Social-Media-Trend: Hyperironisch auf der Banane ausrutschen

Die Accounts @handychillen und @flaschko5 machen Sketches auf Social Media, die weder zynisch noch ironisch wirken. Eine neue Art von Online-Humor?
Foto: Katharina Kausche/dpa
O h, da ist Elmo: als Handpuppe. Zwei Typen gehen mit Sesamstraßen-Handpuppen zu McDonalds, verstellen ihre Stimmen und klingen überhaupt nicht nach Elmo und Co. Die gleichen Typen singen das Intro der Sitcom „Two and a half man“ nach. Dann: Ein Mafiafilm, der nicht wirkt wie eine Parodie, sondern so, als hätten ihn ein paar 12-Jährige in einer Schul-Film-AG produziert. Darauf folgt: Selbstliebe-Content, Businesstipps, ein Manosphere-Podcast-Ausschnitt: „Frauen stellen sich vor den Louis-Vuitton-Store; nicht, um sich eine Tasche zu kaufen, sondern um von einem Mann angesprochen zu werden“. Ein Fiebertraum ist das. Es gibt sogar ein Video, in dem nachgestellt wird, wie jemand auf einer Banane ausrutscht.
Ich chille am Handy und bin auf den Accounts von @handychillen und @flaschko5 hängen geblieben. Sie sind für all die Videos verantwortlich, ballern Instagram und Tiktok voll mit kurzen Sketches und Reenactments. Der Content der beiden Österreicher und ihres Freundeskreises ist so überladen, entwickelt so eine starke Sogwirkung, dass ich für immer online bleiben will. Denn es ist völlig unklar, was als nächstes passiert.
Keine popkulturelle Referenz ist sicher, keine Szene, kein digitales Rattenloch. Die international bekannte Musikerin Sofie Royer springt da rum, Arafat Abou-Chakers Cousin, Ski Aggu, der nichtigste Nischen-Rapper Aachen Demon. Alle sind da, alles ist Pop. Es gibt sogar Shirts mit Handychillen-Prints inklusive Werbevideo, in dem die beiden Ballett tanzen. Warum macht das alles so viel Spaß?
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Diese Videos bedienen einen Online-Humor, der anders ist als der, mit dem ein paar Jahre zuvor Leute wie El Hotzo bekannt geworden sind. Die Videos von @handychillen und @flaschko5 sind weder moralisierend noch zynisch und sie sind auch nicht ironisch. Es geht hier nicht um Augenzwinkern, nicht um erhobene Zeigefinger. Wenn also Manosphere-Podcasts reeanactet werden, dann steht das erst mal gleichwertig neben der Elmo-Handpuppe bei McDonalds und dem auf der Banane ausrutschen.
Die wahren Abgründe
Es gibt keine Einordnung, keine sichtbare Haltung. Doch gerade das macht diese Videos, Gags hin oder her, so stark. Sie funktionieren ja nach dem alten Spiegel-Motto „Sagen, was ist“. Was die beiden aufgreifen und Schicht für Schicht freilegen, ist alles schon da, alles abrufbar, der ganze misogyne Scheiß. Indem diese beiden burschikosen Anti-Bros es nachstellen, zeigt sich erst, was sich da eigentlich für Abgründe auftun.
Ich muss an das Konzept der Hyperironie denken, entwickelt von der Schriftstellerin Charlotte Krafft für Künstler:innen wie den Rapper Moneyboy oder das Kollektiv Frankfurter Hauptschule. Für Leute also, bei denen immer im Raum stand: Meinen die das ernst? Die Hyperironie ist, schreibt Krafft, eine Haltung, die Produzenten und Rezipienten miteinander verbindet und eine neue Kommunikationsebene zwischen den beiden eröffnet.
Und diese Hyperironie bezeichnet nicht den Gegenstand der Kunst, sondern die mögliche innere Haltung des Künstlers sowie des Konsumenten zum Gegenstand. Das passiert auch bei @handychillen und @flaschko5, man muss nur mal in die Kommentarspalten schauen. Alle wissen Bescheid, alle machen mit, alle einigen sich darauf, dass sie ernst nehmen, was sie sehen.
Sie sind Teil der kollektiven Performance, wissen, dass hier Humor passiert, aber tun so, als wäre das alles ganz normaler Alltag. Hyperironie ist ein Modus, in dem das Ich Urlaub machen kann von sich selbst, schreibt Charlotte Krafft und sie hat recht. Ich scrolle weiter, gönne mir Urlaub fürs Gehirn und merke erst danach, wie sehr einige dieser Videos zum kritischen Denken anregen.
Freier Autor und Journalist. Arbeitet zu Gesellschafts-, Kultur- und Medien-Themen, volontierte beim Musikmagazin Juice und an der Evangelischen Journalistenschule, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und wurde 2019 mit dem International Music Journalism Award ausgezeichnet.
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