Graphic Novel Neuerscheinungen: Von Malergenies, machtgierigen Wölfen und der Endlichkeit

Luc Jacamon erzählt über den Bösewicht im Kreml, Catherine Meurisse mit Dumas über Delacroix. Und Melanie Carolin Wigger über Freundschaft und Demenz.
Foto: Avant Verlag
Es begann damit, dass Vincent nicht mehr zum Stammtisch in die Pinte kam. Robert und Vincent sind im Rentenalter und seit ihrer Schulzeit miteinander befreundet. Also gewöhnt sich Robert an, seinen Freund einfach zu Hause abzuholen. Doch bald schafft es Vincent weder, sich für die Witterung passend anzuziehen, noch erinnert er sich daran, wie man Fahrrad fährt. Robert wird mit der Tatsache konfrontiert, dass sein Freund in ein Demenzheim ziehen muss.
Die 34 Jahre alte, in Bern lebende Schweizer Zeichnerin Melanie Carolin Wigger ist vielfältig unterwegs – als Illustratorin, Animatorin und Gamesdesignerin. In ihrem kürzlich im Berliner Avant-Verlag erschienenen Graphic-Novel-Debüt „Vincent“ widmet sie sich dem Thema Demenz. Angeregt von ihren Großvater, der ihr erzählte, dass ein guter Freund daran erkrankt war, begann sie sich dafür zu interessieren und arbeitete einige Monate in einer Einrichtung für Demenzkranke.
Ihr Buch spiegelt diese Recherche wider. Wigger erzählt auf unaufgeregte Weise von einer starken Freundschaft, die in eine schwierige Phase eingetreten ist. Robert muss verstehen, was mit seinem Freund passiert, und reagiert zunächst verwundert, dann zunehmend einfühlsam auf die Veränderungen in Vincents Wesen. Auch dessen Perspektive versucht die Zeichnerin aufzunehmen, wenn sie seitenfüllende Panels zeichnet, die in den Strudel seines Gehirns führen – Erinnerungen, Erlebtes und der Alltag im Heim werden durcheinandergewürfelt. Für die dauerhafte Verwirrung in Vincents Geist findet Wigger angemessene Bilder.
Die Bücher
Die Autorin konzentriert sich in ihren mit Tusche und ausgewählten Aquarellfarben (Grautöne für die Gegenwart, Ockertöne für die Vergangenheit) gehaltenen Zeichnungen ganz auf ihre Charaktere. Auch Nebenfiguren stellt sie lebendig und pointiert dar. Ein gelungenes Debüt zu einem gesellschaftlich immer relevanter werdenden Thema.
Die Macht des Bösen
Spätestens mit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022 hat Putins Russland für viele sichtbar seine Maske fallen gelassen. Doch wie kam es zum Aufstieg eines niedrigrangigen KGB-Funktionärs zum wichtigsten Mann im Kreml? Der französische Zeichner Luc Jacamon, bekannt durch die Action-Serie „Der Killer“ (Text: Matz), wagt sich mit der Comicadaption des Roman-Bestsellers „Der Magier vom Kreml“ von Giuliano da Empoli (2022, auf Deutsch 2023 erschienen bei C.H. Beck) an ein brisantes wie zeitloses Thema.
Auch im gleichnamigen Comic, erschienen im Hamburger Verlag Schreiber & Leser, geht es um Wadim Baranow, einen fiktiven Berater Wladimir Putins, der dessen Weg zur Macht entscheidend begleitet. Unterstützt vom befreundeten Oligarchen Boris Beresowski, gelangt der aus dem Theater- und Medienmilieu stammende Unternehmer in den engsten Kreis um Putin, der zum neuen Präsidentschaftskandidaten aufgebaut wird und später als Präsident erste Probleme bekommen wird, als das Atom-U-Boot „Kursk“ auf Grund läuft.
Während die Zeichnungen sehr stimmungsvoll sind (vor allem in Naturszenen), ist Jacamons Adaption leider zu oberflächlich geraten. Der Protagonist, ein Beau ohne ausgeprägte Charakterzüge, bleibt – wie auch Putin selbst – blass, es bleibt unklar, was gerade ihn zum „Magier“ prädestiniert, welche Ideen entscheidend sind, um den neuen „Zaren“ (wie der Präsident fast durchgängig genannt wird) zu erschaffen.
Wadims „tragische“ Liebesgeschichte mit dem ach so erotischen Oligarchenliebchen Xenja ist an Klischeehaftigkeit kaum zu überbieten. Ebenso der raunende Ton der monologischen Dialoge und die wiederkehrende Allegorisierung des porträtierten Milieus mit (grausamen, einsamen) Wölfen oder (starken, russischen) Bären. Vielleicht eignet sich diese Graphic Novel als Einstieg ins Thema „Neorussischer Imperialismus“, tiefere Erkenntnisse lassen sich jedoch kaum finden.
