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Monday, October 19, 2026

„+972 Mag“ aus Israel-Palästina: Das Magazin hinter der Doku „Naza“

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Das „+972 Magazine“ ist für seine Recherchen zu israelischen Kriegsverbrechen bekannt. Wie lange ist derart kritischer Journalismus in Israel noch möglich?

„Die meisten Leserinnen und Leser haben wir in englischsprachigen Ländern“, sagt Ben Reiff, der stellvertretende Chefredakteur des israelisch-palästinensischen +972 Magazine, das auf Englisch erscheint. „Aber nach den USA und Großbritannien kommt Deutschland an dritter Stelle: Hier haben wir unsere drittgrößte Leserschaft“, sagt der 29-Jährige gegenüber der taz.

Mit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und Israels Kriegen, die darauf folgten, hat das Interesse an kritischen Berichten aus der Region weltweit zugenommen. Mit seinen investigativen Recherchen füllt das +972 Mag eine Lücke, denn die Themen, über die es berichtet, kommen etwa in deutschen Medien kaum vor. „Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich unsere Leserschaft verzehnfacht“, berichtet Reiff. Sie liege im Augenblick bei durchschnittlich 1,8 Millionen Leserinnen und Lesern pro Jahr.

Gegründet wurde das unabhängige und gemeinnützige Onlinemagazin im Jahr 2010 von palästinensischen und israelischen Journalisten, die schon mit der Berichterstattung über den ersten Krieg in Gaza 2008/09 unzufrieden waren. Der Name bezieht sich auf die gemeinsame Telefonvorwahl Israels und der besetzten palästinensischen Gebiete.

2014 kam das Schwestermedium Local Call hinzu, das sich auf Hebräisch an eine israelische Öffentlichkeit richtet und etwa eine Million Menschen erreicht. Beide Redaktionen haben ihren Sitz in Israel. Ihre Mitarbeiter aber leben zum Teil im Ausland, im Westjordanland und manche sogar im Gazastreifen.

Enthüllungen über Kriegsführung mit KI

Großes Aufsehen erregte zu Beginn des aktuellen Kriegs die Enthüllung, dass das israelische Militär auf künstliche Intelligenz setzt, um Angriffsziele auszuwählen, und eine hohe Zahl ziviler Opfer als „Kollateralschäden“ in Kauf nahm. Die Recherchen stammten von Yuval Abraham – dem Journalisten, der durch den oscarprämierten Dokumentarfilm „No Other Land“ bekannt wurde, den er mit dem Palästinenser Basel Adra drehte.

Abrahams neuer Dokumentarfilm „Naza“, den er mit seiner Kollegin Rachel Szor produzierte, läuft aktuell auch in deutschen Kinos. Die Filmdoku basiert auf den Enthüllungen, die bereits vor zwei Jahren im +972 Magazin erschienen sind und die bis heute zu den meistgelesenen Artikeln auf der Webseite des Magazins gehören.

Es sind nicht die einzigen Enthüllungen des Magazins: Der israelische Journalist Oren Ziv untersuchte 2025 die 3D-Animationen der israelischen Armee, die angebliche Hamas-Tunnel und Kommandozentralen im Gazastreifen zeigten – damit rechtfertigte sie ihre Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser wie die Al-Schifa-Klinik. Ziv fand heraus, dass dafür Bilder von 3D-Animationen aus Videospielen und ausländischen Museen verwendet wurden, und widerlegte damit das Propagandanarrativ der Armee.

Eine weitere Recherche des +972 Mag brachte im August 2025 ans Licht, dass es in der israelischen Armee eine „Legitimierungszelle“ geben soll. Ihr Auftrag: Journalisten in Gaza der Mitgliedschaft in der Hamas zu beschuldigen, um ihre Tötung zu rechtfertigen. Vor diesem Hintergrund muss man eine Liste von rund 170 getöteten Journalisten betrachten, die Israels Armee kürzlich veröffentlicht hat, um ihnen posthum eine angebliche Hamas-Mitgliedschaft zu unterstellen. Sie hatten unter anderem für Reuters, CNN, BBC, Le Monde, Al Jazeera und andere Medien gearbeitet.

