Sonne für Wein und Netz – Erstmals in der Schweiz: Solarstrom direkt aus dem Rebberg

Wer am Südhang in Sissach im Baselbiet spazieren geht, entdeckt mitten in den Rebzeilen dunkle Solarzellen. Manche liegen flach über den Rebstöcken montiert, andere stehen senkrecht im Laub.
Das Bild ist ein schweizweites Novum: Agri-Photovoltaik im Weinbau. Auf 250 Quadratmetern testet ein Forschungsteam auf leichten Holz- und Stahlträgern, wie sich Stromproduktion und Traubenreife vertragen.
Landwirt und Winzer Daniel Wiedmer probiert gerne Neues aus. Deshalb stehen Solarpanels bei ihm nicht mehr nur auf dem Scheunendach, sondern neu auch über den Rebstöcken. «Der Nutzen ist riesig: Die Reben haben Schatten, und gleichzeitig produzieren wir Strom», so Wiedmer.
Ausgerechnet Schatten im sonnenhungrigen Rebberg: Was paradox klingt, zeigt den Klimawandel drastisch auf. «Vor 20 oder 30 Jahren hatten wir in der Deutschschweiz oft Angst, dass die Sonne nicht reicht», erinnert sich Urs Weingartner, Leiter der Rebbaufachstelle beider Basel und Solothurn. «Heute sehen wir das Gegenteil.»
Hitze trocknet Böden aus und verbrennt die Trauben; dazu häufen sich Hagelzüge. Hier wirken die Module als Schutzschild gegen Unwetter und bremsen die Verdunstung, erklärt Weingartner.
Schutz für die feinen Aromen
Auch aus önologischer Sicht verspricht der künstliche Schatten entscheidende Vorteile: Wenn die Temperaturen im Rebberg in die Höhe klettern, gerät die Reifung der Trauben aus dem Gleichgewicht.
Wird es zu heiss, baut die Pflanze wichtige Stoffe und Aromen ab, die wir am Ende eigentlich im Wein drin haben möchten.
Hier können die Solardächer gegensteuern. «Die Verdunstung von Boden und Reben wird reduziert. Das spart nicht nur wertvolles Wasser, sondern bremst auch den Hitzestress», erklärt Linnéa Hauenstein von der Gruppe Weinbau am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick. «Wird es zu heiss, baut die Pflanze wichtige Stoffe und Aromen ab, die wir am Ende eigentlich im Wein drin haben möchten.»
Für das FiBL kommt der Pilotversuch zur richtigen Zeit. «Der Klimawandel beschäftigt uns im Weinbau seit Jahren stark: Es jagen sich inzwischen die Ausnahmejahre», sagt Hauenstein mit Blick auf die zunehmenden Hitze- und Trockenperioden.
Die Erwartungen an den Sissacher Hang sind entsprechend hoch: «Wir haben am Institut bereits ein ähnliches Projekt im Obstbau und kennen erste positive Resultate von Forschungskollegen aus Deutschland. Deshalb setzen wir grosse Hoffnungen in diesen Schweizer Versuch.»
Stromproduktion gegen die Mittagsspitze
Getestet werden acht Anordnungen. Für Energieversorger sind vor allem senkrechte Module spannend: Sie liefern morgens und spätnachmittags Strom – mittags kaum. «Das hilft, die Mittagsspitze im Netz nicht weiter hochzutreiben», sagt Stephan Jurt von der Elektra Sissach.
Eine Schönheit ist die Anlage nicht, man muss sich daran gewöhnen.
Für Winzer Daniel Wiedmer fällt das Zwischenfazit positiv aus, auch wenn Anpassungen nötig sind: Das Einkürzen der Triebe oben geht maschinell nicht mehr und verlangt Handarbeit. Auch die Ästhetik bleibt ein Thema: «Eine Schönheit ist die Anlage nicht, man muss sich daran gewöhnen.»
Seit dem Start im Mai wurden 5,75 Megawattstunden Strom erzeugt – etwa eineinhalbmal so viel, wie ein Vierpersonenhaushalt pro Jahr verbraucht. Der Pilotversuch auf dem Hof in Sissach läuft noch bis übernächstes Jahr.
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