Palästinenser bitten um Hilfe: Israels Armee startet Großeinsatz in Hebron

Palästinenser bitten um HilfeIsraels Armee startet Großeinsatz in Hebron
24.10.2026, 14:51 Uhr
Nach dem tödlichen Angriff auf zwei Soldaten startet die israelische Armee einen umfangreichen Einsatz im Westjordanland. Hunderte palästinensische Familien in der Stadt Hebron müssen ihre Häuser verlassen. Der Gouverneur von Hebron spricht von einer kollektiven Bestrafung der Zivilbevölkerung.
Wenige Tage vor der Parlamentswahl in Israel ist die israelische Armee auf Anweisung von Regierungschef Benjamin Netanjahu in die Stadt Hebron im besetzten Westjordanland vorgedrungen. Es fänden "präzise, gezielte und gründliche Durchsuchungen" statt, teilte die israelische Armee mit. Die "Anti-Terror-Einsätze" würden "voraussichtlich mehrere Tage andauern". Palästinensische Behörden erklärten, rund 250 Familien seien vertrieben worden.
Die palästinensische Autonomiebehörde rief die internationale Gemeinschaft auf, wegen des Vorgehens israelischer Sicherheitskräfte einzugreifen. Nach Angaben der Autonomiebehörde stellen die Maßnahmen im Raum Hebron eine Kollektivstrafe dar. Diese Eskalation werde niemandem Sicherheit oder Frieden bringen, sondern nur weitere Spannungen schüren, hieß es.
Nach dem Tod von zwei Soldaten bei einem Angriff bewaffneter Palästinenser hatte Netanjahu eine "vollständige Abriegelung" des Palästinensergebiets angeordnet. Die israelische Armee und der Inlandsgeheimdienst Shin Bet sprachen von Einsätzen an Dutzenden Orten. Sicherheitskräfte durchsuchten demnach im Raum Hebron Ziele und nahmen Befragungen vor, um "terroristische Infrastruktur zu lokalisieren und zu zerschlagen". Die Sicherheitskräfte rissen außerdem "illegale Strukturen ab, die eine Sicherheitsbedrohung darstellen könnten".
Im Stadtteil Ein Dir Baha in Hebron waren Gebäude mit "X" markiert, um anzuzeigen, dass sie von Menschen geräumt worden sind. Die Straßen in dem Gebiet waren wie ausgestorben. An einem Haus, das offenbar von Soldaten übernommen worden war, hing eine israelische Flagge.
Gouverneur: Rund ein Drittel von Hebron im Visier
Rund ein Drittel von Hebron sei ins Visier genommen worden, teilte der Gouverneur von Hebron, Chaled Dudin, mit. "Sie haben in dem Viertel angefangen, aus dem die Menschen kamen, die den Angriff ausgeführt haben, aber es gibt keine Garantie, dass der Einsatz nicht ausgeweitet wird", sagte er. "Das kommt einer kollektiven Bestrafung von Zivilisten gleich, die überhaupt nichts damit zu tun haben", fügte er hinzu.
Dudin zufolge wurden 150 Familien vertrieben. Der Bürgermeister von Hebron, Jussef al-Dschaabari, und der palästinensische Aktivist Issa Amro bezifferten die Zahl auf 250. "Wir werden ihnen Unterkünfte besorgen und diesen Menschen alle Hilfe zukommen lassen, die sie benötigen", sagte al-Dschaabari der Nachrichtenagentur AFP mit Blick auf die Vertriebenen.
Zwei Angreifer hatten am Freitagmorgen an einem Kontrollpunkt nahe Hebron mit einer Pistole und einem automatischen Gewehr das Feuer auf israelische Soldaten eröffnet. Sie töteten nach Armeeangaben zwei 20 und 23 Jahre alte Soldaten und verletzten drei weitere, bevor sie erschossen wurden. Die radikalislamische Palästinenserorganisation Hamas begrüßte den tödlichen Angriff gegen die israelischen Soldaten als "heldenhafte Operation", bekannte sich aber nicht dazu.
Netanjahu: Militäroffensive wie seit Sechstagekrieg nicht mehr
Nach dem Angriff stellte Netanjahu eine Militäroffensive in Aussicht, wie es sie seit dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 nicht gegeben habe. Netanjahus rechtsextremer Finanzminister Bezalel Smotrich verlangte eine Militäroffensive im Westjordanland "genau wie im Gazastreifen". In Israel wird am Dienstag ein neues Parlament gewählt. Netanjahu strebt dabei eine weitere Amtszeit an.
Netanjahu kündigte außerdem eine "sehr große Überraschung" für die Palästinensische Autonomiebehörde an. In einem Interview mit dem israelischen Sender i24News wich er zwar einer direkten Antwort aus, als er gefragt wurde, ob er die Palästinenserbehörde zerschlagen werde. Der israelische Regierungschef sagte jedoch: "Ich werde diese Bedrohung mit Mitteln neutralisieren, von denen ich denke, dass sie im Moment besser ungenannt bleiben."
Nach dem Angriff am Freitag hatten bereits Smotrich und Israels rechtsextremer Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir die Auflösung und Entmilitarisierung der Palästinenserbehörde gefordert. "Wir dürfen nicht warten, bis sich ein 7. Oktober im Westjordanland ereignet", warnte Ben Gvir. Hinweise darauf, dass die Autonomiebehörde an dem Massaker vom 7. Oktober 2023 beteiligt war, liegen nicht vor.
Zunehmende Spannungen nach Siedlerangriffen
Israel hält das Westjordanland seit dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 besetzt. Dort leben etwa drei Millionen Palästinenser und mehr als 500.000 israelische Siedler, deren Siedlungen nach dem Völkerrecht illegal sind. Hebron ist in einen palästinensisch verwalteten und einen von der israelischen Armee kontrollierten Teil mit israelischen Siedlern aufgeteilt. Zuletzt verschärften Siedlerangriffe auf palästinensische Olivenbauern die Spannungen.
Seit dem Hamas-Großangriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 wurden im Westjordanland nach palästinensischen Gesundheitsdaten mindestens 1113 Palästinenser getötet, die meisten von ihnen durch israelische Soldaten. Nach UN-Angaben waren darunter 37 von Siedlern getötete Menschen. Israelischen Angaben zufolge kamen im selben Zeitraum mindestens 49 Israelis ums Leben.
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