«Sonntag ist Horror – habe seit zehn Jahren Angst vor dem Montag»

- Manche Menschen fürchten sich schon am Wochenende vor dem Montag – dieses Phänomen heisst «Sunday Scaries».
- Zwei Leser schildern, wie Anspannung und Grübeln ihre freien Tage bestimmen.
- Laut US-Umfrage erlebt fast jede vierte befragte Person die Angst vor dem Wochenstart jede Woche.
Angst vor Höhen, Angst vor Spinnen, Angst vor Menschenmengen – und dann gibt es noch eine Angst, die jede Woche aufs Neue auftreten kann: die Angst vor dem Montag. Was zunächst banal klingt, kann für Betroffene am Wochenende zur echten psychischen Belastung werden.
Wie Leserinnen und Leser aus der 20-Minuten-Community erzählen, dreht sich bei ihnen teils bereits am Samstag alles um den Wochenstart – ein Gefühl von Stress, Unruhe und Unwohlsein. «Je näher der Montag rückt, desto stärker wird die Anspannung», erzählt K. (33).
«Ich finde am Wochenende nur schwer zur Ruhe»
Für K. beginnt das belastende Gefühl meist am Sonntag. «Der unangenehme Gedanke an die neue Arbeitswoche begleitet mich den ganzen Tag. Ich habe Angst, Fehler zu machen, etwas Falsches zu sagen und den Anforderungen nicht zu genügen.» Der 33-Jährige ist seit knapp einem Jahr als Quereinsteiger in einer Fachrichtung der Finanzbranche tätig.
Fragen zu stellen oder seine Meinung zu äussern, überlege er sich deshalb genau. «Dafür brauche ich ein Umfeld, in dem Fragen erlaubt sind und Feedback konstruktiv erfolgt.» Dieses fehle ihm zurzeit. Statt sich am Wochenende zu erholen, kreisten seine Gedanken um die kommende Woche. «Ich möchte gerne abschalten, finde aber nur schwer zur Ruhe, weil ich mich gedanklich bereits auf die nächste belastende Situation vorbereite.»
Sport und Therapie helfen ihm, mit der Angst vor dem Wochenstart umzugehen. «Auf Dauer ist es jedoch sehr anstrengend, ständig stark sein und meine Zweifel überwinden zu müssen.»
«Der Sonntag ist mein Horror-Tag»
Nicht immer steht hinter der Angst vor dem Montag ein Konflikt am Arbeitsplatz. Ein Leser, der anonym bleiben möchte, übt seine Tätigkeit nach eigenen Angaben gerne aus. Dennoch kenne der Personalberater das Gefühl seit rund zehn Jahren.
Seine Samstage verbringe er mit seinem Sohn, im Fitnessstudio und als Trainer. Am Abend beginne es dann bereits in seinem Kopf zu rattern: «Morgen ist Sonntag – und dann ist Montag. Der Sonntag ist für mich prinzipiell ein Horror-Tag.» Er erzählt: «Ich wache auf und bin direkt frustriert. Der Tag ist für mich schon gelaufen.» Noch im Bett stelle er den Wecker für Montag, danach bereite er seine Arbeitskleider vor. Zwar verbringe er viel Zeit mit seiner Familie, gedanklich sei er jedoch oft nicht bei der Sache. «In meinem Kopf kreist ständig der Gedanke: Bald kommt der Montag.» Für ihn ist klar: «Wäre ich nicht Vater, würde ich den ganzen Tag zu Hause verbringen und darauf warten bis Montag ist.»
Für einen ruhigen Montag arbeitet er bereits am Sonntag
Damit er einigermassen ruhig in die Woche starten kann, müsse er am Sonntag jeweils spätestens um 16 Uhr zu Hause sein. Dann setze er sich an den Computer, schaue Mails durch und beantworte teils bereits Nachrichten. Diese Routine sei für ihn die «psychische Vorbereitung» auf den Wochenstart. «Wenn ich das nicht machen kann, dann komme ich fast nicht darauf klar und die Woche ist zum Scheitern verurteilt.»
Am Montag selbst achte er darauf, am Vormittag keine Kundentermine zu vereinbaren. «Ich benötige meist einen Vormittag, um mit mir selbst klarzukommen.»
Was steckt hinter dieser Angst?
