Reisners Blick auf die Front: "Jetzt steht die Ukraine vor derselben Herausforderung wie Russland"

Reisners Blick auf die Front"Jetzt steht die Ukraine vor derselben Herausforderung wie Russland"
21.09.2026, 19:42 Uhr
Interview: Lea Verstl
Moskau verstärkt seine hybride Kriegsführung an der Grenze zu Polen. Oberst Markus Reisner erkennt darin eine neue Eskalationsstufe. An der ukrainischen Front sähen sich die Kriegsparteien angesichts der Drohnenangriffe der gleichen verzwickten Situation ausgesetzt, sagt er.
ntv.de: Wladimir Putin könne unmittelbar nach der manipulierten Staatsduma-Wahl in Russland eine neue Mobilisierungswelle anordnen, wird spekuliert. Wie wahrscheinlich ist das?
Markus Reisner: Bislang gibt es keinen klaren Indikator dafür, dass dies tatsächlich geschehen wird. Die russische Regierung, Putin eingeschlossen, weist entsprechende Spekulationen zurück. Zugleich gibt es immer wieder valide Berichte, auch in Europa, die ein solches Szenario durchaus für möglich halten. Im Raum steht demnach eine Mobilisierung von bis zu weiteren 300.000 russischen Soldaten nach der durch die Wahl erzeugten Legitimierung.
Warum gibt es diese Spekulationen?
Auf der operativen Ebene gelingt es Russland nicht, signifikant Gelände- bzw. Raumgewinne zu erzielen. Im Gegenteil: Wir sehen in vielen Abschnitten der Front eine Pattsituation, und teilweise verlieren die Russen sogar Gelände. Das führt viele Beobachter zu der Einschätzung, dass Russland versuchen könnte, mit einem weiteren personellen Schub einen quantitativen Unterschied zu machen. Und das wäre nur über die Verfügbarkeit zusätzlicher Soldaten möglich.
Halten Sie es im Zuge einer solchen Mobilisierung auch für möglich, dass sich die Rhetorik weiter verschärft, weg von der Bezeichnung "militärische Spezialoperation" hin zur offiziellen Kriegserklärung?
Dieser Prozess ist bereits im Gange. Wir haben in den vergangenen Monaten gesehen, dass sich die Rhetorik russischer Offizieller verändert hat. In der russischen Militärdoktrin bzw. -theorie lassen sich vier Stufen unterscheiden: der lokale Krieg, der regionale Krieg, der große Krieg und schließlich der globale Krieg. Viele ordnen die sogenannte "militärische Spezialoperation" noch dem lokalen Krieg zu. Der Übergang vom lokalen zum regionalen Krieg ist aus meiner Sicht jedoch bereits erfolgt. Damit gehen auch weitere Schritte auf der Eskalationsleiter/-spirale einher, die wir spüren - etwa in Form hybrider Angriffe.
Eine jetgetriebenen Drohne ist in der Westukraine, wenige Kilometer vor Polens Grenze entfernt, explodiert. Soll der Westen dadurch eingeschüchtert werden?
Das hängt mit einem der Gründe zusammen, weshalb Russland die Einstufung des Konflikts vom lokalen zum regionalen Krieg angehoben hat. In einem regionalen Krieg geht die russische Militärtheorie davon aus, dass der Kriegsverlauf maßgeblich durch die Einflussnahme anderer Staaten geprägt wird. Aus russischer Sicht besteht diese Einflussnahme in der Unterstützung der Ukraine durch europäische Staaten und die USA. Dabei geht es etwa um die Weitergabe von Zieldaten, insbesondere durch die USA. Es geht aber auch um die Lieferung von Rüstungsgütern und Komponenten aus europäischen Staaten, beispielsweise für die ukrainische Drohnenproduktion. Diese Drohnen kommen dann in Russland zum Einsatz.
Deshalb landet Europa zunehmend im Visier der Russen?
Durch die Unterstützung westlicher Staaten kann die Ukraine Angriffe auf russisches Territorium durchführen. In russischen sozialen Netzwerken findet man dann Schlagzeilen wie: "Deutsche Drohnen treffen Moskau". Russland versucht damit, der eigenen Bevölkerung zu vermitteln, dass es nicht nur gegen die Ukraine kämpfe, sondern dass der Westen einen Krieg gegen Russland führe. Daraus folgt auch der Versuch, den Konflikt über die Grenzen der Ukraine hinauszutragen. Genau das sehen wir zunehmend in Formen hybrider Kriegsführung in Europa.
Steckt das hinter der Warnung des polnischen Ministerpräsidenten Donal Tusk vor einem russischen Plan, Ukraine-Verbündete verstärkt anzugreifen?
Genau. Diese Entwicklung hat sich in den vergangenen Wochen weiter verschärft. Europäische Geheimdienstvertreter sprechen davon, dass Russland die Nato möglicherweise bald testen könnte. Tusk berief sich auf diese Geheimdienstanalysen und deutete an, dass Russland in den kommenden Monaten mit Drohnen oder Raketen Nato-Gebiet angreifen könnte, um zu demonstrieren, dass Artikel 5 eher theoretischer als praktischer Natur sei. Auch der französische Präsident Emmanuel Macron hat darauf hingewiesen, dass sich die russische Aggression und Bedrohungslage zunehmend zum Nachteil Europas veränderten.
Zeigt die Nato Putin, dass Artikel 5 sehr wohl praktisch und nicht nur theoretisch ist?
