Ostdeutsche in Führungspositionen: "Es gibt kaum positive Entwicklungen"
Interview
Wenige Ostdeutsche in Führungspositionen "Die Entscheidungen werden im Westen getroffen"
Stand: 03.10.2026 • 05:32 Uhr
Auch 36 Jahre nach der Wiedervereinigung sind Ostdeutsche selten in Führungspositionen vertreten. Der Soziologe Hartmann sieht nur wenige Fortschritte - und spricht sich für Quoten bei der Besetzung von Posten aus.
Vor wenigen Tagen hat die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), mehr Ostdeutsche in Führungspositionen gefordert. Je höher die Führungsebene, desto geringer sei der ostdeutsche Anteil dort, sagte sie bei der Vorstellung ihres aktuellen Jahresberichts. Im Interview mit tagesschau24 erläutert der Soziologe Michael Hartmann, woran das liegt und welche Auswirkungen die ungleiche Verteilung hat.
tagesschau24: Herr Hartmann, wie definieren Sie Spitzenpositionen?
Michael Hartmann: Normalerweise nimmt man den Begriff Elite und das sind Personen, die durch ihre Entscheidungen gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich beeinflussen können. Das sind, wenn man einen weiten Elitenbegriff dazu nimmt, ungefähr 4.000 Personen maximal. Bei der Studie, auf die sich die Ostbeauftragte bezieht, sind es gut 3.000 Personen.
Zur Person
Michael Hartmann ist Soziologe und emeritierter Professor an der Technischen Universität Darmstadt. Zu seinen Schwerpunkten gehören unter anderem die Elitenforschung sowie die Industrie- und Organisationssoziologie.
tagesschau24: Wie verteilen sich diese Eliten? Eher in Ostdeutschland oder eher in Westdeutschland?
Hartmann: Die liegen weitgehend in Westdeutschland. In dieser Studie kommt man auf einen Anteil Ostdeutscher in allen Eliten von zwölf Prozent. Dabei muss man sagen, dass die Unterschiede zwischen den Sektoren sehr groß sind.
Wenn ich jetzt nur die großen Unternehmen nehme, da gibt es so gut wie überhaupt keine Menschen, die in Ostdeutschland groß geworden sind: Unter mehr als 250 DAX-Vorständen gibt es eine einzige Person. Und bei den Vorstandschefs und Aufsichtsratschefs der 100 größten Unternehmen überhaupt keine. In der Justiz gibt es ein halbes Dutzend Bundesrichter, die im Osten groß geworden sind. Das ist minimal.
Der Sektor, in dem Ostdeutsche repräsentativ vertreten sind, also mit ungefähr 20 Prozent, ist die Politik. Wenn die Politik und die öffentliche Verwaltung, die an die Politik angebunden ist, nicht mitgezählt würden, wäre der Anteil der Ostdeutschen in diesen Spitzenpositionen unter zehn Prozent.
"Alle Elitepositionen durch Westdeutsche neu besetzt"
tagesschau24: Woran liegt das? Wir haben nun 36 Jahre Wiedervereinigung hinter uns.
Hartmann: Damals nach dem Mauerfall sind alle Elitepositionen neu besetzt worden durch Westdeutsche. Diese Westdeutschen haben ihre Mitarbeiter mitgebracht und auch ein Verständnis davon, wie jemand zu sein hat, der für eine solche Position geeignet ist. Diese westdeutsche Brille ist über Jahrzehnte gewachsen.
Das führt auch in Westdeutschland dazu, dass Personen, die in den oberen vier Prozent der Bevölkerung aufgewachsen sind, ungleich größere Chancen haben. In der Wirtschaft hat sich seit über 100 Jahren so gut wie nichts verändert. Über 80 Prozent der Top-Positionen werden besetzt von Leuten, die in diesen vier Prozent groß geworden sind.
Diese Brille sorgt dafür, dass man diejenigen, die dann 20, 30 Jahre später in solche Positionen rücken, trotzdem durch eine westdeutsche Brille beurteilt. Vor allem in Sektoren wie Justiz und Wirtschaft haben Ostdeutsche keine realistische Chance.
"Rechtsprechung geprägt durch westdeutsche Erfahrungen"
tagesschau24: Wenn diese westdeutsche Brille auf den Osten schaut, welche Auswirkungen hat das?
