Darum schmeckt Essen im Flugzeug plötzlich ganz anders

Über den Wolken
Darum schmeckt Essen im Flugzeug plötzlich ganz anders
Das Lieblingsessen schmeckt über den Wolken oft fad, Kaffee wirkt bitter und Süsses weniger süss. Das liegt nicht nur am Flugzeugessen selbst. Forscher haben herausgefunden, dass ausgerechnet der Lärm an Bord unsere Geschmackswahrnehmung beeinflussen kann.
Publiziert: vor 32 Minuten
Wer schon einmal im Flugzeug gegessen hat, kennt das Phänomen: Auf dem Boden schmeckt das Sandwich ganz ordentlich, über den Wolken plötzlich ziemlich langweilig. Auch ein Tomatensaft oder ein Glas Wein kann anders wirken als gewohnt. Ist das Essen an Bord tatsächlich schlechter?
Nicht unbedingt. Ein Teil des Problems sitzt nämlich im eigenen Kopf – genauer gesagt: bei Nase, Zunge und Gehirn.
Der überraschende Übeltäter sitzt direkt neben uns
Ein wichtiger Faktor ist der konstante Lärm in der Kabine. Triebwerke, Klimaanlage und die Geräusche der Mitreisenden erzeugen einen dauerhaften Geräuschpegel. Der britische Psychologe und Geschmacksforscher Charles Spence von der Universität Oxford untersuchte bereits vor Jahren, wie sich dieser Lärm auf die Wahrnehmung von Lebensmitteln auswirkt.
Das Ergebnis: Bestimmte Geschmäcker werden durch laute Geräusche schwächer wahrgenommen. Dazu gehört insbesondere die Süsse. Gleichzeitig kann der Geschmack Umami, der etwa in Tomaten, Pilzen, Parmesan oder Fleisch vorkommt, unter bestimmten Bedingungen stärker hervortreten.
Das erklärt auch, warum Tomatensaft im Flugzeug für viele Menschen plötzlich besonders gut schmeckt. Die würzige Umami-Note kommt unter den Bedingungen an Bord besser zur Geltung als feine süsse Aromen.
Auch die Luft in der Kabine verändert den Geschmack
Der Lärm ist allerdings nicht der einzige Grund. In Reiseflughöhe herrschen andere Bedingungen als am Boden. Der Kabinendruck ist niedriger als auf Meereshöhe und die Luft sehr trocken.
Das beeinflusst vor allem unseren Geruchssinn. Und der ist entscheidend dafür, wie wir Geschmack wahrnehmen. Was wir als «Geschmack» bezeichnen, entsteht nämlich zu einem grossen Teil aus dem Zusammenspiel von Zunge und Nase.
Durch die trockene Kabinenluft können Schleimhäute und Nase weniger feucht sein. Gleichzeitig nimmt die reduzierte Luftfeuchtigkeit Einfluss darauf, wie intensiv wir Aromen wahrnehmen. Dadurch können Speisen und Getränke weniger aromatisch erscheinen.
Auch Salz und Süsse werden unter den Bedingungen an Bord häufig weniger intensiv wahrgenommen. Für die Fluggesellschaften ist das eine Herausforderung: Ein Gericht, das am Boden perfekt abgeschmeckt ist, kann in der Luft plötzlich fad wirken.
Deshalb wird im Flugzeug anders gekocht
Airlines berücksichtigen diese Effekte bei der Zusammenstellung ihrer Menüs. Statt ausschliesslich auf feine und dezente Aromen zu setzen, kommen häufig Zutaten zum Einsatz, die auch unter den veränderten Bedingungen gut zur Geltung kommen.
Dazu gehören beispielsweise Tomaten, Pilze, Parmesan, Gewürze und andere Zutaten mit einem ausgeprägten Umami-Geschmack. Auch Säure und bestimmte Gewürze können einem Gericht mehr Charakter verleihen.
Das Essen wird deshalb nicht einfach kräftiger gesalzen. Denn zu viel Salz würde am Boden schnell unangenehm schmecken. Stattdessen versuchen Köche, verschiedene Geschmacksrichtungen so miteinander zu kombinieren, dass das Gericht auch in der Luft ausgewogen bleibt.
Sogar Musik kann beeinflussen, wie etwas schmeckt
Dass Geräusche unser Geschmackserlebnis verändern können, geht sogar noch weiter. In Experimenten von Charles Spence und seinem Team zeigte sich, dass unterschiedliche Klänge die Wahrnehmung von Geschmäckern beeinflussen können.
Höhere Töne wurden beispielsweise mit süsseren Eindrücken in Verbindung gebracht, tiefere Töne eher mit bitteren. Auch das Geräusch beim Kauen oder Knuspern kann beeinflussen, wie wir ein Lebensmittel beurteilen.
British Airways experimentierte deshalb einst sogar mit Musik, die Passagiere während des Essens hören konnten. Die Idee dahinter: Die richtige akustische Umgebung sollte das Geschmackserlebnis verbessern.
Das Flugzeugessen ist also nicht zwingend schuld
Wenn das Menü auf dem nächsten Langstreckenflug etwas fad schmeckt, muss es also nicht automatisch an der Bordküche liegen. Unser Geschmackssinn arbeitet in 10'000 Metern Höhe schlicht unter anderen Bedingungen.
Lärm, trockene Luft, Kabinendruck und eine veränderte Wahrnehmung von Gerüchen und Geschmäckern kommen zusammen. Das Ergebnis: Ein Gericht kann am Boden ganz anders schmecken als über den Wolken.
Und vielleicht erklärt das auch, warum manche Getränke im Flugzeug plötzlich besonders gut funktionieren. Tomatensaft etwa bringt genau jene kräftige Umami-Note mit, die von den Bedingungen an Bord weniger stark beeinträchtigt wird.
Der nächste Becher Tomatensaft ist also womöglich kein Zufall – sondern ein kleines Beispiel dafür, wie sehr unsere Umgebung bestimmt, was wir schmecken.
Dieser Artikel stammt vom polnischen Nachrichtenportal Fakt.pl, welches zu Ringier Medien gehört.
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