Klimakrise in der Arktis: „Das Schmelzen beschleunigt sich“

Angelika Humbert war im Sommer auf Grönland, um die Vorgänge auf der weltweit größten Eisfläche zu erforschen. Ihre Bilanz ist niederschmetternd.
Foto: Sean Gallup/getty images
taz: Frau Humbert, für Ihre Forschung besuchen Sie immer wieder Grönland. Wie sah der diesjährige Sommer aus?
Angelika Humbert: Er ist sehr kalt, sehr kalt gestartet. Meine erste Expedition führte mich nach Nordostgrönland, und ich hatte ernsthafte Sorgen, dass wir überhaupt etwas messen können: Auf der Oberfläche war noch kein Schmelzwasser und wir wollten genau das messen.
taz: Ungewöhnlich für diese Jahreszeit?
Bild: Foto: AWI
Im Interview: Angelika Humbert
ist promovierte Glaziologin, seit 2012 leitet sie die Arbeitsgruppe zur Eisschildmodellierung am Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven. Eines ihrer Spezialgebiete ist der Grönländische Eisschild. Zudem lehrt sie als Professorin an der Universität Bremen.
Humbert: Das kommt immer mal wieder vor, auch 2018 hatten wir einen sehr kühlen Sommer. Allerdings stiegen in diesem Jahr die Temperaturen dann plötzlich sehr stark an und damit setzte eine wirklich krasse Schmelze ein. Ich wollte für meine Messungen in den Südosten fliegen, aber da regnete es bis auf 2000 Meter Höhe, das Wetter war so schlecht, dass wir zuerst gar nicht fliegen konnten. Zuletzt war ich im Nordwesten unterwegs, dort gab es so viel Schmelzwasser und Regen, das dort die Straße weggespült wurde – wobei die Straße eine Schotterpiste war.
taz: Ein verrückter Sommer auf Grönland?
Humbert: Absolut! Er hat kühl angefangen, und dann folgte ein extrem starker, unglaublich schneller Temperaturanstieg mit einer sehr intensiven Schmelze.
taz: Wenn das Schmelzwasser auf die Gletscher trifft: Was passiert dann?
Humbert: Schmelzwasser reduziert den Albedo-Effekt, also die Rückstrahlfähigkeit der Gletscheroberfläche. Trockener Schnee reflektiert viel Sonnenlicht zurück ins All, Schmelzwasser verändert diese und damit dringt mehr Energie in den Eiskörper ein, der Gletscher schmilzt schneller. Das Schmelzwasser fließt vermehrt den Gletscher hinab und dringt in Spalten ein und Gletscher beschleunigen sich über den Sommer.
taz: Grönland gilt als eines der Kippelemente im Welt-Klimasystem. Warum?
Humbert: Das Schmelzwasser verändert die Oberfläche des grönländischen Eisschildes, und der Eisschild wird dünner und damit liegt die Oberfläche in niedrigeren Höhen. Weiter unten ist es aber wärmer, was das Schmelzen beschleunigt – ein Rückkopplungseffekt, der zum Kippen führen kann.
taz: Und Kipppunkt bedeutet: Einmal angefangen, kann das Abzuschmelzen nicht mehr aufgehalten werden kann?
Humbert: Genau so ist das. Der Kipppunkt sagt nicht unbedingt etwas über den exakten zeitlichen Ablauf aus, er markiert aber jenen Moment, an dem wir aus diesem Mechanismus nicht wieder herauskommen.
taz: Eine Studie des Geologischen Dienstes Dänemarks und Grönlands kam im Jahr 2023 zu dem Schluss, dass wir den Kipppunkt überschritten haben. Ist das eine Einzelmeinung oder wissenschaftlicher Konsens?
Humbert: Ich würde das nicht als Stand der Forschung bezeichnen. Aus der heutigen Datenlage lässt sich ein Erreichen des Kipppunktes nicht eindeutig belegen. Es gibt aber viele Indikatoren, die zeigen, dass wir kurz davor sind, den Punkt zu erreichen. Wir sehen vermehrte Schmelzwassermengen an der Oberfläche von Grönland, die Fläche, über die Schmelzwasser abfließt, hat sich zwischen 1985 und 2020 um 29 Prozent erhöht.
taz: Das bedeutet aber auch: Noch schmilzt es nicht überall auf Grönland?
Humbert: Nein, es gibt im Inland immer noch eine sehr große Fläche, die im Sommer ein Trockenschneegebiet ist. Aber diese Fläche wird kleiner. Und das verwundert auch nicht. Rund um Grönland gibt es nicht nur jede Menge Messstationen, sondern auch mehrere bemannte Wetterobservatorien. Mitte der 1990er wurde dort ein Sprung der mittleren Jahrestemperatur um 1 Grad Celsius registriert. Und es gibt diese Kopplung: Höhere Temperatur bedeutet mehr Schmelzwasser.
taz: Immer wieder versuchen Forschungsprojekte, die Menge von Schmelzwasser genau zu beziffern. Eine Studie kam beispielsweise zu dem Schluss: Seit den 1980er-Jahren hat Grönland rund fünf Billionen Tonnen Eis verloren; etwa die Hälfte davon seit 2010. Wie misst man denn so was?
