Bundeskanzler im Wartestand? Hendrik Wüst trifft Erdogan
Gleich beim ersten Termin seiner Reise in die Türkei wird Hendrik Wüst, 51 Jahre alt, CDU, Chef einer Koalition von Konservativen und Grünen in Nordrhein-Westfalen, landestypisch begrüßt: mit einem "Detox-Wasser" mit Minze und Gurke. Wüst nimmt das Getränk würdevoll entgegen. Er weiß: Im Moment ist er vor allem in Deutschland bekannt als der Mann, der Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nicht stürzen will. Und der gerade deswegen hohe Aufmerksamkeit auf sich zieht. Da muss jede Geste sitzen.
Kanzler Merz hat zuletzt drei Landtagswahlen in Folge mit seinen Konservativen krachend verloren, die teilweise rechtsextreme "Alternative für Deutschland" (AfD) ist der CDU in den Umfragen enteilt. Schon gibt es Gerüchte, Merz werde bald als Kanzler abgelöst - und immer wieder fällt der Name von Wüst, wenn es um einen möglichen Nachfolger geht.
Ungewöhnlich viel Zeit für Wüst mit Präsident Erdogan
Wohl auch deshalb wird Wüst sogar in der Türkei anders wahrgenommen. Es ist sein erster Besuch am Bosporus und gleich trifft der Ministerpräsident des bevölkerungsreichsten deutschen Bundeslandes Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Satte 50 Minuten dauert die Audienz, ungewöhnlich lang für einen Auslandsvertreter, der nicht der jeweiligen Staatsregierung angehört. Danach folgen Treffen mit drei Ministern.

Das allein ist schon ein politischer Erfolg für den Regierungschef aus dem Bundesland im Westen Deutschlands, in dem ein Drittel der rund drei Millionen türkischstämmigen Menschen in Deutschland leben. Die Türkei und Nordrhein-Westfalen haben ein Handelsvolumen von über zehn Milliarden Euro. "Ich finde, es wird höchste Zeit, dass eine solche Reise stattfindet", betont Wüst.
15 Hauptstadtjournalisten und kein Wort von Wüst zur Kanzlerfrage
Er weiß natürlich: Die Bilder des Landesfürsten Wüst als Staatsmann auf internationalem Parkett, sie werden die Debatte um seine Ambitionen auf die deutsche Kanzlerschaft weiter befeuern. Auch wenn Präsident Erdogan eifrig sicherstellt, dass die offiziellen Fotos vor allem die protokollarische Lücke zwischen ihm als Staatspräsident und dem regionalen Landesvertreter aus Deutschland deutlich machen.
15 Journalisten aus Berlin haben volle drei Tage Bundeskanzler Merz in Berlin einfach Kanzler sein lassen, um den Mann, der überall als möglicher Nachfolger genannt wird, auf dem internationalen Parkett zu begleiten. Wüst selbst hält sich mit einer Bewertung der Gerüchte zurück, wie er es schon lange tut.

Wüst nennt Gespräch mit Erdogan "vertrauensvoll und offen"
Die Begegnung mit Erdogan beschreibt Wüst als ein "vertrauensvolles, offenes Gespräch." Das mache es ihm auch möglich, "kritische Dinge" anzusprechen. Gemeint ist offenbar die steigende Zahl von Verletzungen der Menschenrechte, die politische Verfolgung der Opposition und der kritischen Presse in der Türkei. Schon lange ist die Menschenrechtslage eines der zentralen Hemmnisse einer weiteren Annäherung an die Europäische Union.
Aus der Begleitung des aufstrebenden CDU-Politikers ist zu hören, man bemühe sich um eine "neue Tonalität", die "den Blick auf das Positive" richte. Will sagen: Lieber direkte Kritik hinter verschlossenen Türen als öffentliche Erklärungen, die später keinen Dialog mehr zulassen. Man bemühe sich, den "Ton fortzusetzen", den Kanzler Merz bei seinem Besuch in Ankara Ende Oktober vergangenen Jahres gesetzt habe. Wieder fällt der Name des Bundeskanzlers.

Wüst: Ohne "Gastarbeiter" kein Wiederaufstieg Deutschlands
Nach dem Gespräch mit Präsident Erdogan sagt Hendrik Wüst : "Es gibt ein großes Interesse daran, auch im Bereich Rüstung noch näher zusammenzuarbeiten." Er findet weitere Berührungspunkte zwischen der Türkei und Nordrhein-Westfalen: Die DITIB-Zentralmoschee der größten sunnitisch-islamischen Organisation in Deutschland ist in Köln beheimatet. Wüst weist darauf hin, dass es 65 Jahre her ist, dass die ersten Anwerbeabkommen mit der Türkei geschlossen wurden.
Zu lange habe Deutschland die vielen türkischstämmigen Menschen "gelegentlich als Problem" gesehen, sagt Wüst dann selbstkritisch vor Arbeitern und dem Management beim Betriebsbesuch der deutschen Firma Henkel. Aber es seien die sogenannten Gastarbeiter gewesen, die Deutschlands wirtschaftlichen Wiederaufstieg erst ermöglicht hätten.
Wüst ist es in drei Tagen Ankara und Istanbul gelungen, beides zu stärken: die deutsch-türkischen Beziehungen in den von der Bundesregierung definierten Leitplanken - und den Eindruck, dass man bei der Kanzlerfrage an ihm weiterhin nicht vorbeikommen wird. Und das obwohl er nichts dazu sagt und den Kanzler in der Öffentlichkeit demonstrativ unterstützt.
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