partei SPD nahesteht. Die Akteure hätten eigene Interessen, die teilweise durch den Konflikt befördert werden könnten.
"Wenn sich dieser Konflikt ausweitet, würde ich sogar davon ausgehen, dass das wirklich zu einer Art Flächenbrand in der Region führen könnte aufgrund der verschiedenen Konfliktlagen hier am Horn von Afrika", sagt Stollreiter im Gespräch mit der DW.
Komplexe Allianzen zwischen Äthiopien und Sudan
Ägypten und Sudan sind schon länger schlecht auf Äthiopien zu sprechen, weil das Quellland des Blauen Nil den Fluss kurz vor der Grenze aufgestaut hat. Kairo und Khartum befürchten, dass der Grand Ethiopian Renaissance Dam nicht nur als Elektrizitätswerk genutzt werden kann, sondern auch als Druckmittel. Die Landwirtschaft der beiden flussabwärts gelegenen Anrainer ist vom Nil abhängig.

Nun leidet der Sudan seit April 2023 unter einem brutalen Bürgerkrieg: Die ehemalige Spezialeinheit RSF kämpft gegen das reguläre Militär SAF um die Vorherrschaft im Land. Beiden Seiten werden Verbindungen zu unterschiedlichen Partnern in Äthiopien zugeschrieben - und im aktuellen Konfliktfall kämpfen genau diese Partner gegeneinander.
Eine Exiltruppe, ein Treffen im Sudan, ein Trainingscamp in Äthiopien
Auf der einen Seite stehen Sudans Militärregierung und die im Tigray-Krieg 2020 bis 2022 weitgehend unterlegene TPLF. Nach dem Friedensabkommen von Pretoria gingen viele tigrayische Kämpfer ins Exil in den Sudan. Als dort der Bürgerkrieg begann, formierten sie sich unter dem Namen "Army 70" und kämpften auf Seiten der SAF.
"Sie waren eine treibende Kraft, als die SAF die RSF im Osten des Sudan bis nach Khartum zurückdrängten. Und diese Verbindung blieb bestehen", sagt Magnus Taylor, stellvertretender Projektleiter für das Horn von Afrika bei der Denkfabrik International Crisis Group.
"Für die äthiopische Bundesregierung ist es ein Problem, dass der Sudan offenbar eine der stärksten Oppositionsgruppen des Landes unterstützt, im Rahmen einer Art Bündnis oder Allianz", sagt Taylor im DW-Gespräch.
Im Mai empfing Sudans Militärregierung, die wegen der Kämpfe derzeit in Port Sudan sitzt, hochrangige Vertreter der TPLF und andere äthiopische Regierungsgegner - mit Schnittmengen zur aktuellen Rebellenkoalition.

Auf der anderen Seite stehen Äthiopiens Zentralregierung und die einstige sudanesische Spezialeinheit RSF: Im Februar berichtete die Nachrichtenagentur Reuters über ein geheimes Trainingslager für RSF-Kämpfer in der äthiopischen Grenzregion Benishangul-Gumuz. Dem Bericht zufolge stellen die Vereinigten Arabischen Emirate Ausbilder, Finanzmittel und logistische Unterstützung, die das offiziell jedoch abstreiten. Die VAE sind eng mit Äthiopien verbündet und gelten trotz Dementi als wichtigster Unterstützer der RSF.
Für ein direktes Engagement von SAF oder RSF in Äthiopien gibt es bislang jedoch keine Anzeichen.
Wie stark will Eritrea sich überhaupt einmischen?
Keine handfesten Beweise, aber dafür umso wildere Spekulationen gibt es über Eritreas Rolle in dem neuen Konflikt. Im vorangegangenen Bürgerkrieg kämpfte Eritrea gemeinsam mit Abiys Truppen gegen die Rebellen in Tigray; anschließend überwarfen sich Asmara und Addis Abeba jedoch.
Schon seit längerem vermuten Experten, dass Eritrea trotz Dementi inzwischen auch die TPLF unterstützt. Denn das Misstrauen gegenüber Abiy ist groß, seitdem dieser Ambitionen bekundet hat, Äthiopien Zugang zu den Weltmeeren zu verschaffen - notfalls mit Gewalt, also etwa einer Eroberung des eritreischen Hafens Assab am Roten Meer.
Äthiopien und Eritrea: Der kalte Frieden
Aus der Sicht von ICG-Analyst Taylor ist eine Beteiligung Eritreas in geringem Ausmaß plausibel, ein größeres Engagement bislang nicht.
"Ich glaube, die Eritreer haben die TPLF und andere Oppositionsgruppen genutzt, um der wahrgenommenen Gefahr aus Äthiopien entgegenzuwirken, etwa wegen des Hafenzugangs", sagt Taylor. Wäre Asmara jedoch im Norden Äthiopiens in der Region Tigray oder sogar in Afar stark physisch präsent, könnte Äthiopien damit einen umfangreicheren Militäreinsatz gegen Eritrea rechtfertigen. "Die Strategie Eritreas zielt darauf ab, militärische Aktionen abzuschrecken - und nicht, sie zu provozieren", glaubt Taylor.
Droht ein Flächenbrand am Horn von Afrika?
Das Horn von Afrika grenzt im Norden an die Golfregion, die durch den Iran-Krieg und zuletzt auch durch einen neuen Vormarsch der Huthis im Jemen an Stabilität eingebüßt hat. Die Drohungen der Miliz lassen Schiffspassagen durch die Meerenge Bab al-Mandab zum Wagnis werden.
"Das sind wichtige Handelswege, um die gestritten wird und gekämpft wird und jeder versucht von der instabilen Lage zu profitieren", sagt Stollreiter von der Friedrich-Ebert-Stiftung. "Insofern ist es kein wirklicher Zufall, dass jetzt so viele Akteure wieder besonders erstarken, auch wegen der Abwesenheit der Akteure, die sonst in der Region Schutzmächte waren." Insbesondere die USA, aber auch die durch den Ukraine-Krieg gebundenen Europäer hätten das Horn von Afrika weniger im Blick als früher.

Umso präsenter sind die Regionalmächte VAE und Saudi-Arabien, denen im Sudan wie auch im Jemen Unterstützung unterschiedlicher Kriegsparteien vorgeworfen wird und die in den vergangenen Jahren die gesamte Region polarisiert haben.
Magnus Taylor glaubt jedoch nicht, dass die Lage in Äthiopien zu einem Stellvertreterkrieg zwischen den Golfstaaten zu eskalieren droht. "Die VAE unterstützen Addis Abeba nachdrücklich. Zugleich leisten die Saudis jedoch keine starke Unterstützung, etwa für die TPLF oder eine andere Oppositionsgruppe", sagt der Experte der International Crisis Group.
Ob von der arabischen Halbinsel, aus dem Sudan oder Eritrea: Eine Woche nach Kriegsbeginn in Äthiopien gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass sich der innenpolitische Konflikt internationalisiert. Doch am instabilen Horn von Afrika ist dieses Risiko besonders groß.
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