Humbert: Es gibt kein direktes Messen des Schmelzwasservolumens. Was es gibt, ist eine Messung der Veränderung des Volumens des Eisschildes. Die wird mittels Satelliten durchgeführt: Aus dem Orbit werden Pulse ausgesendet, gemessen wird die Zeit, wie lange der Puls braucht, um zurück zum Satelliten zu kommen. Und der Satellit fliegt immer wieder über die gleichen Gebiete mit einer gewissen Wiederholfrequenz. Seit den 2000er Jahren gibt es kontinuierliche Satellitenmissionen, die ganz Grönland abdecken: Man misst, wie die Höhe abnimmt, also welches Gletscher-Volumen verloren geht und berechnet daraus das Gewicht.
taz: Wie viel ist es denn?
Humbert: Das wären 169 Milliarden Tonnen pro Jahr zwischen 1992 und 2020 mit großen Unterschieden zwischen den Jahren, wie beispielsweise nur 86 Milliarden Tonnen in 2017 und 444 Milliarden Tonnen in 2019. Diese Unterschiede kommen durch große Unterschiede im Schmelzen an der Oberfläche zwischen kalten und warmen Jahren. Heute ist der jährliche Massenverlust in Grönland fünfmal höher als in den 1990er Jahren.
taz: Eine weitere Studie kam Anfang des Jahres zu dem Ergebnis, dass die eisfreien Flächen Grönlands in den vergangenen zehn Jahren 23 Zentimeter in die Höhe gewachsen ist. Wie kommt das?
Humbert: Der Vorgang nennt sich glazial-isostatische Ausgleichsbewegung: Auf dem Untergrund der Insel lasten Billionen Tonnen von Eis, was die Erdkruste über Jahrtausende nach unten gedrückt hat. Durch den Eisverlust verringert sich diese Last, das Land federt langsam wieder zurück. Die Landschaft am Rande der Insel sieht ja so ein bisschen wie die Fjord-Landschaft in Norwegen aus. Wissenschaftler haben dort auf den eisfreie Punkten – vereinfacht gesagt – GPS Stationen angebracht. Und dank dieser Stationen wissen wir, wie sich der Fels hebt.
taz: Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist der „Zachariæ Isstrøm“, ein Gletscher im Nordosten Grönlands, der eine Fläche dreimal so groß wie Brandenburg entwässert. Wie sieht es dort aus?
Humbert: In diesem Sommer konnte ich mich nur wenig mit dem Zachariæ Isstrøm befassen. Was wir aber sehen ist, dass sich der Gletscher immer weiter zurückzieht und sich riesige Schmelzwasserseen in immer höheren Lagen bilden. Da gibt es jetzt einen auf ungefähr 1.200 Meter Höhe, der 21 Quadratkilometer groß ist. Um ein Bild zu bekommen: Das ist fast so halb so groß wie der Ammersee. Diese Seen drainieren.
taz: Sie leiten Wasser durch den Eiskörper ins Meer ab?
Humbert: Exakt. Durch gigantische Risse und Spalten, durch die das Wasser die Basis der Gletscher findet, wo es ein hydrologisches System gibt. Wir haben 2018, dann nochmals in den Jahren 2021 und 2024 gemessen, wie groß diese Kanäle an der Basis sind. Manche dieser Kanäle sind nicht 1 Meter oder 2 Meter groß, sondern mehrere hundert Meter. Wir vermuten, dass diese Drainagen der großen Seen dafür verantwortlich sind, dass 30 bis 50 Kilometer weiter hangabwärts der Gletscher von unten hunderte Meter hohe Kanäle ins Eis entstanden sind. Wir, aber auch andere Forscherteams, haben eine solche Veränderung in so kurzer Zeit noch nirgendwo gesehen.
taz: Sie beobachten diese Dramatik vor Ort nicht nur, Sie vermessen sie auch. Wie gehen Sie eigentlich damit um, wenn Sie dann nach Hause kommen und eine Politik vorfinden, die sich für den Klimawandel nicht interessiert und die falschen Gesetze erlässt?
Humbert: Mein persönlicher Umgang mit der Dramatik auf Grönland ist, Grundlagen zu schaffen, auf denen Entscheidungsträger handeln könnten: Ich versuche, so häufig und so gut wie möglich zu erklären, was mit dem Grönländischen Eispanzer passiert. Wenn ich mich mit Fachleuten aus den Ministerien unterhalte, habe ich schon den Eindruck, dass die alle richtig Ahnung haben. Freilich ist das, was dann rauskommt, oft dem Problem nicht angemessen: Wir müssen unsere Emissionen reduzieren.
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