Ballon d'Or für Harry Kane ...: ... oder die Wahl gehört abgeschafft!

Von Tobias Nordmann
26.10.2026 | 06:00 Uhr
Unglaubliche 73 Tore hat Kane für den FC Bayern und England erzielt. Das sollte für den Ballon d'Or reichen - oder nicht? Falls ein anderer den Titel bekommt, lässt sich die Wahl kaum noch ernst nehmen.
Harry Kane spürt, dass dieser Montagabend ein ganz besonderer in seinem Leben sein könnte. Kane, der Superstürmer des FC Bayern, könnte quasi für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden. Er könnte den Ballon d'Or gewinnen, Weltfußballer werden. Über ein Jahrzehnt lang hatte der Engländer alles dafür getan, einer der besten Stürmer des Planeten zu sein. Mittlerweile ist er der beste. Weil er auf dem Feld Dinge tut, die kein anderer seines Berufsstands tut. Kane trifft, passt, grätscht, orchestriert.
"Den Ballon d’Or zu gewinnen, wäre großartig. Ich hatte letztes Jahr eine fantastische Saison und bin extrem stolz darauf", sagte der 33-Jährige. Sogar daheim ist die prestigeträchtige Wahl bei seiner Familie ein großes Thema, wie der Stürmer zugibt.
Kane erledigt seine Aufgaben auf dem Feld nicht für die eigene Vita, er macht seine Mannschaften besser. Und sich selbst belohnt er endlich mit Titeln. Während seiner Zeit bei den Tottenham Hotspur hing ihm das bittere Label an, der Weltbeste zu sein, dem der Zugang zu Trophäenschränken ewig versperrt blieb. Ein Fluch wurde diagnostiziert. Und als er in seiner ersten Saison bei den Münchnern an den unbesiegbaren Superfußballern von Bayer Leverkusen gescheitert war, da schienen auch die letzten Zweifler der Fluch-Theorie überzeugt.
Mittlerweile kann Kane alles
Kane hat sich nie aus der Ruhe bringen lassen. Wenn er verzweifelt war, dann innerlich. Je häufiger er ins leere Titelregal griff, desto fokussierter, desto besser wurde er. Und nun, im Alter von 33 ist Kane womöglich so gut wie nie zuvor. 73 Tore erzielte er in 65 Pflichtspielen für seinen FC Bayern und die englische Nationalmannschaft im Bewertungszeitraum vom 1. August 2025 bis zum 31. Juli 2026. Doch noch viel bemerkenswerter als die gnadenlose Effizienz des Angreifers ist dessen bemerkenswerte Transformation vom Strafraumstürmer zum mitkämpfenden Spielmacher-Angreifer. Er ist aufgrund seiner Leistungen zu einer natürlich gewachsenen Weltmarke geworden. Kein Social-Media-Hype. Kane kommt tatsächlich noch aus einer anderen Zeit.
Einen großen Rivalen um die individuelle Auszeichnung, die in Kanes Heimatstadt London (21 Uhr) verliehen wird, hat er im eigenen Team. Spektakel-Fußballer Michael Olise hat sich mit Dribblings, Vorlagen und Abschlüssen ebenfalls aufdringlich um den goldenen Ball beworben. Er kam im Sommer 2024 für 53 Millionen Euro von Crystal Palace zum FC Bayern, seither lieferte er in 117 Pflichtspielen überragende 51 Tore und 59 Vorlagen. Er soll die ganz großen Klubs längst verzweifelt wuschig gemacht haben. Immer wieder gibt es gigantische Gerüchte um den brillanten Franzosen. Olise hat den FC Bayern oft getragen, ihn gerettet. Wie Kane. Er spielt aufregender, aber ist kein "Mr. Überall". Kane beherrscht das ganze Feld. Auf eine Weise, die kaum zu fassen ist. Nicht mal Bundestrainer Jürgen Klopp versteht, was der Engländer treibt.
Kleiner Makel: großer Titel fehlt
Und trotz allen Argumenten muss Kane um die Wahl zum Weltbesten fürchten. Weil ihm der ganz große Titel verwehrt bleibt. Weder die Champions League hat er gewonnen noch den WM-Titel. Diese Wettbewerbe liefern aber allzu oft die Benchmark für die individuelle Auszeichnung. Und die Bundesliga hat im Vergleich mit den Top-Ligen wie England oder Spanien keine große Wertigkeit. Meisterschaften müssen mit herausragenden persönlichen Leistungen flankiert werden. Kane hat das geschafft. Kann WM-Superstar und Weltmeister Rodri ihm gefährlich werden und erneut den Ballon d'Or abstauben? Angesichts einer schwachen Saison mit Manchester City wäre das erstaunlich.
Und was ist mit Barcelonas Sensationsfußballer Lamine Yamal? Weltmeister, aber nicht auffällig. Spanischer Meister, mit viel Genialität, aber viel weniger Toren als Kane. Dazu ist der 19-Jährige mit den Katalanen in Europa früh gescheitert - nein, auch nicht. Kylian Mbappé? Ein Starstürmer mit individueller Monstersaison, aber ohne Titel. Seine Erhebung zum Preisträger wäre schon eine kleine Frechheit. Die PSG-Superstars? Haben Argumente, waren aber als kollektiv noch beeindruckender als in ihren Einzelleistungen. Der ewige und unzerstörbare Lionel Messi? Bei der Weltmeisterschaft hat er nochmal Großes vollbracht, aber nicht erneut den Titel gewonnen. Reichen seine Rekorde aus, um zum neunten Ball zu triumphieren? Es wäre schon absurd.
Eigentlich kann es in diesem Jahr nur einen geben: Harry Kane. Dem FC Bayern zwei Titel geschenkt, in Europa (auf dramatische Weise am späteren Sieger Paris St. Germain) und der Welt (auf bittere Weise an Messis Argentiniern) erst im Halbfinale gescheitert, zwei Mannschaften besser gemacht und sich selbst neu erfunden. Er ist dabei immer ein Superstar ohne Allüren gewesen und geblieben.
Die Expertenwelt konnte das Woche für Woche bestaunen. Bei den Männern stimmt jeweils ein Sportjournalist aus den Top-100-Nationen ab. Jeder Juror wählt aus den besten 30 Spielern zehn Akteure aus und vergibt je nach Platzierung zwischen 15 und einem Punkt. Würde Kane nicht gewinnen, könnte man die Wahl als ernstzunehmenden Wettbewerb auch abschaffen.
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