Psychoaktive Pflanzen – Wie alt ist der menschliche Drang nach Rausch?

- Der regelmässige Konsum psychoaktiver Pflanzen könnte bereits vor 16'000 bis 25'000 Jahren begonnen haben und damit lange vor der Entstehung der Landwirtschaft.
- Das zeigt eine internationale Studie unter der Leitung des Archäologen Adam Brumm, die in der Fachzeitschrift «Science Advances» veröffentlicht wurde.
Die Erkenntnisse stellen eine bisherige Annahme infrage. Der regelmässige Konsum berauschender Substanzen wurde lange mit der neolithischen Revolution vor rund 12'000 Jahren in Verbindung gebracht, als Landwirtschaft, Bierherstellung und die ersten dauerhaften Siedlungen entstanden.
Was eine Nuss über die Geschichte des Rauschs verrät:
Die Forschenden untersuchten die Skelettreste von zwei Jägern und Sammlern, die auf der indonesischen Insel Sulawesi gefunden wurden. Einer lebte vor etwa 16'000 bis 25'000 Jahren, der andere vor rund 6300 bis 7600 Jahren.
Auf ihren Zähnen entdeckten sie Spuren von Betelnüssen, den Früchten der Arekapalme (Areca catechu) oder einer verwandten Wildart wie Areca triandra.
Betelnuss: eine alte psychoaktive Substanz
Wie das Radio und Fernsehen der italienischen Schweiz (RSI) berichtet, ist die Betelnuss heute nach Alkohol, Koffein und Nikotin die vierthäufigste konsumierte psychoaktive Substanz weltweit. Rund 600 Millionen Menschen, vor allem in Südasien und im Pazifikraum, konsumieren sie. Das entspricht etwa einem von zehn Menschen weltweit.
Wann diese verbreitete Gewohnheit entstand, war bislang allerdings unklar. Die ältesten gesicherten Spuren des Betelnusskonsums stammten aus der Bronzezeit in Thailand und waren etwa 3000 bis 3500 Jahre alt.
Traditionell wird die getrocknete Betelnuss zerkleinert und zusammen mit Calciumhydroxid (Löschkalk) in ein Blatt des Betelpfeffers gewickelt. Daraus entsteht ein sogenannter Betelbissen, auf Englisch betel quid.
Typische Folgen des Kauens sind eine auffällig rote Färbung des Speichels und dunkle, dauerhafte Verfärbungen der Zähne.
Der psychoaktive Wirkstoff Arecolin erweitert unter anderem die Blutgefässe, regt den Speichelfluss an und erhöht die Wachsamkeit. Zudem kann er ein leichtes Gefühl der Euphorie hervorrufen.
Chemische Spuren liefern weitere Hinweise
Die für das Betelkauen typischen dunkelroten Verfärbungen durch Kalk fehlten an den Zähnen der Skelettüberreste aus Sulawesi. Deshalb untersuchten die Forschenden die Funde mit hochempfindlicher Massenspektrometrie.
Dabei wiesen sie Moleküle von Arecolin nach, dem wichtigsten psychoaktiven Wirkstoff der Betelnuss.
Laborversuche bestätigten zudem einen möglichen Mechanismus: Wird eine ganze Betelnuss über längere Zeit im Mund behalten und gelutscht, können bedeutende Mengen des Wirkstoffs freigesetzt werden. Kalk oder das Zerkleinern der Nuss sind dafür nicht notwendig.
Zwischen Schmerzlinderung und Abhängigkeit
Doch weshalb hielten die Menschen die harten Nüsse über Jahre zwischen den Zähnen, obwohl dadurch der Zahnschmelz abgetragen und teilweise sogar die Zahnwurzeln freigelegt wurden?
Eine mögliche Erklärung sehen die Forschenden in der Wirkung des Arecolins. Der Stoff wirkt stimulierend und schmerzlindernd.
Beide untersuchten Skelette wiesen schwere Parodontitis und chronische Abszesse auf. Die Forschenden vermuten deshalb, dass die Betelnuss zunächst zur Linderung von Zahnschmerzen verwendet wurde. Daraus könnte sich mit der Zeit eine über Jahrzehnte andauernde Abhängigkeit entwickelt haben.
Die Entdeckung deutet darauf hin, dass Menschen schon vor der Entstehung der Landwirtschaft gezielt Substanzen nutzten, die das Bewusstsein verändern oder Schmerzen lindern können. Ein solches Verhalten findet sich auch im Tierreich.
Verhaltensstudien zeigen, dass zahlreiche Tierarten gezielt Pflanzen oder andere Stoffe mit aktiven Wirkstoffen aufnehmen.
Ein Beispiel sind Schimpansen in Guinea-Bissau. Sie wurden dabei beobachtet, wie sie vergorene Früchte assen und untereinander teilten. Das Verhalten erinnert laut den Forschenden an ein soziales Ritual.
Auch die bekannte Reaktion von Katzen auf Katzenminze (Nepeta cataria) beruht auf einem Wirkstoff. Nepetalacton aktiviert bei den Tieren das Opioidsystem und wirkt gleichzeitig als natürliches Mittel gegen Mücken.
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