Die Wahrheit: Glückliche Geldschneider

Auf der Immocation in Leipzig treffen sich wieder der Wucher-Schorsch und andere Größen der Mietabzocke.
Es geht kommenden Samstag sicher erneut los mit einem Feuerwerk. Es knallt und leuchtet dann wie letztes Jahr bei der Eröffnungszeremonie des Immocation Festivals in der Messehalle Leipzig, wo die Wahrheit vor Ort war. Ein mit KI generiertes Video wird abgespult werden, in dem lauter Menschen mit glücklichen Gesichtern zwischen schicken Häusern und großen Autos zu sehen sind.
„Welcome to Cashflow City!“, dröhnt eine Stimme durch den Saal, und ein Redner betritt die Bühne. „Schön, dass ihr alle hier seid“, ruft er, „viele von euch sind bereits Bewohner unserer Stadt, wo das Geld von den Dächern regnet. Ein Hallo an euch! Und andere sind hier, um Teil unserer Gemeinde zu werden. Gratulation, dass ihr euch dafür entschieden habt. In den nächsten zwei Tagen werdet ihr erfahren, wie auch ihr mit Immobilien reich werdet.“
Veranstaltungen wie die Immocation richten sich an Privatinvestoren, die netzwerken und mitmischen wollen auf dem Immobilienmarkt. Angesprochen wird dabei nicht die Generation Bausparvertrag, sondern man richtet sich vornehmlich an junge Männer, die vom schnellen Geld träumen.
Influencer preisen nicht mehr nur ihre todsicheren Deals mit Aktien oder Kryptowährungen an, sondern geben Tipps, wie man möglichst schnell zum Immo-Millionär wird. Guru der Bewegung ist Gerald Hörhan aus Wien, der sich selbst „Investment Punk“ nennt, dementsprechend sein schütteres Haar zu einer Art Iro zurechtkämmt und mit seiner sogenannten „Academy“ stets auf Veranstaltungen wie der in Leipzig vertreten ist. Sein letztes Buch: „Der Einzimmer-Millionär. Wie du gar nicht mehr verhindern kannst reich zu werden“.
Abzocker unter ihresgleichen
Wer auch hier ist: Sven Schwarzat. Der ist Mitte dreißig und war bereits Protagonist diverser Dokumentationen, in denen es um besonders dreiste Abzocke durch die Schwarzat Capital GmbH von Mietern und Mieterinnen in Leipzig geht. Normalerweise ist er für Interviews nicht zu haben, für die taz macht er nun eine Ausnahme. Man könne ihn hier auf der Immocation einmal unter seinesgleichen erleben, schreibt er im Vorfeld per E-Mail.
Schwarzat war Pionier darin, Studenten-WGs zu „optimieren“. Durch selbst eingezogene Trennwände wird aus einer Wohnung mit vier Zimmern eine mit acht. Nicht mehr die Quadratmeter bestimmen den Mietpreis, sondern die Willkür des Vermieters.
Konfrontiert man Schwarzat damit, bleibt er völlig gelassen. Inzwischen sei diese Praxis ja gang und gäbe, sagt er bei unserem Treffen in einer kleinen Sektbar auf der Immocation. Er sei gerade an einem Messestand vorbeigekommen, wo eine Software angeboten werde, die Wohnungen in sämtlichen nur erdenkbaren Konstellationen ganz neu entwerfe und aufteile, Maximalrendite garantiert. „Die macht das besser als ich in meinen besten Zeiten“, sagt Schwarzat beinahe wehmütig.
Hinein ins Festivalgetümmel. Aussteller sind Steuerberater, Projektentwicker, all diejenigen eben, die man halt so braucht auf dem Weg nach ganz oben im Immo-Business. Lage, Lage, Lage ist gut, dazu noch Steuern vermeiden besser.
Ikea und XXXLutz sind auch da. Für die Ausstattung möblierter Zimmer mit Fantasiemieten, aktuell der Megatrend in der Immoszene. Und eine Firma aus Luxemburg bietet Briefkästen an, das Luxusmodell hat Platz für bis zu 100 Adressschildchen.
Rausekeln von Mietern
In einem Workshop, in dem man zufällig landet, wird gerade thematisiert, wie man Mieter mit nervigen Altmietverträgen rausekelt, die beim geplanten Verkauf der Wohnung nur stören. Ratten aussetzen oder Baustellenlärm fingieren, das müsse gar nicht sein, rät der Coach dem interessierten Publikum. Meist gehe es hier ja um Altbauten, da gehe immer mal etwas kaputt oder die Heizung falle aus. Und dann, so sein Ratschlag: Einfach gar nichts tun und auf keine noch so flehentliche Mail reagieren.
„Man muss dann hart bleiben. Mitleid ist der Feind der Rendite“, so der Coach. Erst dann, wenn das ganze Nichtstun die Mieter nicht kapitulieren lässt, solle man sich mit „etwas schmutzigeren Methoden“ beschäftigen.
Genau für solche praxisnahen Tipps sei das Festival optimal, meint auf der Abschlussparty ein Investor, der mit seinem Kumpel extra aus Stuttgart angereist ist. Der eine nennt sich Immo-Karl, der andere Wucher-Schorsch, man hat in der Szene auch Sinn für Selbstironie. Irgendwann geht es über Berlin und die dortigen Enteignungspläne. Der, der sich Wucher-Schorsch nennt, fängt an zu lachen.
„Schau dich um“, sagt er, „die Stimmung ist prächtig. Bei uns fließt das Geld, wir sind agil, die anderen träge. Schließ dich uns an, oder bleib Mieter und geh unter.“
Sven Schwarzat ist auch noch hier, umringt von aufgeregten jungen Männern, die aussehen, als wollten sie sich für eine seiner Studenten-WGs bewerben. Sie wollen alle Autogramme von ihm. Das Feuerwerk geht weiter.
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