Neue Intendanz Schauspielhaus Düsseldorf: Kleist ist sein Lieblingsautor

Am Düsseldorfer Schauspielhaus gelingt dem neuen Intendanten Andreas Karlaganis ein imponierender Auftakt. Er setzt auf Experiment und auf Kontinuität.
Zehn Jahre lang war Wilfried Schulz Intendant am Düsseldorfer Schauspielhaus. Es war eine prägende Ära, denn nie in der Geschichte des eleganten Hauses am Gustav-Gründgens-Platz musste ein Intendant innerhalb von so kurzer Zeit so viele Krisen meistern. Es ging schon damit los, dass Schulz erschwerte Bedingungen vorfand, als er im Herbst 2016 die Intendanz übernahm, denn der nachkriegsmoderne Bau des Düsseldorfer Architekten Bernhard Pfau mit seinen geschwungenen, weißen Fassaden war wegen dringend notwendiger Sanierungen geschlossen.
Die erste Premiere fand daher in einem Zirkuszelt an der Königsallee statt: Das älteste erhaltene Schriftdrama der Menschheit, „Gilgamesh“, inszeniert vom damaligen Hausregisseur Roger Vontobel als trashige Musical-Revue mit Hip-Hop und Urschlamm auf dem Zeltboden. Neben Christian Erdmann wütete André Kaczmarzcyk durch den spektakulären, bewusst niederschwelligen Abend. Kaczmarzcyk entwickelte sich in der Schulz-Ära später zum Star des Ensembles, der sich viele Alleingänge erlauben konnte und zum genderfluiden Kommissar im TV-Krimi „Polizeiruf 110“ aufstieg.
Drei Jahre musste Schulz in Provisorien spielen, die Probebühne am Bahnhof, „Central“ genannt, wurde zur Hauptspielstätte. Nach der Sanierung wurde das Central als zweites Haus etabliert, für das Junge Schauspiel und die Bürgerbühne, heute Stadt:Kollektiv. Schulz öffnete das vorher mit schwachem Profil vor sich hindümpelnde Haus entschlossen in die Stadt hinein. Er produzierte unermüdlich, nicht immer Bedeutendes, aber das Programm kam zunehmend gut an. Außerdem holte er den großen Bob Wilson ans Haus, der Düsseldorf mehrere legendäre Produktionen bescherte.
Auch die Pandemie mit ihren Lockdowns meisterte Schulz mit dem ihm eigenen Geschick, der zunehmenden Radikalisierung der Gesellschaft begegnete er mit eisernem Willen, das Theater zu demokratisieren und weiter zu öffnen. Unter dem Label „D’haus“ brachte er das Haus zu einer Auslastung von über 85 Prozent. Bob Wilsons „Sandmann“, 2017 einstudiert, führt mit 57.149 Zuschauer*innen in 82 ausverkauften Vorstellungen die Rangfolge der Produktionen an.
Der neue Intendant übernimmt ein gut bestelltes Haus
Ein gut bestelltes Haus also, das der neue Generalintendant Andreas Karlaganis mit Beginn der Spielzeit übernommen hat. Bob Wilsons „Sandmann“ lässt er klugerweise weiterspielen, er setzt also nicht auf einen harten Bruch mit der Ära seines Vorgängers. Karlaganis ist ein erfahrener Theatermann, der bislang in der zweiten Reihe, aber an allerersten Adressen arbeitete. Vor seiner Designierung für das Düsseldorfer Amt ging sein Werdegang über die Berliner Schaubühne, das Münchner Residenztheater und das Zürcher Schauspielhaus bis ans Wiener Burgtheater, wo er zuletzt stellvertretender künstlerischer Direktor war.
Foto: Thomas Rabsch
Seine Netzwerke nutzt er nun ebenso wie den guten Ruf des Düsseldorfer Hauses, um einige Star-Schauspieler*innen ans Haus zu holen oder zurückzuholen, wie etwa Christoph Luser oder die als Dortmunder „Tatort“-Kommissarin berühmt gewordene Anna Schudt.
