Zwischen Berlin und Nahost – Politologe: «Das war kein Kampf für die Befreiung»

Antisemitismus bei der Linken, der Gaza-Film «Naza» und die Wahl in Israel: Der palästinensisch-israelische Psychologe und Autor Ahmad Mansour beschäftigt sich seit Jahren mit Antisemitismus und Islamismus.
Ahmad Mansour
Psychologe, Autor und Publizist
Ahmad Mansour wurde 1976 als Palästinenser in Israel geboren. Seine Kindheit verbrachte er oft in Gaza. Seit 2004 lebt er in Berlin. Er ist Psychologe, Autor und Publizist. Bekannt ist er vor allem für seine Arbeit zu Themen wie Integration, Islamismus, Radikalisierung und Antisemitismus. Ausserdem engagiert er sich in der Präventions- und Bildungsarbeit.
SRF: Die Linke in Berlin steht im Kreuzfeuer der Antisemitismuskritik. Wie gross ist das Problem?
Ahmad Mansour: Das Problem ist strukturell. Die Linke ist in Berlin nicht trotz, sondern vor allem wegen Antisemitismus Wahlsiegerin geworden. Die Reflexionsfähigkeit ist kaum vorhanden. Wenn wir über Rechtsextremismus sprechen, ist alles klar. Wenn es aber um Radikalisierung von links geht, reden wir immer von Einzelfällen.
Kritikerinnen und Kritiker sagen, der Antisemitismusvorwurf werde politisch instrumentalisiert, um die Linke von der Macht fernzuhalten. Was halten Sie davon?
Das ist eine billige Vereinfachung. Man muss nur schauen, wer für die Linke kandidiert hat. Da geht es nicht um Einzelfälle, sondern um eine Struktur, die kein Problem damit hat, die Hamas als Freiheitskämpfer zu bezeichnen, den 7. Oktober zu relativieren und das Existenzrecht Israels infrage zu stellen. Reden kann jeder, aber das Handeln fehlt. Wo sind die Konsequenzen?
Ich habe nicht Israel in seinem Kampf gegen die Menschen in Gaza verteidigt, sondern in seinem Kampf gegen den Terror.
Wenn Sie heute auf das grosse Leid in Gaza schauen: Hat sich Ihre Haltung seit dem 7. Oktober verändert?
Nein, definitiv nicht. Ich habe nicht Israel in seinem Kampf gegen die Menschen in Gaza verteidigt, sondern in seinem Kampf gegen den Terror. Das, was ich am 7. Oktober von der Hamas gesehen habe, hat mich schockiert. Das war kein Kampf für die Befreiung. Das war Vergewaltigung und Ermordung von Kindern.
Der Dokumentarfilm «Naza» über die israelische Kriegsführung in Gaza wird heftig diskutiert. Wie beurteilen Sie ihn?
Das ist Einseitigkeit. Zur Wahrheit gehört auch eine andere Seite, die im Film nicht gezeigt wird. Israel führt einen Krieg gegen eine Terrororganisation, die sich in Schulen und Spitälern versteckt und in Kauf nimmt, dass zivile Opfer fallen, weil sie daraus politisches Kapital schlagen kann.
Manchmal habe ich das Gefühl, wir haben vergessen, dass all das, was seit dem 7. Oktober passiert, nur passiert, weil eine Terrororganisation entschieden hat, massenhaft Menschen in ihren Betten zu ermorden.
Ihre Hauptkritik ist also die fehlende Darstellung der Ursache?
Absolut. Manchmal habe ich das Gefühl, wir haben vergessen, dass all das, was seit dem 7. Oktober passiert, nur passiert, weil eine Terrororganisation entschieden hat, massenhaft Menschen in ihren Betten zu ermorden. Das ist die Ursache für all das. Wenn das ausgeblendet wird, sieht man nicht die ganze Realität.
In einem Monat wählt Israel. Was steht für die israelische Gesellschaft auf dem Spiel?
Es sind die wichtigsten Wahlen seit 1948. Aber das alles Entscheidende ist die Notwendigkeit, dass die Regierung Netanjahu Verantwortung für das übernimmt, was am 7. Oktober passiert ist.
Wird Netanjahu abgewählt?
Die Israelis haben noch nie einem Minister verziehen, der bei der Sicherheit derart versagt hat. Deshalb sehe ich heute grosse Chancen, dass Netanjahu abgewählt wird. Ich werde selbst nach Israel fliegen, um zu wählen.
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