Zensur auf Meta-Plattformen: Der mühsame Kampf gegen willkürliche Sperrungen

Digitale Zensur nimmt zu, insbesondere progressive Inhalte verschwinden aus dem Netz. Europäisches Recht bietet davor bislang nicht genug Schutz.
Foto: zhenikeyev/Plainpicture
Manchmal hat im Internet ein kleines Wort eine große Wirkung. So wie „Klitoris“. Darin vermutet Martha Dimitratou, Direktorin der NGO Repro Uncensored, den Auslöser für eine der jüngsten Zensurwellen auf Instagram.
Mit Repro Uncensored erfasst sie systematisch Fälle von Account-Sperrung, Inhaltsentfernung auf großen Plattformen und Shadowbanning, also die verdeckte Einschränkung der Sichtbarkeit von Inhalten oder Accounts auf einer Plattform, ohne dass die betroffenen Nutzer*innen darüber informiert werden. Von digitaler Zensur besonders betroffen sind progressive Stimmen, queere Kultur, Frauenrechtsorganisationen und Accounts, die über reproduktive Gesundheit aufklären.
Im März 2026 traf es Bellesa, einen US-amerikanischen Sexspielzeughersteller, dessen Instagram-Account mittlerweile dauerhaft gesperrt ist. Kurz darauf beobachtete Repro Uncensored eine neue Welle, die auch Europa erreichte: Meta sperrte zwischenzeitlich die Accounts der deutschen Content-Creatorinnen @itsleonieida mit rund 390.000 Follower*innen und @marieejoan mit über 820.000 Follower*innen.
Dimitratou beschreibt, dass das kein Zufall, sondern ein Muster sei: „Was wir oft sehen, sind Trigger wie das Wort ‚Klitoris‘ und dann Wellen der Zensur: mal kürzer, mal länger.“ Nach öffentlichem Druck und Einsprüchen wurden die Accounts von @itsleonieida und @marieejoan inzwischen wieder freigeschaltet.
Fehler oder strukturelle Zensur?
Plattformen wie Instagram setzen zunächst automatisierte Moderationssysteme ein, um Inhalte zu erkennen, die möglicherweise gegen ihre Community-Standards verstoßen. Für Dimitratou liegt genau darin der entscheidende Unterschied zwischen einem Fehler im Moderationssystem und struktureller Zensur.
Dass automatisierte Systeme irrtümlich Accounts sperren, hält sie für möglich. Problematisch werde es erst, wenn Betroffene Einspruch gegen die Sperrung einlegen und die Plattform die Entscheidung dennoch bestätigt. „Nehmen wir einfach an, die erste Sperrung ist ein Fehler“, sagt sie. „Wo wir Absicht erkennen, ist, wenn Plattformen sich weigern, die Accounts wiederherzustellen.“
Genau das sei in den Fällen von Bellesa, @itsleonieide und @marieejoan passiert. Alle legten Einspruch ein. Alle erhielten die Mitteilung, dass ihre Accounts nicht wiederhergestellt würden. Das sei laut Dimitratou meist der Moment, in dem sich Betroffene an Repro Uncensored wenden.
Meta gibt an, Einsprüche automatisiert zu prüfen. Für Dimitratou ist entscheidend, dass auch nach dieser Prüfung keine Wiederherstellung erfolgte. Aus einem möglichen technischen Fehler wird in diesem Moment eine bewusste Moderationsentscheidung. Der Account von Bellesa ist bis heute gesperrt.
Ein weiterer prominenter Fall von Meta-Zensur: Die schwedische Erotikregisseurin Erika Lust, Pionierin feministischer Pornografie, sieht ihre Inhalte immer wieder zensiert. In Polen wurde die Facebook-Seite von Women Help Women, die Frauen in einem Land mit nahezu totalem Abtreibungsverbot mit medizinischen und rechtlichen Informationen versorgt, innerhalb eines Jahres dreimal gesperrt. Die Begründung: ein angeblicher Verstoß gegen die Richtlinien zu verschreibungspflichtigen Medikamenten.
„Es ist nicht so, dass alles, was mit Sexualität zu tun hat, gesperrt wird“, erklärt Dimitratou. „Es trifft sehr gezielt bestimmte marginalisierte Gruppen.“ Allein 2026 hat Repro Uncensored nach eigenen Angaben bereits mehr als 500 Fälle von Account-Sperrung, Inhaltsentfernung, Shadowbanning und anderen Einschränkungen dokumentiert – mehr als doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2025.
