Neues Wirtschaftsranking – Eine Schweiz voller Cluster

Darum geht es: Das Bundesamt für Statistik hat die kantonale Wirtschaftsleistung für die Jahre 2011 bis 2024 neu berechnet. Das Ergebnis: Die starken Wirtschaftsregionen der Schweiz treten noch deutlicher hervor. Zwar haben auch die alten Zahlen gezeigt, dass viel Wertschöpfung in den Räumen Zürich, Basel, Genf und Zug entsteht. Nun zeigt sich die Wirtschaftskraft dieser Cluster aus grossen, international tätigen Firmen noch akzentuierter. Durch die neue Methode hat etwa das Bruttoinlandprodukt (BIP) des Pharma-Standorts Basel-Stadt im Referenzjahr 2022 um 30 Prozent zugelegt. In Genf, wo viele Rohstoffhändler und Banken sitzen, hat sich die Wertschöpfung um fast 50 Prozent gesteigert.
Das Bundesamt für Statistik hat die kantonalen BIP-Zahlen bisher «top-down», also von oben nach unten, berechnet: Dabei wurde die gesamte Wertschöpfung der Schweiz auf die einzelnen Kantone heruntergebrochen. Die Werte waren weitgehend Schätzungen, die sich an der Zahl der Beschäftigten in einem Kanton orientierten.
Neu geht es jetzt von unten nach oben: Die Statistikerinnen und Statistiker berechnen die kantonale Wertschöpfung nun in erster Linie mit Hilfe von Unternehmensdaten, die sie den einzelnen Kantonen zuordnen. Das bildet die wirtschaftliche Realität genauer ab – und sorgt auch für ein paar Überraschungen: So weisen die Kantone Schaffhausen und Neuenburg beide neuerdings ein knapp 50 Prozent höheres Bruttoinlandsprodukt auf als früher – in beiden Fällen die Folge von ein paar wenigen Unternehmen, die dort sitzen und dem Kanton nun eindeutig zugeordnet wurden.
Das zeigen die Zahlen: Die revidierte Statistik korrigiert die BIP-Zahlen in acht Kantonen teils stark nach oben, darunter Basel-Stadt, Genf, Neuenburg oder Zug. In den übrigen 18 Kantonen liegen die neuen Werte tiefer als vorher, etwa in Glarus, St. Gallen oder im Tessin. Die neuen Zahlen verdeutlichen, welch entscheidende Rolle Grossunternehmen und Branchencluster für die Wirtschaftsleistung der Schweiz spielen. «Die internationalen Konzerne sind quasi der Nukleus der Schweizer Wettbewerbsfähigkeit», sagt Michael Grass vom Basler Wirtschaftsforschungsinstitut BAK. «Dank ihrer hohen Produktivität schaffen diese Konzerne pro Stelle eine viel höhere Wertschöpfung als KMU.» Kleine und mittlere Unternehmen seien zwar weiterhin wichtig für die Schaffung von Arbeitsplätzen. Aber da wo viele Arbeitsplätze sind, passiere heute nicht mehr automatisch die meiste Wertschöpfung. Das beste Beispiel dafür sind Kantone wie Genf, Basel oder Zug: Dort entsteht mit vergleichsweise wenig Leuten viel Wertschöpfung, sichtbar an den hohen BIP-pro-Kopf-Zahlen.
So ändert sich die kantonale Wirtschaftslandschaft: Das wirtschaftliche Gewicht in der Schweiz verschiebt sich ein Stück weit gen Westen. Zwar bleibt der Kanton Zürich mit einem BIP von 167 Mrd. Fr. im Jahr 2024 das wirtschaftliche Schwergewicht unter den Kantonen. In grossem Abstand erst folgt Genf mit gut 87 Mrd. Fr. Doch nimmt man zu Genf noch die Waadt, Neuenburg und das Wallis hinzu, erwirtschaftet die Region deutlich mehr als Zürich. Auch Zug und Basel haben gegenüber Zürich an wirtschaftlicher Bedeutung gewonnen.
So könnte die Zukunft aussehen: Für Grass weisen die neuen kantonalen Zahlen in Richtung Konzentration. Die Schweiz entwickle sich in Richtung einer Wissensökonomie: «Es geht immer mehr um Funktionen wie Forschung, Hauptsitz, Patentverwaltung, Grosshandel, Finanzierung von Unternehmen.» Solche Funktionen haben laut Grass die Tendenz zur Ballung: «Sie suchen die Nähe zu Talenten und auch die Nähe zueinander.» Je mehr die Schweiz also Richtung Wissensökonomie gehe, desto mehr werde sich die Wirtschaftskraft der Schweiz in den urbanen Zentren konzentrieren.
Die Folgen für den Arbeitsmarkt: Mehr räumliche Konzentration, mehr hochproduktive Cluster - schlechte Aussichten also für KMU, für reine Produktionsstandorte oder für Randregionen? Grass relativiert: Grosse Konzerne könnten wie Anker wirken in einem wirtschaftlichen Ökosystem. Um sie herum profitierten wiederum viele andere Unternehmen, auch KMU. Und: Über Pendlerströme könnten in der Schweiz auch Randregionen am Wachstum teilhaben. Für den Ökonomen spricht deshalb wenig gegen eine Zukunft der Schweiz als Wissensökonomie.
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