«Heute Abend hat es mehr Linke als Normale»

Christoph Blocher feiert 1001. Ausgabe seiner Sendung – die Gäste überraschen
«Heute Abend hat es mehr Linke als Normale»
Christoph Blocher feiert im «Haus der Freiheit» von Toni Brunner die 1001. Ausgabe von «Teleblocher». Statt Politikern kommen vor allem Journalisten. Der alt Bundesrat lässt durchblicken, wer Guy Parmelin im Bundesrat beerben soll.
Publiziert: vor 25 Minuten
- Christoph Blocher feiert die 1001. Ausgabe von «Teleblocher» bei Toni Brunner
- Statt Politikern erscheinen vor allem Journalisten zum Jubiläum
- Blocher sieht gute Chancen für Pierre Alain Schnegg als Nachfolger von Guy Parmelin
Toni Brunner (52) steht hinten im Säli und ruft eine Bündner Autonummer aus. «Bitte umparkieren», sagt der alt Nationalrat, Bauer und Wirt. Es ist Donnerstagabend im «Haus der Freiheit» in Ebnat-Kappel im Toggenburg und Jubiläum – alt Bundesrat Christoph Blocher (86) und Journalist Matthias Ackeret (63) feiern die 1001. Ausgabe ihrer Sendung «Teleblocher».
Ab 18 Uhr kommen die Gäste, vorbei an weissen Schindeln, grünen Fensterläden und üppigen Blumenkästen. Das Haus wirkt behäbig, und so schmeckt der Apéro: gelbe Käsewürfel und pikante Gebäckschnecken wie zu Grossmutters Zeiten, dazu Wasser und reichlich Wein. Irgendwo steht eine Reproduktion von Hodlers «Wilhelm Tell».
Tausend wäre eine schöne Zahl gewesen. Aber für Blocher klingt sie nach Schluss. «Tausendundeins geht weiter, das ist wichtig», sagt er Blick. Also wird das Weitermachen gefeiert. Mit Alphorn, Jodel, Gehacktem und einer Gästeschar, die Brunner gegenüber Blick zu einer politischen Einordnung veranlasst: «Heute Abend hat es mehr Linke als Normale.»
Gekommen sind vor allem Journalisten der «NZZ», von Tamedia, SRF, CH Media, «Weltwoche» und Ringier. «Weil alli fasziniert sind vom Phänomen Christoph Blocher», sagt Brunner. Er lacht den ganzen Abend. Und wo sind die Politiker? «Ich muss servieren!», sagt er und entschwindet. Später spricht er von einer «stillen Bewunderung für Christoph Blocher bis weit in die Journalistengilde hinein».
«Jeder ist ein Normaler»
Gegen 19 Uhr ertönt ein Alphorn, die Gäste setzen sich zu Tisch. Im Saal zieht sich das Holz vom Fischgrätparkett über die Wände bis zur geometrisch gegliederten Decke. Dunkelrote Vorhänge rahmen die Fenster, unter einem Leuchter stehen weiss gedeckte Tischreihen. Die Bühne schmückt eine gemalte Berglandschaft.
Dort wiederholt Brunner den Apérosatz, den er für die Schlagzeile von morgen hält. «Es sind heute mehr Linke da als Normale!» Gelächter. Dann präzisiert er: «Bei uns ist natürlich jeder ein Normaler.»
Die Gäste stellt er einzeln vor, mit Namen und Funktion. Ein Verzeichnis des Schweizer Politikjournalismus, vorgetragen vom strahlenden Wirt. Schliesslich begrüsst er Silvia Blocher (81) und bemerkt: «Unter uns ist sogar der Ehemann!»
Der Jodlerklub Ebnat-Kappel singt für den Stargast. Moderatorin und Ex-Miss-Schweiz Silvia Affolter (62) lobt Ackeret. Christian Jott Jenny (48), noch Gemeindepräsident von St. Moritz, erzählt, wie er Blocher einst einspannte, um alt Kanzler Gerhard Schröder (82) zu veralbern. Das sei vor 2022 gewesen, betont er, vor dem Angriff von Schröders Freund Putin auf die Ukraine. Die heitere Anekdote braucht eine aussenpolitische Datierung.
Dann wird umgebaut. Brunner kündigt «eine Viertelstunde Rauch-, Pinkel- und Trinkpause» an.
Ackeret siezt, Blocher duzt
Die Aufzeichnung dauert 25 Minuten. Nach 1001 Sendungen bleibt Ackeret beim Sie, Blocher duzt ihn. Die UBS, glaubt Blocher, wird die Schweiz nicht verlassen. Am Abbau der Armee hätten auch SVP-Bundesräte mitgewirkt. Um die Armee zu stärken, brauche es keine höheren Steuern: «Ich weiss, wo man das Geld haben kann.» Und die Zukunft der Sendung? «Länger als 30 Jahre machen wir es nicht.» Der Saal lacht.
Autoimporteur Walter Frey, der vorn im Saal sitzt, hat eng mit Blocher politisiert. «Die Sendung hat funktioniert wegen Christoph. Er ist halt ein Mann, der sagt, was er denkt.»
Zu essen gibt es Kürbiscremesuppe mit Curry, Brot und Rosmarin, Ghackets mit Hörnli. Das Fleisch vom Eringer Rind mache «potent und kampfeslustig», erklärt Brunner. Seine Chefköchin verdreht die Augen. «So etwas will ich doch nicht zum Frühstück in der Zeitung lesen.» Zum Dessert gibt es Panna cotta mit Zwetschgenkompott.
Es schmeckt, die Journalisten essen und trinken gratis.
«Meine Frau ist ja Lehrerin»
Silvia Blocher weiss, weshalb ihr Mann selten um eine Antwort verlegen ist. «Er weiss sehr viel, und das kommt ihm natürlich zugute. Die Fragen sind ja oft überraschend. Und da kann er eigentlich aus dem Vollen schöpfen.» Sie würde ihm sagen, wenn es nicht mehr ginge. Darauf verlässt sich Blocher: «Meine Frau ist ja Lehrerin. Sie ist kritisch und spricht es auch offen an. Denn andere getrauen sich das gar nicht zu sagen.»
Medienpionier Roger Schawinski (81) lobt den Moderator: «Matthias lässt ihn reden, und das macht er mit seiner charmanten Art wirklich hervorragend.» Ein richtiges Interview sei es nicht, sondern «ein Monolog mit Stichworten». Dann schwärmt er vom Gastgeber: «Toni Brunner, diese Saftwurzel, schmeisst den Abend, serviert Essen, liefert gute Sprüche – das zeigt, der hätte Bundesrat werden müssen.»
Mangels Politikern richtet Blick die Bundesratsfrage an Blocher: Wer von der SVP zieht für den abtretenden Guy Parmelin (66) in den Bundesrat? «Ich weiss es nicht», sagt Blocher, wie immer, wenn er sein Wissen vernebeln will. «Aber Schnegg hat gute Chancen.»
Der Chef will offenbar den Jurassier aus dem Kanton Bern. Für Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (63) sieht es gut aus im Toggenburg.
Zuletzt liefert Jenny die Pointen. «Es war ein Journalistentreffen auf dem Bauernhof», sagt er. «Und ein Bingo-Abend mit Brunner, der Autonummern ausruft. Nur, dass niemand einen Früchtekorb mit Stalden Creme gewinnt.»
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