Amnesty-Bericht zu Iran: 87 Architekten von Mord, Gewalt und Folter

Amnesty International macht publik, wer 2022 in Iran die Proteste niederschlug. Die Bezichtigten sind teils bekannte Gesichter des Islamischen Regimes.
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International macht in einem am Mittwoch publizierten Bericht 87 Personen als Hauptverdächtige der Niederschlagung der „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste im Jahr 2022 namhaft. Die Liste reicht von hohen Amtsträgern bis zu Lokalverantwortlichen. Und sie sei keineswegs vollständig, ergänzte die Menschenrechtsorganisation sogleich.
Der über 1.000 Seiten lange Bericht „Architekten der Gräueltaten“ ordnet das gewaltsame Niederschlagen der Proteste vor nunmehr vier Jahren als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein. Mindestens 377 von den iranischen Sicherheitskräften getötete Menschen, darunter 56 Kinder und Minderjährige, werden im Bericht thematisiert. Außerdem tausende Fälle von Folter und sexueller Gewalt, Festnahmen und Verfolgungen sowie des Verschwindenlassens.
Die Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland, Julia Duchrow, sprach von einer „staatlich angeordneten und orchestrierten Strategie“, um die Zivilbevölkerung durch massive Repression und tödliche Gewalt zu unterdrücken und mundtot zu machen. Amnesty fordert nun die Aufnahme von Ermittlungen durch Behörden der internationalen Gemeinschaft, gleich der Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen in Syrien und der Ukraine.
2022 markiere außerdem nicht das Ende der Gewalt, erklärte Amnesty. Die schematische Unterdrückung laufe bis in die Gegenwart weiter – ein Beispiel sei die brutale Niederschlagung der Demonstrationen am 8. und 9. Januar 2026.
Augenzeug:innen, geleaktes Material, Gerichtsurteile
Der nun veröffentlichte Bericht sei die umfassendste Recherche in der Geschichte von Amnesty International, so die Organisation. 270 Augenzeug:innen, darunter Angehörige der Opfer, Menschenrechtsaktivist:innen, Journalist:innen und medizinisches Personal wurden angehört. Man habe außerdem über 2.000 Videoaufnahmen sowie geleakte staatliche Dokumente, offizielle Aussagen, Gerichtsurteile und forensische Unterlagen ausgewertet.
Unter den Opfern zählt Amnesty überproportional Menschen der belutschischen und kurdischen Minderheiten. Während sie maximal zwischen 5 und 15 Prozent der iranischen Bevölkerung darstellen sollten, nähmen sie 62 Prozent aller von der Organisation dokumentierten Opfer ein.
Einige der mutmaßlichen Täter sind tot oder sanktioniert
Als Beschuldigte genannt werden unter anderem Einsatzkräfte der islamischen Revolutionsgarden (IRGC) und des Polizeikommandos der Islamischen Republik Iran (Faraja), die unter anderem bewusst und immer wieder mit Schusswaffen in die Menschenmengen gezielt hätten.
Von den 87 namentlich erwähnten Personen auf der Liste von Amnesty wurden sechs bei gezielten Angriffen der USA und Israels getötet. Darunter sind das ehemalige iranische Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei, der einstige Generalstabschef des iranischen Militärs Mohammad Bagheri und der ehemalige IRGC-Generalkommandant Hussein Salami.
Von den 87 namentlich erwähnten Personen auf der Liste von Amnesty wurden sechs bei gezielten Angriffen der USA und Israels getötet
Unter den restlichen 81 Personen unterstehen viele bereits internationalen Sanktionen, etwa Ahmad Wahidi, seit März 2026 Befehlshaber der IRGC, oder Seyyed Majid Mirahmadi, der bis 2024 stellvertretender iranischer Innenminister für Staatssicherheit und Polizei war.
Auch der ehemalige iranische Polizeichef Hossein Ashtari und der Ex-Chef der polizeilichen Sondereinheiten Hassan Karami werden genannt sowie die beiden IRGC-Kommandanten für die kurdisch besiedelten Teile des Irans, Mohammad Taqi Osanloo und Majid Arjmandfar, und der IRGC-Kommandant Mohammad Nazar Azimi für die Provinzen Kermanscha, Hamadan and Ilam.
In zahlreichen Fällen hätte ihre Ausübung von Gewalt sogar zur Beförderung von Mitgliedern des Regimes geführt, so Amnesty International. Die Menschenrechtsorganisation gibt außerdem an, dass das iranische Regime die von den USA und Israel geführten Angriffe, die Ende Februar 2026 begonnen hatten, als Deckmantel nutze, um noch schärfer gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Gedenken an Jina Mahsa Amini Du bleibst eine von uns
Gastkommentar von Sayan Kouhzad
Vor vier Jahren starb Jina Mahsa Amini in einem Gefängnis in Teheran. Sie hatte nichts verbrochen, nur ihr Kopftuch nicht „ordnungsgemäß“ getragen.
Veränderung in Teherans Stadtbild Der Hidschab bleibt im Kleiderschrank
In Teheran ist dieser Tage kaum noch ein Kopftuch zu sehen. Eine Iranerin berichtet, wie sich die Menschen diese Freiheit erkämpft haben.
Von Teseo La Marca
Feminismus und Aufruhr in Iran Das Rückgrat der Revolution ist weiblich
Oft waren es Frauen, die Umbrüche initiiert haben – und die dann bei der Machtverteilung übergangen wurden. Warum es im Iran anders laufen könnte.
Von Shila Behjat
10 Ausgaben für 10 Euro
Die Wochenzeitung mit taz-Blick
Wir schauen den Superreichen auf die Finger. Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die woanders nicht gehört werden.
- Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
- Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion
Jetzt kennenlernen
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.