Hacker zielen auf Spenderblut: So ist die Schweiz gewappnet

- In Frankreich haben Hacker Anfang November einen Aufbewahrer von Spenderblut für den Blutspendedienst angegriffen.
- In der Schweiz sind bislang keine Attacken dieser Art bekannt.
- Redundante Systeme sollen dafür sorgen, dass allfällige Manipulationen früh erkannt werden.
Hacker verwandeln Kühlschränke in Europa in Backöfen, während diverse Flüge wegen Bombendrohungen zuletzt umgeleitet werden mussten. Wer hinter den Vorfällen steckt und mit welcher Motivation, ist weiterhin völlig unklar.
Nach den Angriffen auf Supermärkte in diversen Ländern Mitte Oktober ist Anfang November in Frankreich auch ein Unternehmen angegriffen worden, das Spenderblut für den landesweiten Blutspendedienst aufbewahrt. Während die Attacke frühzeitig erkannt und abgewehrt wurde, wirft der Vorfall Fragen dazu auf, wie gut Schweizer Unternehmen und Verbände im Gesundheitsbereich gegen solche Cyberattacken gewappnet sind.
So ist die Situation in der Schweiz
Die Blutspende Schweiz des Roten Kreuzes teilt gegenüber 20 Minuten mit, dass man bislang keine Kenntnis von Angriffen auf hiesige Blutspendedienste habe. «Die heutigen Bewilligungen und Überprüfungen der Blutspendedienste beinhalten das Szenario einer willentlichen oder unbeabsichtigten Veränderung der Temperaturen bei den Lagersystemen bereits», schreibt Kommunikationschefin Franziska Kellenberger. Zudem passe man die Sicherheitsinfrastruktur laufend an neue Entwicklungen an.
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Bei den Angriffen auf französische Supermärkte soll es den Angreifern aber auch gelungen sein, Warnsysteme ausser Gefecht zu setzen oder die Alarme zeitlich zu verzögern, wie «Le Temps» und das Cybersicherheitsunternehmen Orange Cyberdefense berichten. Wie gut die Schweizer Firmen und Spitäler gegen solche Angriffsversuche gewappnet sind, erfährst du in der Box.
Offline und redundant: So schützen sich Schweizer Unternehmen
Während Swissmedic für die Kontrolle von Blutherstellungs- und -vertriebsbetrieben zuständig ist, werden die reinen Blutlager von den kantonalen Heilmittelkontrollen inspiziert. «Bislang sind uns keine Angriffe bekannt», sagt Monika Niederhäuser Näpfer, Inspektorin bei der kantonalen Heilmittelkontrolle Zürich.
Grundsätzlich würden die Kühlsysteme nicht ferngelenkt: «Ich habe noch keinen Kühlschrank [in einem Blutlager] gesehen, den man über ein Onlinesystem steuern könnte», so Niederhäuser Näpfer. Zudem werden die Temperaturen mit redundanten Systemen überwacht. Während nebst der im Kühlschrank verbauten Temperaturanzeige normalerweise auch immer ein am Hausleitsystem angehängter Sensor die Temperatur überwacht, überwacht teils auch ein drittes System die Temperatur.
Um die Messungen zu manipulieren, müsste also mindestens ein System gehackt werden – auch dann dürfte die nicht ans Netz angeschlossene Temperaturwarnung der Geräte aber noch anschlagen. «Beides zu manipulieren, ist fast unmöglich. Auf dem einen oder anderen Weg erfolgt der Alarm also», so Niederhäuser Näpfer.
Die Heilmittelkontrolle führt regelmässige Inspektionen dazu durch, wie die Daten ausgespielt und erfasst werden und auf welchen Wegen Alarme ausgelöst werden. Grundlage dafür ist die 2020 verabschiedete Leitlinie «Inspektionen von Blutlagern» von Swissmedic.
Grundsätzlich besteht für solche Angriffe eine Meldepflicht, wie das Bundesamt für Cybersicherheit schreibt: Muss ein Blutspendedienst wegen eines Cyberangriffs auf Notfallpläne ausweichen oder werden Messdaten manipuliert, müsse der Vorfall grundsätzlich innert 24 Stunden gemeldet werden. Auch wenn eine Attacke über einen Fernwartungszugang eines Kühlsystem-Herstellers erfolgt, muss dies entsprechend gemeldet werden. Entsprechende Meldungen seien bislang nicht eingegangen.
Motiv und Täterschaft weiterhin unklar
Während seit dem 2. November keine neuen Angriffe auf Kühlsysteme in Europa mehr verzeichnet wurden, ist weiterhin völlig unklar, wer hinter den Hacks steckt. Bislang sind weder bei den Supermärkten noch beim Blutspendedienst Lösegeldforderungen eingegangen, wodurch die Frage nach dem Motiv weiterhin offen ist.
Sicherheitsexperten wie Peter Neumann vermuten am ehesten staatliche Akteure hinter den Angriffen. Die Cyberattacken dürften demnach zum Ziel haben, Europa zu schwächen und zu verunsichern. In dieses Muster passt laut Neumann auch die Serie von Bombendrohungen, die zuletzt diverse europäische Flüge traf. Wieso diese Strategie für die Angegriffenen so gefährlich sein kann, erklärt der Sicherheitsexperte hier ausführlicher.
Benedikt Hollenstein (bho) ist seit 2021 bei 20 Minuten. Er schreibt für den Newsdesk und übernimmt dort auch Tagesleitungsschichten.
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