Diese Angst vor dem Wochenstart hat auch einen Namen: «Sunday Scaries». Gemeint sind damit Gefühle von Stress, Unruhe oder Angst vor der bevorstehenden Arbeits- oder Schulwoche.
Dass die Angst vor dem Montag kein Einzelfall ist, zeigt eine aktuelle US-Umfrage der Jobplattform FlexJobs. Von über 2100 befragten Erwerbstätigen gaben 57 Prozent an, die sogenannten «Sunday Scaries» zumindest gelegentlich zu erleben. Fast jede vierte befragte Person verspürt die Angst sogar jede Woche.
Eine wissenschaftliche Untersuchung aus dem Jahr 2026 mit 26 Erwerbstätigen in den Niederlanden geht der Frage nach, was die Gründe für die Angst vor dem Montag sind. Sie zeigt, dass unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen können. Dazu gehören etwa unerledigte Aufgaben, bevorstehende Herausforderungen bei der Arbeit oder der Druck, die freie Zeit am Wochenende möglichst gut nutzen zu müssen. Die Betroffenen berichteten unter anderem von Nervosität, Stress, Müdigkeit und kreisenden Gedanken.
Was sagen Experten dazu?
Ein leichtes Unwohlsein am Montagmorgen sei normal, sagt Arbeitspsychologe Norbert Semmer. «Nicht normal ist aber ein ungutes Gefühl bei dem Gedanken an die bevorstehende Arbeitswoche.» Arbeitspsychologin Corinne Baumgartner bezeichnet dies als «Erwartungsangst»: die Befürchtung, dass etwas Unangenehmes oder nicht Bewältigbares bevorsteht. Häufig spielten dabei frühere negative Erfahrungen eine Rolle.
Wer Stress, Konflikte oder Fehler gedanklich mit nach Hause nehme, erhole sich schlechter und schlafe oft schlechter, erklärt Semmer. «Dieses Grübeln hält den Stress am Leben.» Auch Baumgartner warnt: «Solche Gedanken beeinträchtigen die Erholung massiv.» Hoher Leistungsdruck, anspruchsvolle Wochen und Konflikte am Arbeitsplatz können die Sorgen verstärken. Betroffen sein könnten jedoch auch Menschen, die ihren Beruf gerne ausüben.
Ab wann ist es nicht mehr normal?
Problematisch wird es laut Semmer, wenn die Belastung über längere Zeit anhält – besonders, wenn Betroffene mit Angst zur Arbeit gehen. Baumgartner ergänzt: «Wenn das Grübeln das Wochenende bestimmt und den Alltag beeinträchtigt, wird es beunruhigend.» Dann raten die Fachpersonen, Unterstützung zu suchen.
Bist Du auch betroffen? Das könnte helfen
Die Arbeitspsychologen Corinne Baumgartner und Norbert Semmer raten, die Sorgen nicht einfach wegzudrücken. Wer erkennt, was die Angst vor dem Wochenstart auslöst, kann gezielter gegensteuern.
- Woche abschliessen: Unerledigte Aufgaben aufschreiben und die wichtigsten Punkte für Montag planen. Das könne helfen, gedanklich loszulassen.
- Erholung bewusst einplanen: Sport, Bewegung, Musik, soziale Kontakte oder andere Aktivitäten, die Freude machen, schaffen Abstand zur Arbeit.
- Gedanken hinterfragen: Statt «Das schaffe ich nie» helfe ein realistischerer Satz wie: «Ich erledige eine Aufgabe nach der anderen.»
- Darüber sprechen: Belastungen mit einer Vertrauensperson, Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzten ansprechen. Vielleicht liessen sich Konflikte oder Arbeitsabläufe verbessern.
- Hilfe holen: Bestimmt das Grübeln das Wochenende, beeinträchtigt den Schlaf oder hält die Angst länger an, könne professionelle Unterstützung sinnvoll sein.
Wenn sich trotz Gesprächen und Veränderungen nichts verbessert, kann es laut Semmer auch wichtig sein, zu prüfen, ob die aktuelle Stelle langfristig noch passt.
Wie stark kennst Du das Gefühl, dass Dir der Montag schon am Wochenende auf den Magen schlägt?
Selina Keller (sek) arbeitet seit 2025 bei 20 Minuten und ist Redaktorin im Ressort Community
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