Luxushotels statt Rente: Zahnärzte-Versorgungswerk verzockt 1,3 Milliarden Euro

Luxushotels statt RenteZahnärzte-Versorgungswerk verzockt 1,3 Milliarden Euro
19.09.2026, 15:43 Uhr
Von Caroline Amme
Ermittler durchsuchen im Sommer das Berliner Zahnärzte-Versorgungswerk. Dabei stehen zwei ehemalige Führungskräfte im Fokus. Jahrelang hat die Rentenkasse riskant investiert, unter anderem in Luxushotels. Über die Hälfte des Vermögens ist verloren. Die versicherten Zahnärzte müssen mit "schmerzhaften Einschnitten" bei ihrer Rente rechnen.
"Die Rente ist sicher!" Der legendäre Satz des damaligen Bundesarbeitsministers Norbert Blüm 1997 muss sich für die Zahnärztinnen und Zahnärzte in Berlin, Brandenburg und Bremen wie Hohn anhören. Denn ihre Rente ist nicht mehr sicher. Das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB), das die Altersvorsorgegelder der Zahnärzte verwaltet, hat sie größtenteils verzockt.
Über 230 Millionen Euro sollen ehemalige VZB-Mitarbeiter veruntreut haben, hat das "Handelsblatt" Ende Juli berichtet. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin ermittelt demnach gegen 18 Personen: Angestellte, Mitglieder des Verwaltungs- und des Aufsichtsausschusses und die zwei Ex-Führungskräfte Ingo Rellermeier und Ralf Wohltmann. Der Verdacht: Zusammengerechnet sollen sie über 230 Millionen Euro veruntreut haben. Sie sollen die Investments freigegeben oder nicht ausreichend geprüft und hinterfragt haben, heißt es in dem Artikel. Im Zuge der Ermittlungen hatte die Generalstaatsanwaltschaft im Versorgungswerk etliche E-Mail-Postfächer durchsucht.
Die Generalstaatsanwaltschaft äußert sich dazu auf ntv.de-Nachfrage nicht, da die Ermittlungen noch laufen. Thomas Schieritz, Vorsitzender des VZB-Verwaltungsausschusses, sagt im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" zu den Durchsuchungen, das VZB begrüße die umfassende Aufklärung der Vorgänge und die strafrechtliche Aufarbeitung "rund um diesen Finanz- und mutmaßlich auch Korruptionsskandal". Ob und in welchem Umfang sich einzelne Personen strafbar gemacht haben, müssten die zuständigen Behörden und Gerichte klären.
Versorgungswerk fordert Millionen-Schadensersatz
Rellermeier war von 2013 bis 2025 Vorsitzender des Verwaltungsausschusses im Versorgungswerk. Kurz nach Bekanntwerden der Fehlinvestitionen wurde er im April 2025 von der Vertreterversammlung abgewählt. Dagegen hat Rellermeier geklagt, ist aber vor dem Verwaltungsgericht gescheitert.
Dieses Jahr im Mai hat dann das VZB beim Landgericht Berlin geklagt. Sie fordert, die Schadenersatzpflicht von zwölf Parteien festzustellen: dem Land Berlin als Aufsichtsbehörde, dem Wirtschaftsprüfer Forvis Mazars, der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (ApoBank) und früheren Organ- und Gremienmitgliedern wie Rellermeier. Der Vorwurf: Sie sollen ihre jeweiligen Pflichten grob verletzt haben.
Das Versorgungswerk hat auch Wohltmann im April auf 50 Millionen Euro Schadensersatz verklagt. Wohltmann war 25 Jahre lang, von 2000 bis 2025, Direktor des Versorgungswerks. Das VZB hatte ihn Anfang 2025 freigestellt und später entlassen. Dagegen hat Wohltmann geklagt, jedoch vor Gericht verloren. Nur in einem Punkt hat ihm das Berliner Arbeitsgericht recht gegeben: Das VZB hätte die vertragliche Kündigungsfrist von einem Jahr einhalten müssen.
VZB wird zum Wagniskapitalgeber
Der Verdacht, dass etwas nicht stimmt, kommt dem Versorgungswerk schon im Januar 2025. Es schaltet mehrere Kanzleien ein, um die Vorgänge zu prüfen. Außerdem erstattet das VZB laut "Berliner Zeitung" Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft. Im Februar gibt es eine Vertreterversammlung, dort erfahren zum ersten Mal auch die Mitglieder davon. Ab August 2025 ermittelt die Berliner Generalstaatsanwaltschaft gegen ehemalige Gremienmitglieder des VZB wegen Verdacht auf Korruption, berichtet die "Berliner Morgenpost".
Der Kipppunkt für die Krise beim Versorgungswerk liegt etwa elf Jahre zurück, so Schieritz: "2015 ist die Anlagestrategie des Versorgungswerks komplett neu strukturiert worden und hat sich in Richtung Wagniskapitalgeber entwickelt. Darauf beruhen die Verluste, die wir jetzt zu beklagen haben."