Hartmann: Wirtschaftlich ist das ganz eindeutig. Alle wesentlichen Entscheidungen werden im Westen getroffen. Das heißt, die Entscheidungen über wirtschaftliche Entwicklung - gerade bei großen Unternehmen - haben mit dem, was in Ostdeutschland selbst vor Ort ist, an Entscheidungsträgern, nichts zu tun. Die müssen sich dem fügen. Wenn entschieden wird bei VW: 'Wir machen das Werk in Zwickau dicht.' Das entscheiden die in Wolfsburg - und dann müssen die das in Zwickau umsetzen.
Das ist in anderen Bereichen nicht ganz so krass, aber wenn sie sich die Bundesgerichte angucken: Da kann man auch sagen, die Rechtsprechung ist geprägt durch westdeutsche Erfahrungen. Das hat Auswirkungen auch darauf, wie Rechtsprechung wahrgenommen wird.
Wenn Westdeutsche die Rechtsprechung und die wirtschaftlichen Entscheidungen dominieren, fühlen sich viele Ostdeutsche von diesen Westdeutschen dominiert. Dann ergibt sich daraus so etwas wie eine Abwehrhaltung. Es ist kein Zufall, dass die AfD in Ostdeutschland so viel stärker ist als im Westen, obwohl sie im Westen auch zunehmend an Terrain gewinnt. Weil dieses Gefühl, fremdbestimmt zu sein, kommt in Ostdeutschland zusätzlich dazu zu sozialen Problemen.
tagesschau24: Inwiefern sind auch Fortschritte zu erkennen, die Deutschland in den vergangenen Jahren gemacht hat?
Hartmann: Es gibt auf dieser Ebene kaum positive Entwicklungen. Es gibt eine leichte Tendenz, dass Ostdeutsche bessere Chancen haben. Eine Ostdeutsche sitzt inzwischen im Bundesverfassungsgericht unter 16 Richtern. Das sind aber minimale Verbesserungen für so einen langen Zeitraum.
Am Anfang war das Argument immer: Es geht einfach nicht, weil die Menschen ein anderes Rechtssystem gehabt haben, sie sind anders ausgebildet worden, auch in der Wirtschaft. Das ist jetzt 35 Jahre her. Das heißt, die Personen, die jetzt in Frage kämen für solche Positionen, haben alle schon unter den Bedingungen eines einheitlichen Deutschlands studiert, sind in diesem zum Teil sogar zur Schule gegangen. Das heißt, dieses Argument ist inzwischen vollkommen hinfällig und trotzdem tut sich fast gar nichts.
Außer in der Politik. Das hat damit zu tun, dass man dem Wähler nicht über lange Zeiträume immer nur Westdeutsche präsentieren kann. Aber ich habe das mal für Mecklenburg-Vorpommern untersucht: In dem Kabinett, das bis zur Wahl amtiert hat, war immer noch jede zweite Ministerposition von einem besetzt, der in Westdeutschland groß geworden ist - und das 35 Jahre nach dem Mauerfall.
"Ohne Quotierung keine nennenswerten Veränderungen"
tagesschau24: Wie können denn mehr Ostdeutsche in Führungspositionen gelangen? Würden Quoten helfen, ähnlich der Frauenquote in Unternehmen?
Hartmann: Ich glaube, dass man in solchen Fragen, wenn es um wirkliche Spitzenpositionen geht, ohne eine Quotierung keine nennenswerten Veränderungen erreichen wird, vor allem in Bereichen wie Wirtschaft, Justiz, auch Medien. Wenn sie sich die Medienlandschaft im Osten angucken, da sind auch noch sehr viele Westdeutsche unterwegs. Die ganzen Printmedien sind im Wesentlichen Anhängsel westdeutscher Zeitungskonzerne oder Medienkonzerne.
All so etwas kann man nicht ändern auf der Basis freiwilliger Vereinbarung oder mit der Hoffnung, das wird sich irgendwann auswachsen. Das war lange so das Argument: Irgendwann kommt eine neue Generation und dann wird das anders sein. Es ist eine neue Generation gekommen und es hat sich kaum etwas geändert.
Das Gespräch führte Romy Hiller für tagesschau24. Das Interview wurde für die schriftliche Fassung gekürzt und redaktionell bearbeitet.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.