Komplizenschaft der Tech-Konzerne

Das +972 Mag deckte früh auch systematische Misshandlungen und Folter gegen palästinensische Häftlinge in israelischen Haftlagern wie Sde Teiman auf, die im Sommer 2024 weltweit Schlagzeilen machten, sowie – zusammen mit dem britischen Guardian – Israels Versuche, den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag, der gegen Israels Premierminister Netanjahu wegen Kriegsverbrechen ermittelt, auszuspionieren. Außerdem wies es die Komplizenschaft großer Tech-Konzerne wie Google, Amazon und Microsoft beim Völkermord in Gaza nach.

„Wir haben die Verbindungen zwischen einer Einheit innerhalb des israelischen Militärs und Microsoft bei der Überwachung von Palästinensern in Gaza aufgedeckt“, sagt Dana Mills, die als Autorin für das +972 Magazine arbeitet und dort die Ressourcenentwicklung leitet. „Nach der Veröffentlichung kam Microsoft sowohl von oben als auch von unten unter Druck: Microsoft-Aktionäre waren von unseren Enthüllungen schockiert, und Beschäftigte, die sich gerade gewerkschaftlich organisiert hatten, forderten das Unternehmen auf, seine Beziehungen zum israelischen Militär abzubrechen.“ Im September 2025 beendete Microsoft diese Zusammenarbeit.

Trotz ihrer politischen Brisanz passieren die meisten Artikel, die im +972 Mag erscheinen, die israelische Militärzensur. Dieser müssen alle sicherheitsrelevanten Artikel vor Veröffentlichung vorgelegt werden, insbesondere in Kriegs- und Krisenzeiten: Sie nimmt dann Schwärzungen vor und streicht Passagen.

„Wir haben keine andere Wahl, als uns dem zu fügen“, sagt Ben Reiff. „Andernfalls könnten wir verhaftet, unsere Medien könnten geschlossen oder wir im Extremfall ins Gefängnis geworfen werden.“ Über Berichte, die im Ausland erscheinen, dürfen israelische Medien aber weitgehend ungefiltert berichten. Auch aus diesem Grund baut das +972 Mag seine Zusammenarbeit mit dem britischen Guardian aus, der eine der angesehensten Investigativabteilungen der Medienwelt besitzt. Auch alle Aussagen, die im Dokufilm „Naza“ zu hören sind, haben diesen Faktencheck durchlaufen.

Kriegsverbrechen ohne Konsequenzen

Warum erlaubt die israelische Armee die Veröffentlichung von Artikeln, die eindeutige Kriegsverbrechen beschreiben? Das wissen die Redakteure des +972 Mag auch nicht so genau, aber sie haben so ihre Vermutungen. Eine Vermutung ist, dass es der Regierung schlichtweg egal ist. „Israelis, die Kriegsverbrechen begehen, müssen keine Strafverfolgung fürchten. Sie gehen also kaum ein Risiko ein, wenn sie darüber aussagen oder etwas darüber herauskommt“, sagt Dana Mills, und erinnert daran, dass sich viele israelische Soldaten in den sozialen Medien stolz mit ihren Verbrechen gebrüstet hätten. „Das ist die Art von Klima, in dem wir arbeiten.“

Ben Reiff hat noch eine andere Erklärung: „Wir betreiben zwar keine PR für die israelische Armee“, sagt er. Aber Israels Regierung und Armee hätten ein Interesse daran, auf ihre Überwachungs- und Kriegstechnologie aufmerksam zu machen, weil sie diese an andere Länder verkaufen wollen.

