Warum Horror-Serien die Streaming-Charts dominieren
"Below", "Carrie", "Crystal Lake" Horror in Serie
Stand: 31.10.2026 • 12:09 Uhr
Horrorfilme boomen seit Längerem. Doch nun erobern Dämonen und übernatürliche Gruselgeschichten auch das Seriensegment. Sind wir so abgestumpft, dass uns nur noch Gewalt unterhält, oder steckt mehr dahinter?
Von Ferdinand Meyen, BR Zündfunk
Ein See-Ungeheuer, das Menschen verspeist. Ein Mädchen mit telekinetischen Kräften, das eine ganze Highschool in Schutt und Asche legt. Ein blutiger Rachefeldzug in einem Feriencamp. Drei Gruselserien, drei Streaming-Plattformen, dreimal Platz eins der jeweiligen Plattform-Charts im Oktober. Die Produktionen "Below" auf Netflix, "Carrie" auf Amazon Prime und "Crystal Lake" auf HBO Max standen mehrere Wochen an der Spitze der jeweiligen Anbieter und haben Millionen Zuschauer erreicht.
Der Horror-Boom ist nicht neu. Bislang ging man in der Branche jedoch davon aus, dass das gemeinsame Fürchten etwas für die große Leinwand ist. In diesem Jahr zogen Horror-Filme wie "Backrooms" oder "Obsession" Millionen Zuschauer ins Kino. Dass das Genre auch Oscar-Qualitäten hat, zeigten zuletzt Filme wie "Blood & Sinners", "Weapons" oder "The Substance". Doch jetzt schwappt die Welle auch in die Serienwelt.
Den Erfolg der Horror-Filme führen Experten auf das Bedürfnis des kritischen Publikums nach Katharsis zurück. "Man kann in einem fiktiven Setting für 90 Minuten seine Seele emotional trainieren für die Schrecken dieser Welt", sagt etwa Kulturwissenschaftler Mark Schmitt von der Technischen Universität Dortmund im Gespräch mit dem NDR. Dieses "Training für die Seele" weiten die Serien nun auf mehrere Stunden aus.
Von Social Media überforderte Gesellschaft
Ein aktuelles Beispiel ist "Carrie", eine Neuinterpretation des Romans von Stephen King. Die Titelfigur ist ein Mädchen mit telekinetischen Kräften, das in der Schule gemobbt wird und dafür blutige Rache nimmt. Serienschöpfer Mike Flanagan hat die Handlung aus den 1970er-Jahren in die Gegenwart verlagert und jede Menge aktuelle Gesellschaftspolitik eingearbeitet.
Hauptfigur Carrie White ist ein Mädchen aus einem christlich-fundamentalistischen Elternhaus, Verschwörungserzählungen und Homeschooling inklusive. In der zehnten Klasse kommt sie nach dem überraschenden Tod ihres Vaters erstmals auf eine staatliche Schule. Kaum angekommen, beginnt das Mobbing. Jemand erstellt ein Fakeprofil auf Instagram, darauf zu sehen: peinliche Handyvideos und Bilder von Carrie, aufgenommen und hochgeladen von Mitschülerinnen. Kurze Zeit später folgen weitere Inhalte, sogar Lehrer beteiligen sich. In wenigen Wochen sammelt "Carrie Red" - so heißt das Mobber-Profil - Tausende Follower auf Instagram.
"Carrie" kritisiert damit nicht nur, wie brutal Social Media sein kann. Die Serie thematisiert auch das kaputtgesparte Bildungssystem und Klassen, in denen Schüler tun und lassen, was sie wollen.
Horror trifft Gesellschaftskritik: der Öko-Thriller
Die Netflix-Serie "Below" wiederum handelt von einem Seemonster, das ein Fischerdorf an der Küste von Neufundland terrorisiert. Die Miniserie kann durchaus als Öko-Thriller kategorisiert werden, geht es doch um menschengemachte Umweltzerstörung und deren Folgen. Gegenwartshorror also, der unter anderem auch in der ZDF-Serie "Der Schwarm" oder der Videospiel-Adaption "The Last of Us" handlungsbestimmend ist. Auffällig bei "Below": Mit den Fischern stehen als Leidtragende in der Serie ausgerechnet diejenigen im Mittelpunkt, die das Unheil nicht zu verantworten haben.
Ausgrenzung, Gentrifizierung, Donald Trump
"Crystal Lake" bei HBO-Max thematisiert wiederum die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung - indem die tragische Vorgeschichte von Jason Vorhees erzählt wird, dem entstellten Serienmörder aus der Reihe "Freitag der 13.". In der ZDF-Mediathek setzt man mit der Horror-Thriller-Serie "Das Institut" auch auf eine Stephen-King-Adaption - in dem 2019 veröffentlichten Roman geht es unter anderem um den Verlust der Empathie in der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump. Und die Horror-Serie "Widows Bay" vom Streaming-Dienstleister Apple TV, die dieses Jahr 14 Emmys gewonnen hat, thematisiert die Probleme Gentrifizierung und Overtourism.
Horror boomt also vielleicht nicht nur, weil Halloween vor der Tür steht. Sondern weil uns unsere Wirklichkeit womöglich so viel "Training für die Seele" abverlangt, dass 90 Minuten dafür nicht ausreichen.
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