Meta weist den Vorwurf einer gezielten Benachteiligung bestimmter Gruppen zurück. Auf taz-Anfrage erklärt ein Sprecher des Unternehmens, für alle Nutzer*innen und Organisationen gälten weltweit dieselben Community-Standards. Die Behauptung, Moderationsentscheidungen würden aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder ihres gesellschaftspolitischen Engagements getroffen, sei unbegründet. Nutzer*innen hätten zudem die Möglichkeit, gegen Sperrungen Einspruch einzulegen.
Hier beginnt die europäische Dimension des Konflikts. Der Digital Services Act (DSA) ist eine EU-Verordnung, die seit 2024 gilt und die Macht großer Online-Plattformen stärker regulieren soll. Er soll Nutzerinnen vor illegalen Inhalten und Manipulation schützen und ihnen mehr Kontrolle über ihre Feeds und Algorithmen geben.
Rechte sehen Einschränkung der Meinungsfreiheit
Sehr große Plattformen mit mehr als 45 Millionen monatlich aktiven Nutzerinnen in der EU – darunter Meta, Tiktok oder X – müssen seitdem transparenter mit ihren Moderationsentscheidungen umgehen: Sie müssen erklären, warum Inhalte oder Accounts eingeschränkt werden, wirksame Beschwerdeverfahren anbieten und mit Nutzer*innen und Behörden kooperieren.
Politisch steht der DSA dabei zwischen zwei gegensätzlichen Vorwürfen: Teile der politischen Rechten kritisieren die Verordnung als Zensurinstrument, das die Plattformen zu übermäßiger Inhaltslöschung bewegen und damit die Meinungsfreiheit einschränken könne. Menschenrechtsorganisationen bemängeln, dass die Verordnung Plattformen bislang nicht ausreichend zur Verantwortung zieht.
Auch Dimitratou reicht der DSA bislang nicht aus. Zwar gebe die EU-Verordnung Betroffenen erstmals eine rechtliche Grundlage, gegen Plattformen vorzugehen. In der Praxis sei es jedoch schwierig, das Recht durchzusetzen, Einsprüche führten nicht zuverlässig zu Korrekturen, und Plattformen hätten weiterhin großen Spielraum bei der Auslegung ihrer eigenen Regeln, weshalb sichtbare Verbesserungen bislang die Ausnahme blieben.
Wer schreibt die Regeln des digitalen Raums?
Repro Uncensored und eine Koalition betroffener Organisationen aus den Niederlanden, darunter Bits of Freedom und COC Netherlands, haben rechtliche Schritte gegen Meta eingeleitet, gestützt auf den DSA. Es ist einer der ersten Versuche überhaupt, den DSA gegen Content-Moderation durch eine große Plattform einzusetzen.
Die Forderungen sind konkret: keine willkürlichen Sperrungen mehr, transparente Begründungen, menschliche Überprüfung, wirksame Beschwerdewege. Dass Dimitratou und die Koalition auf Europa setzen, hat einen einfachen Grund. „Zumindest gibt es hier einen rechtlichen Rahmen“, sagt sie. „Wenn Europa es nicht schafft, schafft es niemand. Ich meine, das ist doch der Ort, der auf Menschenrechten und Meinungsfreiheit aufgebaut sein sollte.“
Es geht längst nicht mehr nur um einzelne gesperrte Accounts. Es geht darum, wer die Regeln des digitalen öffentlichen Raums schreibt: demokratisch legitimierte Gesetze oder die Moderationsrichtlinien weniger US-amerikanischer Technologiekonzerne. Solange private Plattformen diese Macht weitgehend ohne Transparenz und wirksame Kontrolle ausüben, bleibt eine Frage offen: Wessen Internet ist das?
Metas Zensurpolitik Instagram cancelt Berliner Kitkat-Club
Profile der Berliner Clubs Kitkat und Insomnia wurden ohne Vorwarnung gelöscht. Seit Monaten geht Meta gegen queere Inhalte vor.
Von Erik Peter
Zensur von Abtreibungscontent in den USA Im Griff von Big Tech
Posts über Abtreibungen werden als politische, nicht als medizinische Inhalte bewertet. Big Tech zensiert deshalb aufklärende Seiten – nicht nur in den USA.
Von Julia Belzig
taz FUTURZWEI im Abo entdecken Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.