Der Spielzeit-Start und damit die Signatur-Produktion für Karlaganis’ ästhetischen Neustart aber gehört wiederum – wie bei Schulz vor zehn Jahren – André Kaczmarzcyk, der in Heinrich von Kleists letztem Drama, „Prinz Friedrich von Homburg“, nun die Titelrolle spielt. Die Entscheidung einer solchen Besetzung ist weit mehr als nur ein cleverer Schachzug von Karlaganis, um das Publikum durch den Publikumsliebling mit Ulrich Rasches hoch anspruchsvoller, sperriger Inszenierung zu versöhnen. Denn André Kaczmarzcyk findet in Rasches Regie zu neuer Höchstform, ein idealer Kleist-Schauspieler, zugleich gefesselt und befreit von Ulrich Rasches gnadenlos strenger Choreografie.
Mit Kleist setzt Karlaganis auch eine inhaltliche Signatur, sein erklärter Lieblingsautor Kleist gilt als schwierig, erst recht sein letztes, rätselhaftes Drama, das irrlichternd um Fragen der Pflicht und des Gehorsams, um Militarismus und Nationalismus kreist. Wie immer hat Ulrich Rasche als sein eigener Bühnenbildner einen kargen Raum mit einer Reihe von fragilen Lichtstäben gebaut, in dem die Figuren sich auf der dauerkreisenden Drehbühne in abgezirkelten Schritten bewegen.
Sie laufen an gegen innere Widerstände, der Sprechakt selbst ist ein physischer, energetischer. Der Prinz ist ein Träumer und radikaler Freidenker zugleich. Kaczmarzcyk spielt ihn wie in hellsichtiger Trance, mit Emphase und zugleich entrückt. Rasche stellt ihm mit Yannik Stöbener einen Doppelgänger an die Seite, der das dem Prinzen drohende Todesurteil bereits erlitten zu haben scheint, beide umkreisen einander, bis der Prinz das Gericht seines Fürsten annimmt und begnadigt und erhöht wird.
Kein leicht konsumierbares Theater
Neben Kaczmarzcyk glänzen in Rasches wie auf Millimeterpapier ausgerechneter Regie, die zugleich rhythmisierte Choreografie und Text-Hochamt ist, starke und äußerst präsente Schauspieler*innen: Lucia Kotikova als Natalie, Patrycia Ziolkowska als kalt-souveräner Kurfürst, Christoph Luser als hitziger Obrist Kottwitz und Patrick Güldenberg als Graf Hohenzollern. Rasche gelingt ein hoch poetischer und psychologisch brillanter Abend und Andreas Karlaganis ein Einstand mit Ausrufezeichen. Denn das ist kein leicht konsumierbares Theater und erst recht kein Abend mit leichter Sprache.
Die folgenden Neuinszenierungen im Großen Haus erreichen das künstlerische Niveau von Rasches atemberaubenden Kleist-Ritual nicht, aber sie verhandeln große Stoffe und verraten, dass der Intendant formale Experimente schätzt. Wenn etwa Regisseurin Lucia Bihler Federico García Lorcas „Bernarda Albas Haus“ in der etwas albernen Neufassung von Alice Birch in ein surreales Horror-Puppenhaus verlegt und die fünf eingesperrten Töchter in grell-grüne Kinderkleidchen steckt sowie mit riesigen Propeller-Haarschleifen bekrönt. Auch dies ist ein streng choreografierter, musikalisch durchgetakteter und schauspielerisch virtuoser Abend.
Musik spielt auch in Barbara Freys Regie von Anton Tschechows „Die Möwe“ eine tragende Rolle: Ein altes Transistorradio springt immer wieder scheinbar willkürlich an, knisternd sind mal Passagen aus Bachs „Italienischem Konzert“, mal sentimentale Schlager zu hören. Frey inszeniert routiniert, das spielfreudige Ensemble wird angeführt von Anna Schudts launenhafter Arkadina, der Abend unterhält, stimmt nachdenklich, aber er erreicht nicht ganz die Fallhöhe, die Tschechows zwischen Komödie und Tragödie oszillierende Kunst ausmacht. Dennoch: ein insgesamt imponierender Auftakt für Andreas Karlanganis.
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Von Regine Müller
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