Darauf sei Israel sehr stolz, stimmt Dana Mills zu. Das zeige sich auch an den Motiven, aus denen heraus Informanten an das +972 Mag herantreten. „Manche sind echte Whistleblower, die moralische Bedenken haben und sich sehr unwohl fühlen mit dem, was man von ihnen verlangt“, sagt Ben Reiff. „Andere sind ziemlich stolz auf das, was sie tun, und haben kein Problem damit, uns davon zu erzählen.“

Noch kann die Redaktion des „+972 Mag“ arbeiten – zumindest in Israel

Die palästinensischen Kollegen im Westjordanland sind in steter Gefahr, vom israelischen Militär schikaniert, verhaftet und ohne Anklage eingesperrt zu werden, denn in den von Israel besetzten Gebieten herrscht Militärrecht.

„Unsere Reporter im Westjordanland müssen deshalb stark darauf achten, was sie sagen und wie sie es sagen, damit sie nicht verhaftet werden“, sagt Alaa Salama. „Sie müssen also eine Art Selbstzensur betreiben.“ Er selbst wurde im Flüchtlingslager Yarmouk in Syrien geboren, lebte lange in Ramallah und jetzt in Spanien. Beim +972 Mag ist er für die Publikumsbindung zuständig.

Raum für kritischen Journalismus wird enger

„Es gibt viele Gesetze, mit denen die Regierung versucht, die Finanzierung von Menschenrechtsorganisationen und der Zivilgesellschaft ziemlich einzuschränken“, sagt Dana Mills weiter. „Das beeinflusst unsere Arbeit natürlich stark, da wir in hohem Maße auf Material angewiesen sind, das von Menschenrechtsorganisationen erstellt wird und wir eng mit ihnen zusammenarbeiten.“

Wie lange wird das +972 Mag noch aus Israel berichten können? Das ist unklar. Auf die Doku „Naza“ reagierten Netanjahu und sein Kulturminister Miko Zohar mit der Drohung, den Filmemachern die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Rahel Szor und Yuval Abraham sind seitdem wegen Sicherheitsbedenken nicht nach Israel zurückgekehrt. Die Redaktion des +972 Mag trifft schon einmal Vorkehrungen für den Fall, dass sie auch ins Visier gerät, und hat deshalb ein Bankkonto im Ausland eingerichtet.

„Im Grunde macht jede Menschenrechtsorganisation in Israel gerade dasselbe“, sagt Ben Reiff. „Israel möchte in der Welt als Demokratie gesehen werden“, sagt Alaa Salama – darum halte es sich zumindest innerhalb Israels noch mit offener Zensur zurück. Aber das müsse nicht so bleiben: „Über Nacht könnten neue Gesetze erlassen werden, die es uns unmöglich machen würden, das +972 Magazine so weiterzuführen, wie es derzeit der Fall ist“.

Skepsis angesichts der Wahlen

Israel ist in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen zuletzt auf Platz 116 von 180 abgerutscht, hinter Marokko und die Philippinen. Israels ultrarechte Regierung ließ die Büros des arabischen Senders Al Jazeera in Jerusalem und dem Westjordanland schließen und mehrere seiner Reporter im Gazastreifen töten, darunter bekannte Korrespondenten wie Anas al-Sharif und Hossam Shabat.

Die Macher des +972 Mag haben wenig Hoffnung, dass sich nach den Wahlen in Israel viel ändern wird. Auch wenn Netanjahu abgewählt werden sollte: Die Unterstützung für die israelische Armee ist ungebrochen, das Interesse am Schicksal der Palästinenser gering. „Es gab seit 2023 nur sehr wenig Widerstand gegen den Krieg, selbst beim jüngsten Krieg gegen Iran lagen die Zustimmungswerte bei über 90 Prozent“, sagt Dana Mills.

Israelische Journalisten stünden auf der Seite ihres Staates und ihrer Armee. Einige seien mit ihr nach Gaza eingereist, in Uniform oder in Panzern, und hätten darin überhaupt kein Problem gesehen. Ein Medium wie +972 Mag, das diesen Militarismus infrage stellt und sogar Wehrdienstverweigerern eine Stimme gibt, ist in Israel eine absolute Ausnahme und eine Randerscheinung. Aber es ist eine wichtige Stimme der demokratischen und linken Gegenöffentlichkeit.

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