Die Kunst der Erzählung
Die 1980 in Frankreich geborene Zeichnerin Catherine Meurisse war lange Mitglied der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo und konnte wie ihr Kollege Luz nur durch einen glücklichen Zufall dem islamistischen Attentat vom 7. Januar 2015 entkommen. In der Folge arbeitete sie an eigenen Buchprojekten, die sich teils mit autobiografischen Erlebnissen wie der Verarbeitung des Terroranschlags („Die Leichtigkeit“), aber auch häufig mit der französischen Kulturgeschichte auseinandersetzten.
„Olympia in Love“ von 2014 (Reprodukt Verlag, Berlin 2018) ist so ein Buch, in dem sie Edouard Manets Gemälde „Olympia“ von 1863 als Aufhänger für eine aberwitzige Comicgeschichte verwendete. Während die durchschnittlich gebildete französische Leserschaft ein solches Anspielungsfeuerwerk sofort versteht, setzt es bei deutschen Rezipienten allerdings ein gewisses Interesse an der französischen Kultur voraus.
Foto: CarslenComic
Beim aktuellen Buch „Alexandre Dumas erzählt die Geschichte von Delacroix“ (Carlsen Verlag, Hamburg) verfliegen derlei Bedenken schnell. Meurisses leichtfüßige Erzählweise findet hier einen ebenbürtigen Partner. Der Text stammt von Alexandre Dumas („dem Älteren“, 1802–1870).
Der war im 19. Jahrhundert ein Bestsellerautor, schuf Klassiker wie „Die drei Musketiere“ und betrieb eine Schreibfabrik mit zahllosen Ghostwritern, die unter seinem Namen hunderte Feuilletonromane schrieben. Der Kunstliebhaber kannte nahezu die komplette Pariser Künstlerszene persönlich.
Plauderei über Delacroix
Mit dem Maler Eugène Delacroix (1798–1863) verband ihn eine Freundschaft. Ein Jahr nach dessen Tod, 1864, verfasste er anlässlich einer umfassenden Pariser Ausstellung seiner Gemälde eine Rede über den Weggefährten. In dieser „Plauderei über Delacroix und seine Werke“ ließ er dessen Karriere Revue passieren und in zahllosen Anekdoten sein Insiderwissen über die Pariser Kunstsalons einfließen. Der kurz danach publizierte Text dieser Rede ist die Grundlage zu Meurisses Buch.
Bereits 2004 illustrierte sie ihn für ihre (preisgekrönte) Hochschulabschlussarbeit, ergänzt um Comicbilder, in der etwa der beleibte Alexandre Dumas vor seine Zuhörer tritt und über Delacroix zu sprechen beginnt.
Die Rede selbst wird von der Künstlerin in handgeletterter Weise wiedergegeben, sodass Illustrationen und Text wie aus einem Guss wirken (das deutsche Lettering von Olav Kohrt lehnt sich an Meurisses Schrift an). Immer wieder werden Comicszenen eingestreut, die Dumas’ oft satirisch zugespitzte Anekdoten in bissiger Weise darstellen und durch eigene Einfälle ergänzen.
Meurisses Könnerschaft zeigt sich, wenn sie mit herrlich schrägen Figuren den damaligen Pariser Kunstbetrieb wie auch die Bourgeoisie aufs Korn nimmt. Dabei zitiert sie oft historische Karikaturen. So wird auch der Kampf zwischen der konservativen Malschule um Ingres (1780–1867), die Linien und Konturen betont, und Delacroix’ freierer Malweise plastisch vorgeführt.
Eigene originelle Setzungen
2019 griff Meurisse auf dieses Frühwerk zurück, kolorierte es und erweiterte es um seitenfüllende Aquarelle. Sie interpretiert berühmte Gemälde Delacroix’, erkundet die Wirkung der Farben, während zentrale Figuren schemenhaft bleiben. In eigenen Bildern arbeitet sie dem Erzähler Dumas zu, der genüsslich betont, wie Delacroix’ meisterhafter Umgang mit der Farbe die Kunstwelt düpierte, revolutionierte – und den Grundstein für den Impressionismus legte, der wenige Jahre später die Salons eroberten.
Natürlich wird auch Delacroix’ berühmtestes Gemälde angesprochen. „Die Freiheit führt das Volk“ (1830), eine Darstellung der Pariser Julirevolution von 1830, mit der Madeleine als Barrikadenführerin im Zentrum. Das ikonisch gewordene Werk, so weiß Dumas zu berichten, wurde zwar sogleich vom Staat angekauft, durfte aber jahrzehntelang wegen seines brisanten politischen Gehalts nicht öffentlich ausgestellt werden.
Catherine Meurisse hat mit ihren kongenial satirischen Comicszenen, ihrem lockeren Strich und mit bezaubernden Aquarellen der 160 Jahre jungen, hochamüsanten wie lehrreichen „Plauderei“ ihre Frische zurückgegeben und ihrerseits ein Gesamtkunstwerk geschaffen.
Mit der gelungenen Übersetzung von Lilian Pithan liegt Dumas’ fulminantes Porträt seines Künstlerfreundes erstmals auf Deutsch vor.
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