Schuster fordert klare Positionierung der Linken
ZDFheute: Wie bewerten Sie die Vorgänge um die Linkspartei in Berlin?
Josef Schuster: Die Vorgänge um die Linkspartei, insbesondere in Zusammenhang mit dem Wahlkampf und den Veranstaltungen, sogenannten Wahlpartys, beunruhigen mich in höchstem Maße.
ZDFheute: Auf der Wahlparty der Linken in Berlin trat Ibrahim Ibrahim auf, ein Mann, der den Initiator des Angriffs vom 7. Oktober, den Hamas-Führer Jihia Sinwar, als Märtyrer verehrt und verklärt. Er zeigte sich Arm in Arm mit einem Linken-Bundestagsabgeordneten. Was sagt Ihnen das?
Nach Kritik an Bundestagsabgeordneten Koçaks Kontakt zu einem Mitglied der Familie Remmo traf sich die Berliner Linke am Freitag.
25.09.2026 | 2:13 minSchuster: Das sagt mir genau das: Dass es offensichtlich in Kreisen der Linken Menschen gibt, die eine klare anti-israelische Einstellung und antisemitische Einstellung haben. Und vor allen Dingen erschreckt mich, wenn ich höre, dass der Bundestagsabgeordnete im Moment sein Mandat nur ruhen lässt.
Ich hätte erwartet, dass nach solchen Vorgängen die Fraktion ihn ausschließt.
Josef Schuster, Präsident Zentralrat der Juden
... ist seit November 2014 Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er leitet die wichtigsten Gremien des Zentralrats und vertritt ihn bei Gesprächen mit der Politik, den Medien und anderen Verbänden sowie mit Religionsgemeinschaften. Die Präsidentschaft ist ein Ehrenamt. Schuster studierte Medizin in Würzburg und ließ sich dort 1988 als Internist mit einer eigenen Praxis nieder, die er bis 2020 führte.
ZDFheute: Die Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp hat den Juden ein Schutzversprechen gegeben. Halten Sie das für glaubwürdig?
Schuster: Ich halte es insoweit für glaubwürdig, dass ich glaube, dass es ihre persönliche Einstellung ist. Aber ich habe das Gefühl, dass ihre Einstellung sich nicht mit der Einstellung der gesamten Partei, insbesondere im Berliner Bezirk Neukölln, deckt.
Die Berliner Linke steht nach ihrem Wahlerfolg vor einer schwierigen Debatte: Spitzenkandidatin Elif Eralp hat sich ausdrücklich zum Schutz jüdischen Lebens in der Hauptstadt bekannt.
22.09.2026 | 6:41 minZDFheute: Was fordern Sie von den Berliner Linken und überhaupt auch von der Linken-Bundesspitze?
Schuster: Ich fordere eine klare Abkehr von jeder Art von Antisemitismus, und zwar nicht nur mit Lippenbekenntnissen, sondern auch mit Taten.
Es kann einfach nicht sein, dass Menschen mit klarem antisemitischem Gedankengut bei Veranstaltungen der Linken auftreten, ohne dass hieraus irgendwelche Konsequenzen gezogen werden.
Josef Schuster, Präsident Zentralrat der Juden
Mehr zum Thema Antisemitismus gibt es am Sonntag ab 19:10 Uhr bei Berlin direkt. Gesprächsgast ist Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) zum Thema: CDU in Aufruhr. Moderiert wird die Sendung von Wulf Schmiese.
ZDFheute: Was sind Ihre Erwartungen an SPD und Grüne, die mit den Linken in Berlin eine Regierung bilden könnten?
Schuster: Ich hoffe, dass es klar ist: Mit einer Partei, die sich nur mit Lippenbekenntnissen gegen Antisemitismus ausspricht, aber in ihrem Handeln und ihren Taten, insbesondere auch in ihren Untergruppierungen, nicht entsprechend handelt, kann ich mir eine Koalition auf demokratischer Ebene nicht vorstellen.
Die Berliner Linke berät auf ihrem Parteitag über den Kurs für Sondierungsgespräche. Zwei Regierungsbündnisse sind möglich: Linke, Grüne und SPD - oder CDU, Grüne und SPD. Stephan Merseburger berichtet.
25.09.2026 | 1:09 minZDFheute: Sind Juden, ist jüdisches Leben in Deutschland wieder in Gefahr?
Schuster: Ganz genau.
Jüdisches Leben in Deutschland ist in den letzten Jahren, insbesondere seit dem 7. Oktober 2023, deutlich mehr und erheblich bedroht, von links, von rechts, von islamistischer Seite.
Josef Schuster, Präsident Zentralrat der Juden
Das macht nicht nur mir persönlich Sorgen, sondern es gibt vermehrt Stimmen, die sich äußern, inwieweit oder wie lange noch jüdisches Leben in Deutschland überhaupt möglich sein wird.
ZDFheute: Was ist Ihre Erwartung an die Politik allgemein, um diese Stimmung, die seit den Pogromen sich verdichtet hat, um diese Stimmung wieder wegzukriegen?
Schuster: Ich glaube, es geht darum, dass die Parteien der demokratischen Mitte, und zwar gar nicht unbedingt gezielt, gegen Antisemitismus vorgehen, das sollten sie natürlich auch, sondern in ihrem politischen Handeln wieder auf das achten, wo der Bevölkerung der Schuh drückt. Und vor allen Dingen: In Koalitionen immer mit einer Stimme sprechen. Wenn Koalitionen auf offener Bühne miteinander streiten, führt das zu einer Politikverdrossenheit, wie wir sie im Moment sehen.
Das Interview führte Lars Bohnsack, Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio.
Über dieses Thema berichteten verschiedene Sendungen, etwa das ZDFmittagsmagazin am 25.09.2026 ab 12 Uhr und die ZDFheute-Nachrichten am 25.09.2026 ab 19 Uhr. Über dieses Thema berichtet zudem Berlin direkt am 27.09.2026 ab 19:10 Uhr.
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