Schwindelgefühle: Exzentrik in der Lüneburger Heide

Die Iserhatsche in Bispingen ist ein bizarres Gesamtkunstwerk und unbedingt sehenswert. Leider ist ihr Schöpfer verstorben und ihre Zukunft ungewiss.
Dieser Text ist eine Mogelpackung. Pardon. Die Ortsbegehung hat schon vor einiger Zeit stattgefunden, aktuell ist der Ort leider unbegehbar. Aber vielleicht wird er es wieder. Und er gehört in die Kategorie, für die sich der schöne Anglizismus eingebürgert hat: Kannste nicht ungesehen machen.
Das fängt schon mit der Bezeichnung an. „Heide-Kastell“ benutzt die Touristeninformation, „Landschaftspark“ kommt auch oft vor. Das 23 Hektar Anwesen liegt in Bispingen in der Lüneburger Heide. Meistgebrauchte Adjektive: „skurril“ oder „originell“.
Der Schöpfer dieses Gesamtkunstwerkes, der Berliner Malermeister Uwe Schulz-Ebschbach, sprach auch mal von einem „Neuschwanstein des Nordens“, mit dem er sich um den Titel Weltkulturerbe bewerben wolle. Böse Kommentatoren sprechen von einem Anschlag auf den guten Geschmack und alle möglichen anderen Sinne.
Das Haus im Zentrum dieses Anwesens ist aus Holz und das riecht man. Es ist auch keine Festung, sondern eine Jagdvilla und vermutlich das erste Fertighaus in der Lüneburger Heide. Erbauen lassen hat es der Berliner Stahlbau-Unternehmer Ernst Nölle, der das Vorbild auf der Brüsseler Weltausstellung 1910 entdeckt haben soll.
Bewegte Geschichte
Die Jagdvilla hat eine bewegte Geschichte: Sie war schon Mitarbeitererholungsheim, Wehrmachtslazarett und Landschulheim gewesen, als Schulz-Ebschbach sie Mitte der 80er Jahre der Familie Reemtsma abkaufte.
Einen Raum nach dem anderen hat er umgestaltet – und mit seiner Familie bewohnt: Das Kaminzimmer mit Jahrhundertwende-Möbeln und Heidebildern, das Biedermeier-Jagdzimmer, der Spiegelsaal und das „Diana-Sanssouci-Zimmer“ in all seiner brutal kitschigen, barocken Goldpracht, auf das der Hausherr besonders stolz war. Dessen Stimme schepperte in jedem Raum aus Lautsprechern, die von schlecht gelaunten Angestellten bedient wurden, wenn man eine Führung buchte.
Jedes Zimmer ist einer anderen Epoche gewidmet oder viel mehr: Schulz-Ebschbachs Vorstellung davon. Das meiste ist so übertrieben und überladen, dass es eher wie eine Karikatur wirkt. Der Erbauer selbst kommt auch selbst nicht zu kurz: In der Eingangshalle findet sich ein stolzes Promibild mit den „Frogs“ (Friends of Gerhard Schröder) aus dem Kanzlerwahlkampf 1998. Und Erinnerungen an den „Trauermarsch für die Mark“, den er 2001 veranstaltet hat.
Selbst entworfener Sitzsarg
Ein Memento mori findet sich auch: ein selbst entworfener Sitzsarg. Ob der tatsächlich zum Einsatz kam, als Schulz-Ebschbach im vergangenen Sommer mit 84 Jahren starb, ist unklar.
Das Prunkstück der Anlage liegt im Garten hinter dem Haus: der Montagnetto, ein künstlich angelegter Berg mit einem seltsamen Märchenschloss und einem „Vulkan“, aus dem stündlich eine Gasflamme faucht. Das Ganze erinnert vage an die Pappmaché-Requisite von Freilichtbühnen oder an die Augsburger Puppenkiste auf LSD.
Innen drin beherbergt das bizarre Gebilde Räume, die Brotbackofengrotte, ArachneRie und Hochzeitsschmiede (tatsächlich anerkannte Außenstelle des Standesamtes) heißen. Im „Sala del Monte“ können die Hochzeiten gleich gefeiert werden, wenn man die Wandmalereien erträgt.
Die Besonderheit
In dem skurrilen Gesamtkunstwerk aus historischem Gebäude und zauberhafter Parkanlage hat sich ein Exzentriker mit großem Ego und mehr Geld als Geschmack verewigt. Man muss das nicht schön finden, kann aber schon die Chuzpe und Tatkraft bewundern.
Das Zielpublikum
Kindsköpfe, Sammler und Menschen, die sich wohlig gruseln wollen.
Hindernisse auf dem Weg
Leider ist das Anwesen zurzeit geschlossen. Aber fragen Sie doch mal beim Rossmann Ihres Vertrauens, wann es wieder aufmacht!
Vor allem ist der Montagnetto auch der „Berg der Sammelleidenschaft“. 150 Sammlungen hat Schulz-Ebschbach im Laufe der Jahre erworben. Darunter sind etwa die „weltgrößte“ Biersorten- und Streichholzschachtel-Sammlung (die tatsächlich einen faszinierenden Blick auf Gebrauchsgrafiken und Werbung über ein Jahrhundert bietet). Aber auch abertausende von Miniatur-Schnapsflaschen, Figurkerzen, Flaschenöffnern, Kaffee-Sahne-Deckeln, Ü-Eier-Figuren und anderer Tinnef.
Sammlungen sammeln
Psychologen bringen Sammelleidenschaft mit dem Bedürfnis in Verbindung, Übersichtlichkeit und Ordnung in einer chaotischen Welt zu schaffen. Mit dem Sammeln von Sammlungen hat Schulz-Ebschbach es irgendwie geschafft, Ordnung und Chaos gleichermaßen zu sprengen. Man bekommt leichte Atemnot.
Also nichts wie raus, in den traumhaft schönen Park, in dem weitere verrückte oder nie vollendete Projekte lauern: der einsturzgefährdete Nachbau der Arche Noah zum Beispiel.
wochentaz
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Schon vor Jahren merkte man dem Gelände allerdings an, dass die Freude am Erschaffen meist größer war als die am Erhalten. Alles muffte, staubte, bröckelte, trotz stattlicher Eintrittspreise. Nach dem Tod des großen Exzentrikers mussten sich die Erben auch noch mit nie vollständig geklärten Baurechtsfragen auseinandersetzen. Schulz-Ebschbach hatte nämlich so ziemlich jede Auflage, die ihm die Gemeinde machte, als Zumutung empfunden und ignoriert.
Im September 2026 wurde bekannt, dass der Unternehmer Dirk Roßmann das Ganze übernommen hat – wohl aus alter Verbundenheit. Über die Zukunftspläne für das Anwesen schweigt sich seine Drogeriekette bisher aus.
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