Ozempic, Wegovy, Mounjaro usw. – Abnehmspritzen auf Krankenkassenkosten: Wer soll das bezahlen?

Esther Esposito spritzt sich einmal pro Woche Ozempic – seit sechs Jahren. Die 72-Jährige leidet an Typ-2-Diabetes und wog vor Beginn der Behandlung 120 Kilogramm. Die Veränderung, die sie seither erlebt, beschreibt sie so: «Mehr Lebensmut, ich bin mehr da im Leben.»
Steigende Nachfrage – auch aus Lifestyle-Gründen
Abnehmspritzen sind in der Schweiz immer stärker gefragt. Hausarzt Jawid Jalal, Arzt für Allgemeine Innere Medizin bei Medix, beobachtet die wachsende Nachfrage auch in seiner Praxis: «Es gibt deutlich mehr Nachfrage von Patientinnen und Patienten, die adipös sind und Gewicht verlieren wollen. Aber auch von jenen, die das mehr aus Lifestyle-Gründen machen.»
Krankenkassen übernehmen Abnehmspritzen nur ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 35 oder 28, wenn zusätzliche Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck vorliegen. Im Boom der Abnehmspritzen sehen Kritikerinnen und Kritiker einen Kostentreiber für die Krankenkassenprämien.
SVP fordert höhere Hürden
SVP-Nationalrat Mike Egger fordert in einem Vorstoss, die Hürden zu erhöhen. «Ich habe in meinem Umfeld Erfahrungen gemacht, dass das sehr einfach verschrieben wird. An Leute, die nicht stark übergewichtig sind. Mir ist es wichtig zu betonen: Die Leute, die etwa Diabetes haben, die sind selbstverständlich ausgenommen. Aber wir wollen den Schwellenwert, ab dem die Krankenkasse zahlt, entsprechend erhöhen. So, dass es zuerst andere Massnahmen braucht.»
Auch der Dachverband der Schweizer Krankenkassen Prio.Swiss kritisiert, Abnehmspritzen würden zu schnell verschrieben. Kommunikationsleiterin Martina Wagner betont, die Grundversicherung solle solche Präparate weiterhin finanzieren – unter Voraussetzungen: «Unsere Forderung ist, dass diese von der Grundversicherung finanziert werden, wenn alle Vorgaben von Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit eingehalten werden.»
Übergewicht kostet Milliarden – auch ohne Medikamente
Wer nur auf die Kosten der Abnehmspritzen schaut, greift laut Gesundheitsökonom Simon Wieser zu kurz. Er hat untersucht, was Übergewicht das Gesundheitssystem kostet. Das Ergebnis: 2022 verursachten Folgekrankheiten Gesundheitskosten von 3.7 Milliarden Franken. Hinzu kamen weitere 2.9 Milliarden Franken an Einkommensverlusten, weil betroffene Personen weniger produktiv waren.
Wieser plädiert für eine längerfristige Perspektive: «Im Moment haben wir hauptsächlich höhere Kosten, aber in Zukunft werden wir niedrigere Kosten haben, wenn wir Folgekrankheiten vermeiden können. Ausserdem hat man natürlich Lebensqualitätsverbesserungen bei diesen Personen, die auf die Medikamente ansprechen. Und: Das Gesundheitswesen ist nicht nur da, um Kosten zu sparen, sondern auch, um Gesundheit zu schaffen.»
Zu schnell verschrieben? Arzt widerspricht
Nationalrat Egger hält dennoch an seiner Forderung fest. Auf die Frage, ob er zu kurzfristig denke, sagt er: «Nein, Übergewicht muss man ernst nehmen, aber Fakt ist: Wir haben heute Systemkosten von 160 Millionen Franken, allein von diesem Medikament. Ausserdem gibt es viele Patienten, die die Behandlung schnell wieder abbrechen, wegen der Nebenwirkungen.»
Den Vorwurf, Abnehmspritzen würden zu leichtfertig verschrieben, weist Hausarzt Jalal zurück: «Wir haben klar definierte Regeln, wer dieses Medikament von der Krankenkasse vergütet bekommt. Da gibt es wenig Handlungsspielraum.»
Mehr dazu sehen Sie heute Abend um 21:50 Uhr auf SRF 1 oder Play SRF.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.