Jahrelang hatten die VZB-Verantwortlichen große Summen in riskante Beteiligungen investiert, wie Luxushotels oder Startups. Das hat zu massiven Verlusten geführt. Diese haben sich inzwischen auf "deutlich über die Hälfte des ehemaligen Anlagevermögens von 2,2 Milliarden Euro" summiert, sagt Schieritz: "Etwa 1,3 Milliarden Euro sind zum Stichtag 31. Dezember 2024 verloren."
Ein erheblicher Teil der Kapitalanlagen sei mit übergroßen Risiken verbunden gewesen; hätten sich nicht nach den internen Anlagerichtlinien und gesetzlichen Vorgaben für Versorgungswerke gerichtet, sagt Schieritz. "Man hat Aktienfonds genommen, die Liquidität daraus entnommen und in Richtung weniger Einzel-Unternehmensbeteiligungen umgeschichtet. Die Änderung der Anlagestrategie ging maßgeblich auf die beiden führenden Personen im Versorgungswerk zurück. Das waren damals mein Vorgänger Dr. Rellermeier und der langjährige Direktor Ralf Wohltmann."
Investments in Garnelenzucht und Luxushotels
Einige der Unternehmen, in die das Versorgungswerk investiert hat, sind heute insolvent. Dazu gehören unter anderem der Zuchtbetrieb für Gourmet-Garnelen Hansegarnelen, das Versicherungs-Startup Element Insurance und der Luxushotel-Investor 12.18. Investment Management. Diese gehört zur 12.18. Group. Über diese Gruppe hat das VZB in den vergangenen Jahren in Luxushotels in Deutschland und Europa investiert: in Mecklenburg-Vorpommern, auf Sylt, Ibiza, Teneriffa, Sardinien und in Schottland, berichtet der "Tagesspiegel". Demnach hat das Versorgungswerk seit 2015 rund 200 Millionen Euro in die 12.18. Gruppe gesteckt, erst in Form von Darlehen, ab 2018 auch über eine Direktbeteiligung - obwohl es der Gruppe nicht gut ging.
Damit war das Versorgungswerk nicht mehr nur Geldgeber, sondern direkt am Unternehmen beteiligt. Es hält rund 60 Prozent der Geschäftsanteile an der 12.18. Investment Management. Im August 2026 hat die Gesellschaft Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt, darf also ihren Betrieb selbst sanieren. Für Schieritz "ein schwieriger Weg, um die Vermögensinteressen zu sichern." Er kündigt an, Rechtsmittel einzulegen.
Die Insolvenz bedeutet aber nicht automatisch mehr Verluste für das VZB. Sachverständige hätten schon vergangenes Jahr festgestellt, dass aus der 12.18.-Anlage nicht mehr mit Rückflüssen zu rechnen ist, hat das VZB dem Informationsdienst Platow Brief mitgeteilt. "Ein nahezu vollständiger Totalverlust" sei daher "eingepreist" gewesen.
Beiträge steigen, Renten sinken
Für die insgesamt 11.000 Zahnärztinnen und Zahnärzte im Berliner Zahnärzte-Versorgungswerk sieht es nicht gut aus. Trotz der Milliardenverluste müssen die weiter ihre Beiträge zahlen, hat das Verwaltungsgericht Berlin entschieden.
Eine Zahnärztin hatte sich gegen ihren Beitragsbescheid für dieses Jahr gewehrt. Wegen der mutmaßlich pflichtwidrigen Anlagepolitik des Versorgungswerks könne von den Mitgliedern nicht verlangt werden, weiterhin Beiträge zu zahlen, so ihre Argumentation. Die Richter sahen das anders: Die Beiträge zu einem berufsständischen Versorgungswerk seien öffentlich-rechtliche Abgaben und deshalb weiterhin zu zahlen.
An der Beitragshöhe könne das Versorgungswerk nicht schrauben, sagt Schieritz. Die Bundesregierung passe die Beitragsbemessungsgrenze jedes Jahr an. Daran sind die Beiträge im Versorgungswerk gekoppelt und steigen dadurch automatisch. Was die künftige Rente der Mitglieder angeht, hat er eine düstere Prognose. Auch, wenn die Auswirkungen der Vermögensverluste auf die Rentenleistung und die Anwartschaften der Mitglieder noch nicht final bewertet sind, seien "schmerzhafte Einschnitte bei den Leistungen nicht vermeidbar". Das VZB verspricht "eine ausgewogene Lösung für alle Generationen".
Die neue Führung des Zahnärzte-Versorgungswerks will die Fehlentscheidungen "konsequent aufklären" und sich die Milliarden zurückholen. Bis das Schadensersatzverfahren durch ist, dauert es aber noch: Schieritz rechnet mit einer Verfahrensdauer von acht bis zehn Jahren. Er ist sich sicher, dass der Fall bis zum Bundesgerichtshof geht.
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