Die Nato versucht derzeit in ihrer Kommunikation deutlich zu machen, dass sie im Fall einer russischen Provokation geschlossen reagieren würde. Zugleich versucht sie klarzustellen, dass sie einen Angriff auf das Territorium eines Nato-Mitgliedstaats nicht akzeptieren und einfach hinnehmen würde. Entscheidend ist, eine glaubwürdige Abschreckung zu vermitteln: Russland muss davon ausgehen, dass ein Angriff oder eine gezielte Provokation eine gemeinsame und entschlossene Reaktion auslösen würde.
Russland hat eine Sperrzone direkt an der Grenze zu Estland nahe der Stadt Narva eingerichtet. Steckt dahinter auch eine hybride Taktik?
Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen. Die erste wäre, dass Russland versucht, durch solche Aktivitäten die Eskalationsspirale weiterzudrehen - in der Hoffnung, dass die Nato nachgibt oder die Unterstützung für die Ukraine zurückfährt. Die zweite Möglichkeit wäre, dass es sich tatsächlich um eine konkrete Vorbereitung auf eine Eskalation handelt, wie sie Tusk und Macron beschrieben haben: eine Lage, in der sich die russische Aggression und Bedrohung gegenüber Europa deutlich verschärft.
Estland baut als Reaktion einen Drohnenschutzwall an der Grenze auf. Wie funktioniert eine solche Technologie - und ist das die richtige Antwort?
Die Nato versucht, Lehren aus dem Krieg in der Ukraine zu ziehen. Dort sehen wir, dass sich ein Angreifer - in diesem Fall Russland - in einem komplexen, aber ausgeklügelten System von durch Drohnen kontrollierten Zonen festlaufen kann. Drohnen dienen dabei nicht nur der Aufklärung möglicher Ziele. Sie greifen auch selbst Ziele an und zerstören sie. Dieses System darf man sich nicht als eine einzige durchgehende Linie vorstellen, sondern eher als mehrere Zonen.
Welche?
Es gibt zunächst eine Vorfeldzone, die vor allem der Aufklärung und der frühzeitigen Erkennung feindlicher Angriffe dient. Dann folgt die unmittelbare Kampfzone, in der Drohnen eingesetzt werden, um Ziele zu zerstören - etwa kleine Gruppen von Soldaten oder mechanisiertes Gerät. Hinzukommt eine rückwärtige Zone. Dort werden die Maßnahmen in den vorderen Bereichen bzw. Zonen vorbereitet; außerdem sollen Gegner, die weiter vorgedrungen sind, aufgefangen und zerschlagen werden. Die ukrainischen Streitkräfte haben ein solches Konzept in den vergangenen Jahren entwickelt. Die Nato versucht nun teilweise, es zu übernehmen und an ihrer Ostflanke einzusetzen - besonders im Baltikum.
Russlands Sommeroffensive in der Ukraine zielt noch immer darauf, den Festungsgürtel im Donbass einzunehmen. Wie ist die Lage dort?
Russland versucht, den Donbass in einer Zangenbewegung anzugreifen. Die südliche Zange verläuft über den Raum Kostjantyniwka, die nördliche über den Raum Lyman. Im Süden begünstigt das Gelände den russischen Vormarsch. Im urbanen Raum von Kostjantyniwka gelingt es Russland, schrittweise voranzukommen. Zudem versucht Russland westlich von Kostjantyniwka über einen weiteren Ansatz eine zusätzliche Umfassung. Diese kommt zwar langsam voran, gewinnt aber offenbar weiter Raum.
Und im Norden?
Im Raum Lyman ist es den ukrainischen Kräften wegen des für den Angreifer schwierigen Geländes gelungen, die Russen zurückzudrängen. Russland versucht dort, sich über Flüsse hinweg vorzuarbeiten, die schwer zu überwinden sind. Die Ukrainer konnten die nördliche Zangenbewegung zunächst zum Erliegen bringen. Das bedeutet nicht, dass die russische Front dort zusammenbricht. Moskaus Truppen haben sich auf zuvor gehaltene Linien zurückgezogen. Das Problem für Russland ist jedoch, dass die operative Absicht einer nördlichen Umfassung so derzeit nicht umsetzbar ist. Ein Vorstoß von Lyman in Richtung Siwersk und weiterer Orte ist damit erschwert.
Wie hat die Ukraine das geschafft?
Der Erfolg ist vor allem begründet in der Konzentration der ukrainischen Kräfte und den Einsatz von Eliteeinheiten, die den russischen Vormarsch zunächst zu stoppen und anschließend zurückzudrängen. Jetzt steht die Ukraine allerdings vor derselben Herausforderung wie Russland: Sie muss ihre Kräfte versorgen - unter dem dauerhaften Druck der gegnerischen Drohnenangriffe, die genau diese Logistik unterbrechen sollen.
Kann sie dem Druck standhalten?
Derzeit sieht es so aus, als habe die Ukraine den Raum konsolidiert. Entscheidend wird sein, ob Russland die ukrainische Logistik nachhaltig stören kann. Gelingt das, dürfte die Ukraine Schwierigkeiten haben. Kann sie den Drohnenangriffen dagegen dauerhaft etwas entgegensetzen, ist es durchaus möglich, dass der Raum zumindest vorübergehend gehalten wird. Inzwischen nähert sich der Winter und der Druck auf strategischer Ebene nimmt weiter zu.
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